Feiertag, 02.04.2018

von Andreas Brauns aus Schellerten

Damit Ostern werden kann - Mensch, dreh dich um!

Die Entdeckung des leeren Grabes am Ostermorgen rief bei den Augenzeugen zunächst Angst, Entsetzen und große Verwirrung hervor – davon erzählt die Bibel. Für die Frauen und Männer, die dem Mann aus Nazareth nachgefolgt waren, schien alles aus zu sein. Doch es kam bekanntlich anders. Für den Schriftsteller und Regisseur Patrick Roth ist die Schlüsselszene für die Wendung die „Magdalenensekunde“, als Maria Magdalena auf der Suche nach dem Leichnam vor dem leeren Grab ihren Namen hört.

Ostern feiern, das ist anspruchsvoll. Glauben Christen doch: Ostern, das ist der Sieg des Lebens über den Tod. Denn in der Auferstehung seines Sohnes hat Gott den Tod besiegt. Ein für alle Mal. Doch ein Blick in die Zeitung genügt, um Zweifel aufkommen zu lassen. Die Welt ist voll von Gewalt, Terror, Krieg, Hunger und Katastrophen. Der Tod hat viele Gesichter. Und er hat viel zu oft das letzte Wort.

Angesichts dieser Realität drängt sich die Frage auf: Kann der Glaube an die Auferstehung mehr sein als nur ein Wunsch? Seit 2000 Jahren feiern Christen trotzdem Ostern. Sie bezeugen damit das Leben und weisen den Tod in die Schranken: Sie glauben: Tod, du hast nicht das letzte Wort. Ostern sprengt alle Vorstellungen, weckt auch hartnäckige Zweifel, macht Angst. Davon ist schon im Osterbericht in der Bibel zu lesen. Im Markusevangelium gehen drei Frauen zum Grab, sehen es geöffnet, gehen hinein und ein Engel sitzt dort, wo man den Leichnam hingelegt hatte. Der Engel sagt zu ihnen:                                        

„Habt keine Furcht, ihr, die ihr Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten, sucht. Er ist auferweckt worden. Schaut – hier! - den Ort an, wo sie ihn hingelegt haben: Er ist fort. Rasch darum! Sagt seinen Schülern und Petrus: ´Er geht euch voran nach Galiläa. Dort seht ihr ihn wieder, wie er´s euch versprochen hat.´ Und sie gingen hinaus, liefen so schnell sie konnten, fort! Fort vom Grab!, und zitterten und waren außer sich vor Angst, und sagten niemandem ein Wort, denn sie fürchteten sich.“ (Markus 16,6-8)

Mit Entsetzen wenden sich die Frauen ab, sie gehen zurück in ihr Leben – und schweigen. Ihre Angst erstickt jedes Wort. Ist das Ostern?

Spätere Generationen haben sich damit nicht abgefunden. Sie haben das ursprüngliche Ende des Markusevangeliums ergänzt mit Berichten aus anderen Traditionen. In denen wird erzählt, wie Jesus den Seinen begegnet. Wie er sich zu erkennen gibt, sie ihn wiedererkennen als ihren Meister. Die Zeugen überwinden ihre Angst und erzählen den anderen Jüngern davon, doch niemand glaubt ihnen. Auch nicht den beiden Emmausjüngern, von ihnen erzählt die Kirche traditionell am heutigen Ostermontag. Sie hatten Jerusalem verlassen, nachdem ihr Lebenstraum geplatzt war. Jesus war tot, alles aus und vorbei. Und darüber haben sie unterwegs gesprochen. Im Evangelium des Lukas heißt es:                              

„Da trat ein Mann an ihre Seite und schloss sich ihnen auf dem Weg nach Emmaus an. Es war Jesus, doch ihre Augen waren geblendet: wie tot, und sie erkannten ihn nicht. ´Worüber sprecht ihr, ihr zwei? Ihr geht und redet, bleibt stehen, seid traurig und schweigt. Was ist geschehen?´ Da sagte Kleophas, einer der beiden: ´Bist du der einzige, der in diesen Tagen in Jerusalem ist und nicht weiß, was drüben geschah, in der Stadt?´“ (Lukas 24,15-18)                                               

Und dann erzählen sie alles von Jesus. Von ihren Hoffnungen. Und von ihrer Enttäuschung, ihrer Trauer. Plötzlich nimmt das Gespräch eine ungeahnte Wendung. Der namenlose Fremde erinnert sie an die Worte der Schrift, weist sie auf das hin, was die Propheten geschrieben haben über den Messias, den Gesalbten Gottes: Er muss erst leiden, bevor er in die Herrlichkeit eintritt. Erst der Tod, dann das Leben, so sagt er. Doch die Emmausjünger verstehen nicht. Sie sind zu langsam um zu begreifen. Zunächst – denn etwas später werden Sie merken, wie die Worte Jesu ihre Herzen in Brand gesetzt haben.                        

„Und schon war Emmaus nahe und die beiden am Ziel. Er aber tat so, als sei seine Reise noch weit. Da drangen sie auf ihn ein: ´Bleib bei uns! Schau! Es wird Abend, der Tag geht zur Neige.` Und er ging mit ihnen hinein: Ich bleibe bei euch. Jesus legte sich nieder zum Mahl, nahm das Brot, sagte Gott Dank, brach es und gab jedem davon. Da wurden ihre Augen geöffnet und waren hell und lebendig, und sie erkannten ihn, als er von ihnen ging. Da sagten die beiden: ´Hat unser Herz nicht gebrannt und stand in Flammen, als er zu uns sprach, auf dem Weg, und uns die Heiligen Schriften auslegte?` Und in der gleichen Stunde standen sie auf und gingen nach Jerusalem zurück.“ (Lukas 24,28-33)                               

In der Begegnung entdecken sie den Auferstandenen         

Nicht ohne Grund gehört diese Geschichte zu den beliebtesten Ostererzählungen. Da tauschen sich auf den ersten Blick fremde Menschen aus, sie begegnen einander, öffnen sich. Später ist es ganz selbstverständlich, den Fremden einzuladen. Ihm für die Nacht ein Dach über dem Kopf zu geben. Wenn Begegnung gelingt, wird der Fremde zum Freund. Christen umschreiben es so: der Auferstandene ist da mitten unter uns. In einem Lied heißt es: Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung. Das muss nicht in einer Kirche sein, es kann völlig unscheinbar passieren – irgendwo unterwegs. Und bisweilen stellen Menschen sogar fest: Wir sind Feuer und Flamme füreinander. Und sie erinnern sich wie die Emmausjünger: Hat unser Herz nicht gebrannt?

Die beiden Jünger in Emmaus sind nicht in Schockstarre im Haus geblieben, nein, sie sind sofort aufgebrochen, haben Emmaus den Rücken zugekehrt, sind zurück nach Jerusalem. Dorthin, wo alle Lebensträume geplatzt waren.

Jetzt aber, auf dem Rückweg - ohne Jesus -, sieht alles anders aus.

Ganz anders als bei den Frauen, wenige Stunden zuvor am Grab am Ostermorgen. Sie haben kehrt gemacht, sind zurückgegangen in ihr Leben. Aus Angst haben sie jedoch geschwiegen. Auch die Emmausjünger haben kehrt gemacht, sie sind zurück an den Ort, den sie unter Tränen verlassen hatten. Ihr Herz aber ist voll von dem, was sie gehört und erlebt haben: Jesus war mitten unter uns!                                                                                

„Kehr um und glaub an das Evangelium!“ Das ist so etwas wie die Kurzfassung der Botschaft Jesu. Kehr um! Wie vielen Menschen mag er das gesagt haben?

Kehr um – du bist auf dem falschen Weg. Kehr um, du kannst anders leben. Du musst keine Angst um dich haben. Denn da ist ein Gott, der dich liebt, und der bei dir ist. Damit aber erscheint alles in einem anderen Licht. Und du wirst nicht mehr so handeln wie du es bisher getan hast.

Kehr um. Das war der Ruf Jesu vor Ostern. Und nach dem Ostergeschehen?                                        

Maria Magdalena und Jesus - Ein Regisseur stellt sich in die Szene dazu

Ein Schriftsteller, Regisseur und Dichter, der sich immer wieder mit dem Ostergeschehen auseinandergesetzt hat, ist Patrick Roth. Erst im vergangenen Jahr ist seine Christus-Trilogie in einem Band erschienen. Die Erzählungen der Bibel, sie lassen Roth nicht los. Das Osterereignis beschäftigt ihn immer wieder. Es hat ihn körperlich berührt, weil er sich in Szenen hineingestellt hat. In der kleinen Erzählung „Magdalena am Grab“ schildert er, wie er in einem einsamen Haus in der Hügellandschaft bei Hollywood mit einer jungen italienischen Schauspielerin eine Osterszene probt. Die Szene ist nur im Johannesevangelium überliefert: Maria Magdalena geht in aller Frühe zum Grab und sieht: Der Stein ist fort. Sie dreht um und läuft zurück in die Stadt. Nachdem sie den Jüngern berichtet hat, was sie gesehen hat, laufen zwei Jünger zum Grab. Maria Magdalena folgt ihnen. Die Jünger gehen hinein. Sie aber bleibt draußen stehen.   

Sie war in Tränen – doch wie sie noch weinte, schaute sie heimlich in die Höhle hinein. Da wandte sie sich um und sah, wie zwischen Licht und Finsternis ein Mann vor ihr stand: Jesus, aber sie erkannte ihn nicht. ´In Tränen, Frau? Wen hast du verloren? Wen suchst du?´ Es wird der Gärtner sein, dachte Maria, vielleicht ein Wächter, der sich hier zu schaffen macht: ´Wenn du es bist, der ihn forttrug, sag mir, wohin du ihn gebracht hast, damit ich ihn heimholen kann.´ Und da sprach Jesus sie an: ´Maria!´ Und sie wandte sich um: ´Rabbuni!´ Das heißt `Meister´.“ (Johannes 20, 11-18)

„Da fehlt doch ein Satz!“

Die Szene ist bekannt, doch sie irritiert. Jedenfalls dann, wenn man sich, wie Patrick Roth es in seinem Buch beschreibt, in die Szene hineinstellt. Und miterlebt, was geschildert wird: Da steht Maria vor dem leeren Grab, dreht sich um und steht vor dem Auferstandenen Jesus. Sie meint den Gärtner zu sehen und fragt ihn nach dem Leichnam. Dann heißt es: Jesus spricht sie mit Namen an. Und was macht sie? Sie dreht sich erneut um, obwohl sie ihm doch schon zugewandt sein müsste.

„Ich habe diese Szene genau studiert: Also, wenn der griechische Text spricht von einer letzten Wende, dann stünde sie eigentlich, dem Zählen nach, abgewandt von Jesus. Das kann nicht sein. Daher der plötzliche Einfall, eine Art Eingebung, die ich hatte: Ja, das fehlt, weil hier ein ganzer Satz fehlt. Und was hieße denn das, wenn der ganze Satz hier fehlt? Dann hieße das: Dass es in diesem Gespräch zwischen Magdalena und Jesus einen Moment gegeben haben muss, wo sie an ihm vorbeigelaufen ist. Denn, wenn es jetzt heißt: Sie wendet sich, dann macht es Sinn, dann stehen sie wieder einander gegenüber.“

Wenn das stimmt, wie Patrick Roth es sich hier vorstellt, muss Maria Magdalena an diesem Ostermorgen also zunächst an Jesus vorbeigelaufen sein…             

„An ihm vorbei gelaufen auf der Suche nach dem toten Körper, der ja nicht mehr im Grab liegt. „Sag mir, wo hast du den Körper hingetan, dann hol ich ihn“, sagt sie. Und in diesem Impuls, im Glauben auch: das ist der Mann, der weiß, wo sie ihn hinhaben, geht sie an ihm vorbei, weil sie denkt, vielleicht liegt er draußen und ich hab´ ihn nicht gesehen. Sie geht also an ihm vorbei.“

Die Schrift verschweigt diesen Moment. Aber ohne diese verschwiegene Szene stimmt das Bild nicht. Maria Magdalena sucht den Leichnam, doch der ist nicht zu finden im Garten. Sie sucht Jesus in der Vergangenheit, bei den Toten.

Es ist der Auferstandene, der sie anspricht. Er sagt nur ihren Namen: „Maria!“ Da gehen ihr die Augen auf. Sie muss nicht mehr suchen, sie ist gefunden, nachdem sie in die Irre gegangen ist.                       

„Und dann habe ich mir überlegt: Was hieße das? Denn hier ist ja praktisch jeder Schritt, jede Drehung, jede Wendung symbolisch zu verstehen – auch symbolisch mitzulesen nach 2000 Jahren. Und dann sage ich mir eben: Dass hier ein Vorbeigehen geschieht, ein altes Wort dafür ist fehlen, fehlen auch im Sinne von sündigen, am Ziel vorbeigehen, fehlen. Sie geht fehl. Aber indem sie fehlgeht, tut sie das eigentlich Richtige. Sie geht nämlich nicht einfach fehl aus irgendeinem rationalen Kalkül, sondern sie geht suchend, fühlend.“       

Gott wendet sich um, um den Menschen zu finden

Das ist für den Schriftsteller entscheidend. Maria Magdalena sucht verzweifelt und will den finden, den sie geliebt hat, der ihr Leben verändert hat. Sie will wenigstens den Toten beweinen und einen Ort für ihre Trauer.                        

„Dieses Suchen, dieses Fühlen ist nicht rationalistisches Kalkül, auf den eigenen Vorteil bedacht in irgendeiner Hinsicht, sondern völlig authentisch suchend, fühlend. Getrieben in gewisser Weise. Hier geht es aber fehl objektiv gesehen. Das ist jetzt ganz wichtig, denn aus diesem Fehlgehen wird der Gott, der Auferstandene, sozusagen gezwungen, sich zu wenden. Sich nämlich nach der zu wenden, die sich noch nicht nach ihm gewandt hat. Jetzt wendet er sich, ruft: „Maria!“ Jetzt dreht sie sich: Das ist die Magdalenensekunde! Denn erst jetzt erkennt sie ihn. Vorher hat sie ihn nicht erkannt. Sie hat ihn nicht an der Stimme erkannt, sie hat ihn nicht erkannt als Silhouette im Felsengrabeingang. Jetzt erkennt sie ihn. Jetzt stehen sie einander gegenüber.“   

Gott wendet sich um, weil er den Menschen erreichen möchte. Das klingt für manche Ohren anstößig, doch würde das nicht gerade zu dem Gott passen, der Mensch geworden ist? Der seine Geschöpfe liebt und sie nicht verlieren möchte, weil sie in die Irre gehen.                             

„Kehr um“, das hat Jesus immer wieder zu den Menschen gesagt. Statt „Kehr um“ ruft er jetzt „Maria“. Die bei ihrem Namen Gerufene dreht sich um, erkennt ihn, ihren Meister, und dann schauen sich Gott und Mensch in die Augen. Das aber sprengt alles, was in der Bibel erzählt wird nach der Vertreibung des Menschen aus dem Paradies. Da heißt es immer: Niemand kann Gott sehen ohne zu sterben. Jetzt, am Ostermorgen, ist alles anders: Magdalena sieht mit ihren Augen im auferstandenen Jesus den bisher verborgenen Gott. Sie erkennt ihn, weil er sich zu erkennen gibt, indem er sie nach all dem, was geschehen ist, anspricht und so tief in ihrem Herzen berührt. Ihr wird bewusst: Jesus lebt! Er ist da. Damit wird ein neues Gottesbild geboren, das auch den Menschen verwandelt.

„Jetzt wird, - das ist eine ungeheure Szene, jetzt wird von menschlichem Bewusstsein dieses neue Bewusstsein, dieses Auferstandene, dieser Auferstandene zum ersten Mal gesehen. Er wird zum ersten Mal bewusst. Es ist ein weibliches aufnehmendes Bewusstsein, das dieses neue Bewusstsein zum ersten Mal sieht, bewusst begreift. Und damit wird sie natürlich auch neu. Das heißt: Nicht nur gebärt sie ihn, indem sie ihn sieht, als zweite Maria sozusagen, sondern auch sie wird in diesem Moment verwandelt, sie wird nie mehr Dieselbe sein, die sie vorher war, die den Toten suchte, den Körper.“   
                                                          
Das ist Ostern! Da ist nicht mehr der dunkle und fremde Gott. Nein, hier ist der Gott, der Maria beim Namen ruft und damit sagt: Du bist mein! Gott und Mensch sind nicht mehr auseinander-gestellt, wie Patrick Roth es formuliert. Sie schauen einander an, erkennen einander - in Liebe.

werden einander bewusst. Kann es eine größere Nähe geben? Doch es ist eine Nähe, die nicht ganz zu fassen ist. Maria kann Jesus nicht einmal umarmen. „Halte mich nicht fest“, sagt er zu ihr. Ostern, das heißt dann: Du kannst dich nur ergreifen lassen, du wirst ergriffen, kannst aber selbst nichts festhalten. Vielleicht hat es Ostern darum so schwer, weil wir Menschen immer etwas tun wollen. Ostern ist anders: „Mensch, dreh dich um, schau mich an, denn ich bin dein Gott, der dich liebt. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen - du bist mein.“

Das ist Ostern.

Es geschieht dort, wo Menschen diesem Gott vertrauen, der sie ruft, und es wagen, ihre ausgetretenen Pfade zu verlassen, um ihn zu suchen. Wo sie dann dem Auferstandenen begegnen und ihnen bewusst wird: Gott ist da – da ist Ostern!                              


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 02.04.2018 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche