Am Sonntagmorgen, 15.04.2018

von Andrea Fleming aus München

„Gottes Adresse in der Großstadt. Ordensgemeinschaften in der City-Pastoral“

Autorin
Ein Freitagabend in der Fastenzeit in der Münchener St- Michaelskirche: Der große Rennaissancebau in der Innenstadt ist anheimelnd beleuchtet, auf den Bänken stehen unzählige Kerzen, stimmungsvolle Orgelmusik lädt Passanten aus der Fußgängerzone zum Verweilen ein. „Choral Evensong“ heißt die aus der anglikanischen Kirche entliehene Liturgieform, bei der die musikalische Gestaltung einen wichtigen Raum einnimmt. Das Vokalensemble „Collegium Monacense“ hat für diesen Abend englische und deutsche Stücke ausgewählt, die in die österliche Bußzeit passen. Pater Karl Kern gibt einen kurzen geistlichen Impuls. Die Kirche ist gut besucht und sowohl Stamm- wie auch Zaungäste sind sehr angetan von dem neuen Format, das bereits in der Adventszeit eingeführt wurde.

Besucher
Ich bin zufällig herein... Was sehr gut war: hier der Chor, der in meinen Augen ganz hervorragend das hier untermalt hat, uns hier ne tolle Symbiose aus Licht, aus Text und aus Musik. … In der Fußgängerzone durchgelaufen und gedacht, mal schaun, was... Licht brannte... Ich war jetzt angenehm überrascht über die guten Texte, die jetzt am Schluss noch hier und die gesamte Symbiose aus Musik, Text und Lichteffekten.

Besucherin
Ich fands sehr sinnenvoll und sehr ansprechend, hat mir gut gefallen. Sehr in die Tiefe gegangen, indem auch unterschiedliche Sinne angesprochen wurden mit dem Weihrauch, den Lichtern und dem schönen Chor.

älteres Ehepaar
Wir gehen auch sonntags hier in die Kirche. Mein Mann ist Engländer und deswegen genießen wir es noch mehr. Man fühlt sich eigentlich wie in England... [Er:] Die Worte sind mir sehr vertraut, die der Chor heute Abend gesungen hat. [Sie:] Es tut richtig gut und die Atmosphäre ist hier auch wunderbar... mit den Kerzen... es ist wirklich ganz wunderbar!

Autorin
Auch wenn die Kirche St. Michael keine eigene Pfarrei ist, sondern als sogenannte Rektoratskirche eine Nebenkirche des Doms, fühlen sich viele Menschen hier zu Hause, kommen regelmäßig in die Gottesdienste, nutzen das reiche Angebot an Vorträgen, Gesprächskreisen und die geistliche Begleitung durch die Jesuiten, die hier zuständig sind. Doch nicht nur an diese Besucher richtet sich das Veranstaltungsprogramm. Kirchenrektor Pater Karl Kern beschreibt die Menschen, auf die er und sein Team die liturgischen und pastoralen Angebote ausrichten:

P. Karl Kern SJ
Mein Zielpublikum sind Stammgäste, die immer kommen, also Katholiken, aber auch evangelische Christen, die mit St. Michael verbunden sind. Aber ich ziele an, dass gerade Menschen, die eher fernstehend sind - und vor unserer Türe sind es in der Stunde über 10.000 Passanten, also Menschen, die interessiert sind durch den Raum, durch die Liturgien, die Angebote - anzusprechen.

Autorin             
Musik und gute Predigten, das waren schon seit ihrer Gründung im 16. Jahrhundert die Schwerpunkte dieser Kirche, deren spirituelle Anziehungskraft seit Beginn vom Wirken der  Jesuiten geprägt war. Ihre Lage mitten in der Fußgängerzone mit der frisch renovierten Fassade, die sich harmonisch eingefügt in das Straßenbild, macht St. Michael zu einem Touristenmagnet und lädt gleichzeitig als Ort der Ruhe und Besinnung zum Innehalten und Verweilen ein. Pater Kern sieht darin eine große Chance:

P. Karl Kern SJ
Wir verstehen St. Michael als geistliches Zentrum, als geistliche Oase, wo man ganz ungefragt anlanden kann und wo man sich in dem Maße, wie man sich angesprochen fühlt, auch hineinziehen lassen kann in Einzelgespräche, Gruppen, regelmäßige Angebote, auch kleinere Gebetskreise, oder natürlich die großen Liturgien.

Autorin
„Gott braucht eine Adresse“ – so steht es auf der Internetseite der Michaelskirche, auf der die vielen Angebote beschrieben sind, die im Laufe des Kirchenjahres Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen absprechen möchten. Da ist die Aktion „Liebensbriefe“ nach einem Wortspiel zwischen Liebes- und Lebensbriefen, mit der Kinder aus den umliegenden Schulen im Oktober in die Kirche eingeladen werden, um Briefe an ihre verstorbenen Liebsten zu schreiben und so einen kreativen Zugang zum Geheimnis von Tod und Auferstehung bekommen sollen. Rund um Allerheiligen und Allerseelen sind dann diese Briefe an den Seitenaltären der Kirche ausgestellt und geben auch Stammgästen und Touristen wertvolle Gedankenanstöße.

Der Valentinsgottesdienst lädt Paare zu einem besonderen Segen ein und erfreut sich großer Beliebtheit, wie auch der ökumenische Gottesdienst für Alleinerziehende und Geschiedene, die sich hier in besonderer Weise in ihrer Situation wahrgenommen fühlen.

Pater Kern sieht eine besondere Chance darin, als Ordensgemeinschaft die Citypastoral mitzuprägen. Die kontinuierliche Präsenz, die überdurchschnittlich starke personelle Besetzung, sieht er als Vorteil, um den Menschen mehr und anderes anbieten zu können, als sie es in einer normalen Gemeinde vielleicht finden:

P. Karl Kern SJ
Ich fühle mich schon ein Stück als Großstadtmissionar in einer sehr offenen und freigebenden Weise, diesen Raum mit Leben zu erfüllen und mit Attraktivität zu erfüllen, dass Leute spüren: Ich krieg hier was, ich nehm was mit!   

Autorin
Damit die Botschaft ihre ganze Wirkung entfalten kann, legt Pater Kern Wert auf die Ästhetik des Gesamtbildes: Für ihn muss die äußere Gestaltung des Raums mit der Form der Liturgien und der Botschaft des Gesagten zusammenpassen:

P. Karl Kern SJ
Glaube muss heute in einer überzeugenden Ästhetik weitergegeben werden. Ich entwerfe selber Messgewänder, ich schaue, dass die Liturgie gleichzeitig streng und sehr menschlich rüberkommt. Streng in dem Sinn, dass man sagt: Da ist etwas Geformtes, dem man sich auch aussetzen kann. Dass die Ästhetik des Raumes, die Ästhetik der Liturgie ... dass da nicht irgendwelches Gerümpel rumsteht, dass da nicht irgendwelche Anschläge an der falschen Stelle sind ...   

Autorin
Jenseits der Hektik des Alltags und der hohen Ansprüche, die das Arbeitsleben und die privaten Beziehungsnetzwerke an die Menschen stellen, sollen sich die Menschen in St. Michael aufgenommen, gestärkt und ermutigt fühlen.

P. Karl Kern SJ
Wenn die Menschen die Unterbrechung des Gewöhnlichen spüren in dem, was man vielleicht Andacht oder gar Ehrfurcht nennen könnte, was in jedem Menschen grundgelegt ist... stehenbleiben, sitzenbleiben, sich gehen lassen, sowas wie ne innere Berührung spüren und spüren, es geht hier um mich … Und es geht um meine Sehnsucht nach Leben. Denn Citypastoral gerade heute muss es verstehen, die oft verschütteten Lebensfragen, die Sehnsüchte der Menschen, die es ja gibt und die großen Fragen des Menschen, die bleiben auch... Aber dass die spüren: Mensch, die sind von heute. Und sie wecken in mir etwas, dem ich mal nachgehen sollte... Etwas in Freiheit in einem anderen wachrufen, das wäre mein Anliegen.

Autorin
Szenenwechsel: Zwischen Hauptbahnhof und Königsplatz liegt ein wichtiger Treffpunkt für ein ganz anderes Zielpublikum. Für Menschen, die auf der Straße leben, aus unterschiedlichen Gründen, ist die Abtei der Benediktiner von St. Bonifaz eine wichtige Anlaufstelle geworden. Schon der heilige Benedikt hat in seiner Regel die wichtige Funktion des Bruders an der Klosterpforte beschrieben:

Sprecher liest aus der Regel des Hl. Benedikt
An die Pforte des Klosters stelle man einen weisen älteren Bruder, der Bescheid zu empfangen und zu geben weiß (…)
Der Pförtner soll seine Zelle neben der Pforte haben, damit alle, die ankommen, dort immer einen antreffen, von dem sie Bescheid erhalten.
Sobald jemand anklopft oder ein Armer ruft, antworte er: "Dank sei Gott" oder "Segne mich".
Mit der ganzen Sanftmut eines Gottesfürchtigen und mit dem Eifer der Liebe gebe er unverzüglich Bescheid.

Autorin
Diese Worte hatte Frater Emmanuel Rotter durchaus im Ohr, als er vor 27 Jahren den Pfortendienst übenahm und immer wieder Obdachlose empfing, die um Unterstützung baten. Und die bekamen sie in St. Bonifaz auch, so dass ihre Zahl stetig wuchs. Zunächst kamen 5-6 Personen am Tag, dann waren es zwanzig, heute werden bis zu 250 Menschen am Tag versorgt. Frater Emmanuel sieht das als eine wesentliche Aufgabe seiner Ordensgemeinschaft:

Frater Emmanuel Rotter
Grad wir als Benediktiner in der Stadt, wie in München, sind aufgefordert, sogar von Benedikt, unserem Ordensgründer, die aufzunehmen wie Christus. … Besonders in den Armen sollen wir Christus verehren.

Autorin
Mittlerweile ist Frater Emmanuel Prior von Sankt Bonifaz, also Vertreter des Abtes und hat sich dafür stark gemacht, dass für die Unterstützung der Obdachlosen solide Strukturen geschaffen und nicht nur Almosen gegeben werden. Heute gibt es im eigens dafür gebauten Haneberghaus täglich warmes Essen, Kleidung, die Gelegenheit, sich zu waschen und medizinisch versorgt zu werden – und das 365 Tage im Jahr. Frater Emmanuel ist überzeugt, dass die Sorge um diese Menschen auch ihm und seinen Mitbrüdern gut tut:

Frater Emmanuel Rotter
Die Arbeit erdet uns, unsere Ordensgemeinschaft, dass wir keine abgehobene Gesellschaft oder unnahbare Menschen sind, weil wir im Ordensgewand rumlaufen oder Mönche sind, sondern dass wir teilhaben an dem, was geschieht, im Guten wie im Schlechten.

Autorin
Die Arbeit für die Obdachlosen wird von vielen unterstützt, ob durch Material- oder Geldspenden oder durch tatkräftiges Zupacken in der Küche, in der Kleiderkammer oder bei der medizinischen Versorgung.

Auch Schwester Dolore von den Mallersdorfer Franziskanerinnen ist seit sechs Jahren im Helferteam und arbeitet in der Kleiderkammer. Ihr geht das Schicksal der Menschen, denen sie begegnet, nahe:

Schwester DoloreEs ist manchmal traurig, zuschauen zu müssen, wenn sie schon lange bei uns Kunden sind, dass nichts aufwärts geht, dass sie wieder Boden unter den Füßen bekommen. Ich wünsche, dass sie wieder hochkommen, sie sind ja ganz unten.

Autorin
Wichtig ist allen, die hier arbeiten, dass sich jeder willkommen fühlt, ein bisschen Ruhe und Wärme finden kann. Dabei schaut niemand auf Herkunft oder Religionszugehörigkeit. Für Frater Emmanuel steht der konkrete Dienst am Nächsten im Vordergrund, darin sieht er seine Chance, den Menschen die Fürsorge Gottes nahezubringen:

Frater Emmanuel Rotter
Wir wollen ja nicht missionieren, das ist nicht unsere Aufgabe – Mission geht bei uns über die Tätigkeit, nicht über das Wort. Es gibt Leute, die nichts mit der Kirche am Hut haben, mit dem Christentum nichts am Hut haben, aber da habens immer noch Respekt – und dankbar sind sie.

Autorin
Es gibt Stammgäste, die jeden Tag kommen, und andere, die nur bestimmte Angebote nutzen. Die Atmosphäre im Speisesaal, der jeden Morgen um sieben Uhr für Kaffee und später für eine heiße Suppe öffnet, ist entspannt, manche Gäste unterhalten sich, andere sind über ihre Teller gebeugt und essen allein. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Gründen und manche genießen auch die Begegnung mit anderen:

Obdachlose
[erster] Ab halb acht gibts nen Kaffee und ab acht ne warme Suppe. Das ist das erste Angebot morgens... wenn die Nacht kalt ist...

[zweiter] Ich schlafe im Wald, 10,15 km weiter außerhalb im Süden. Das Duschen ist wichtig in der Jahreszeit, Körperpflege. Es hat halt doch auch etwas Unterhaltung.

[dritter] Ich komme seit vielen Jahren und viele helfen mir... Duschen, Kleidung... Leute arbeiten hier... es passt.

[vierter] Ich komme aus Schwerin. Ich bin in Hamburg ausgeraubt worden... Ich hab das Glück, dass es diese Einrichtung gibt und ich jetzt auch medizinisch versorgt werden kann.

Autorin
Dr. Frey-Mann kümmert sich seit vielen Jahren um die medizinische Versorgung der Wohnungslosen, zunächst als angestellte Mitarbeiterin, seit ihrer Pensionierung ehrenamtlich. Sie ist überzeugt, dass der christliche Hintergrund des Hauses durchaus bei den Menschen ankommt, dass sich über die konkrete, unbürokratische Hilfe mehr vermittelt als nur das Stillen der Grundbedürfnisse:

Dr. Frey-Mann
Wir fragen hier nicht nach der Religion, auch ich bin nicht nach meiner Religion gefragt worden, als ich hier angefangen habe zu arbeiten. Aber natürlich ist der Hintergrund das Kloster, man weiß, dass da eine Haltung dahintersteht, es werden Werte vermittelt in diesem Haus und das spüren die Menschen schon, auch wenn sie eine andere Religion haben oder keine Religion.

Autorin
Nicht immer ist es leicht, und hin und wieder gibt es Konflikte oder jemand hält sich nicht an die Hausregeln. Dann steigt Frater Emmanuel im Speisesaal auch schon mal auf den Stuhl und macht eine klare Ansage, wie man sich im Haus zu verhalten hat. Aber alles in allem sind die Menschen dankbar und manch einer nimmt schon mal einen Besen in die Hand, um zu helfen. Die Mönche von St. Bonifaz sind in der Stadt eine bekannte Adresse, für ihre Angebote brauchen sie keine Werbung zu machen – die unkonventionelle Hilfe hat sich schnell rumgesprochen. Doch für Frater Emmanuel ist es mehr, als nur für das leibliche Wohl der Menschen zu sorgen. Er wünscht sich 

Frater Emmanuel Rotter
... dass sie einfach mal wieder zur Ruhe kommen für ein paar Stunden, dass sie sie sein können. Den Obdachlosen im Ganzen zu sehen, den Menschen, nicht seine Religion, nicht seine Herkunft, sondern den Menschen als Schöpfung.


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Dieser Beitrag wurde am 15.04.2018 gesendet.


Über die Autorin Andrea Fleming

Andrea Fleming hat in Düsseldorf Ihren Diplomabschluss in Italienisch, Englisch und Deutsch als Literaturübersetzerin gemacht und arbeitet seit 2003 als freie Journalistin. Sie ist freie Mitarbeiterin im Bayerischen Rundfunk, ist für Firmen und Non-Profit-Organisationen in der PR-Arbeit tätig und schreibt für diverse Zeitschriften und Online-Portale. Außerdem arbeitet sie als deutsche Pressereferentin der Fokolar-Bewegung. Kontakt: a.fleming@gmx.de