Spurensuche, 05.05.2018

von Dr. Ute Stenert aus Bonn

Kirche für einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Für einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk bezieht Dr. Ute Stenert Stellung. Sie unterstützt die Haltung der katholischen Kirche in der zurzeit heftig geführten Diskussion.

Seit Monaten gibt es einen massiven Streit zwischen den Verlegern und ARD und ZDF. Es geht um die Online-Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender. Von „gebührenfinanziertem Staatsfunk“ und „Kommerzjournalismus“ ist die Rede. Ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht ein Auslaufmodell? Das Gegenteil ist der Fall. Wir brauchen heute mehr denn je einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Er muss sich daher den neu entstehenden Kommunikationsräumen anpassen können. Die Auseinandersetzung geht am Kern des Problems vorbei. Die großen Internetplattformen und digitalen Inhalte-Anbieter wie YouTube und Netflix machen Verlegern und Sendern gleichermaßen Konkurrenz. Statt eine gemeinsame Offensive für Qualitätsjournalismus zu führen, ist der Streit eskaliert.

Dabei verdeckt er tiefergehende Fragen: Wie wird auch künftig in einer mehr und mehr auseinanderdriftenden Gesellschaft eine gemeinsame Öffentlichkeit hergestellt? Täglich ist diese Entwicklung in den sozialen Medien zu beobachten. Unmittelbare, vielfach unreflektierte und deutlich wertende Kommunikation ist dort zu finden, auch Hassbeiträge, Gewaltdarstellungen, Häme sind keine Seltenheit. Es geht darum, Meinungsvielfalt herzustellen und zur kulturellen Identität beizutragen. Hier leistet – neben den Verlagen und den privaten Sendern – der öffentlich-rechtliche Rundfunk einen unverzichtbaren Dienst. Daher braucht er dauerhaft eine Bestands- und eine Entwicklungsgarantie. Dafür macht sich auch die katholische Kirche in Deutschland stark. Auf den ersten Blick mag das verwundern. Gehört das auch zu ihren Aufgaben?

Eine Aufgabe der katholischen Kirche?

Kirche orientiert sich am Dienst für den Menschen: auf pastoraler und auf karitativer Ebene. Und in ihrem politischen Engagement versteht sie sich als Anwältin des Gemeinwohls. Leitmotiv ist das friedliche Zusammenleben der Menschen in einer freiheitlichen Grundordnung. Unter diesen Vorzeichen steht auch die Rundfunkpolitik der katholischen Kirche. Aktuelle Entwicklungen werden beobachtet und eingeordnet. Nach christlichem Verständnis ist bei der Beurteilung von Prozessen entscheidend, ob diese für den einzelnen und das Gemeinwohl dienlich sind.

Aufmerksam verfolgen wir daher auch die Diskussion um die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in anderen europäischen Ländern. Gegenwärtig wird – um nur einige Beispiele zu nennen – in Ungarn, Österreich, Dänemark und England intensiv die „Rundfunkfrage“ debattiert. Oftmals werden die Kampagnen mit dem Vorwurf geführt, die Öffentlich-Rechtlichen würden Falschmeldungen verbreiten und einseitig berichten. In den sozialen Netzwerken entlädt sich bisweilen eine ungehemmte und verstörende Wut auf die etablierten Medien. Vor allem in der Flüchtlingsberichterstattung wird ihnen Lüge, Einseitigkeit und Manipulation vorgeworfen. Mit dem Erstarken populistischer Bewegungen in Europa erfährt diese unreflektierte Wut eine länderübergreifende politische Stimme. Gerade in diesen Zeiten brauchen wir die Öffentlich-Rechtlichen. Sie haben für die Vermittlung von Werten und die umfassende Information sowie für das Einordnen von Fakten eine zentrale Funktion.

Eine besondere Verantwortung

Nun werden Kritiker einwenden, dass dies eine kostenaufwändige Aufgabe ist. Sie haben Recht. Ein Reformbedarf ist gewiss notwendig, insbesondere mit Blick auf Struktur- und Finanzfragen. Nach unserer Beobachtung sind hier ARD und ZDF mit ihren in Gang gesetzten Maßnahmen auf einem guten Weg.

Die katholischen Vertreter in den Aufsichtsgremien von ARD und ZDF haben sich öffentlich positioniert. Mit Blick auf die zunehmende Verrohung in den sozialen Netzwerken haben sie betont: öffentlich-rechtliche und private Sender sowie die Verleger müssen sich gemeinsam für eine differenzierte Debattenkultur engagieren. Es ist eine übergreifende Aufgabe der Medien, Werte zu vermitteln und zur gesellschaftlichen Integration beizutragen. Die Öffentlich-Rechtlichen haben einen spezifischen Auftrag und damit eine besondere Verantwortung. Aus diesem Verständnis plädiert die katholische Kirche für einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk.


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Dieser Beitrag wurde am 05.05.2018 gesendet.


Über die Autorin Ute Stenert

Dr. Ute Stenert, Jahrgang 1971, ist Leiterin des Referats Rundfunk und Medienethik im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Seit über 20 Jahren ist sie als freie Autorin für unterschiedliche Medien tätig.