Wort zum Tage, 22.03.2018

Pfarrer Lutz Nehk aus Berlin

Ein mutiger Bischof

Bevor er Bischof von Münster wurde, war er lange Seelsorger in Berlin – Clemens August Graf von Galen. 23 Jahre lang, von 1906 bis 1929, wirkte er in der Reichshauptstadt. Davon 10 Jahre als Pfarrer der großen Gemeinde St. Matthias am Winterfeldtplatz in Berlin-Schöneberg. 1933 wurde er zum Bischof von Münster in Westfalen geweiht. Er blieb es 12 Jahre lang, bis zu seinem Tod am 22. März 1946, heute vor 72 Jahren.

Wegen seiner mutigen Predigten gab ihm der Volksmund den Beinamen „Der Löwe von Münster“. Eine Predigt fand große Beachtung. Am 3. August 1941 prangerte er in der St. Lambertikirche im Zentrum Münsters unverhohlen und mit scharfen Worten die NS-Patientenmorde an, die Tötung des von den Nazis sogenannten „lebensunwerten Lebens“. Diese Predigt Galens gegen das Euthanasie-Programm der Nazis wurde als Flugblatt weit über die Grenzen der Stadt Münster verbreitet.

Ein Kerngedanke der Predigt: „Jetzt wird auch das fünfte Gebot: ‚Du sollst nicht töten!‘ beiseite gesetzt und unter den Augen der zum Schutz der Rechtsordnung und des Lebens verpflichteten Stellen übertreten, da man es sich herausnimmt, unschuldige, kranke Mitmenschen, vorsätzlich zu töten, nur weil sie ‚unproduktiv‘ sind, keine Güter mehr produzieren können.“

Ich lese diese Worte des Bischofs heute und werde an die „dunkle Zeit“ deutscher Geschichte erinnert. Diese Worte erinnern mich auch an die Worte Jesu in der Bergpredigt: Dort greift er ebenfalls das fünfte Gebot auf und verschärft es noch: Für ihn ist es schon ein Vergehen gegen das Gebot „Du sollst nicht töten“, wenn ich den Anderen beschimpfe, ihn mit Worten angreife und fertig mache, wenn ich sein Leben mit meinen Worten erniedrige. Das ist für Jesus schon Töten.

Und heute? Ich höre und lese ausländerfeindlichen Sprüche und Parolen, die antisemitische Hetze, die Pöbelei gegen die Flüchtlinge. Es richtet sich immer gegen Menschen. Auch demokratisch gewählte Politiker, die mit einem Mandat als Volksvertreter in deutschen Parlamenten sitzen, vergreifen sich mit üblen Worten am Leben von Menschen, die mit uns in diesem Land leben, die meine Nachbarn sind. Ich höre den grölenden Jubel der Leute, die dem zustimmen.

Erinnerung an „dunkle Zeit“ und heute – an seinem Gedenktag – dankbare Erinnerung an den mutigen Bischof von Münster.


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Dieser Beitrag wurde am 22.03.2018 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Lutz Nehk

Lutz Nehk (Jahrgang 1957) ist Pfarrer an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin-Charlottenburg. Seit 2014 ist er zudem „Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit“ und ist Mitarbeiter an der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. Kontakt
lutznehk@t-online.de

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