Wort zum Tage, 08.03.2018

Johanna Vering aus Buchen

Susanna und MeToo

Susanna ist jung und eine extrem schöne Frau. Sie ist klug und redegewandt. Alle mögen sie. Ihr Mann ist gesellschaftlich angesehen. Bei ihnen im Haus trifft sich alles, was Rang und Namen hat. Dazu gehören auch zwei Richter. Den beiden fällt sofort auf, wie gut die junge Hausherrin aussieht. Die Männer vergucken sich im wahrsten Sinne des Wortes in die schöne Susanna und versuchen immer wieder, ihr näher zu kommen.

Von daher kommt es ihnen gerade recht, dass Susanna jeden Mittag mit ihren Freundinnen im Park hinter ihrem Haus spazieren geht. Die beiden Richter beobachten sie.

Heute ist sie allein unterwegs. Das haben die Männer natürlich spitz gekriegt. Sie lauern ihr auf und gehen zu ihr: „Auf geht’s Schätzchen, lass uns spielen. Schlaf mit uns. Wenn Du es nicht tust, sagen wir allen, Du hättest hier deinen jungen Liebhaber getroffen.“ Susanna ist in höchster Not, allein und in der Zwickmühle. Lässt sie die Männer ran, betrügt sie ihren Mann und irgendwie auch alle Freunde. Tut sie es nicht, erzählen die Männer allen, sie hätte eine Affäre. Was tun?

Erstmal laut schreien. Auf sich aufmerksam machen. Schon kommen alle aus dem Haus gerannt. Die beiden Richter sind aber lauter und bevor Susanna überhaupt irgendwas sagen kann, erzählen die beiden ihre Version der Geschichte. Niemand will das eigentlich glauben. Alle sind beschämt. Susannas Mann weiß gar nicht wohin mit sich. Und doch glauben alle den Richtern, schließlich sagen sie ja schon von Berufs wegen die Wahrheit.

Schon in den nächsten Tagen ist die Verhandlung gegen Susanna. Sie wird zum Tode verurteilt.

Die Geschichte steht in der Bibel, im Buch Daniel. Und sie hat ein Happy End. Auch ein dramatisches zwar, aber immerhin. Gott zeigt, dass er gerecht ist und auf die schaut, die ihm vertrauen. Es geht so aus: Der junge Daniel ist bei der Hinrichtung dabei und wird vom Heiligen Geist zum Reden gebracht. Er verlangt, die beiden Richter getrennt voneinander zu befragen. Er will von jedem einzeln wissen, unter was für einem Baum sie das angebliche Liebespaar gesehen haben. Tja, sie nennen unterschiedliche Bäume und damit ist die Sachlage klar: Susanna ist unschuldig. Jetzt werden die beiden Richter zum Tode verurteilt.

Susanna ist zwar rehabilitiert, aber was in ihr vorgegangen sein muss, kann ich nicht mal erahnen. Eine Verleumdung hängt einem lange, wenn nicht ewig an. Das ist nicht von heute auf morgen vergessen. Sowas beeinflusst das ganze weitere Leben.

Ich finde, diese biblische Erzählung ist in Zeiten von MeToo erschreckend aktuell. Und passt daher gut zum heutigen Weltfrauentag.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 08.03.2018 gesendet.


Über die Autorin Johanna Vering

Johanna Vering, geboren 1982 in Ostwestfalen, ist Pastoralreferentin bei der Katholischen Rundfunkarbeit am SWR. Nach dem Studium der Theologie in Freiburg und Graz hat sie als Pastoralreferentin in verschiedenen Seelsorgeeinheiten der Erzdiözese Freiburg gearbeitet und die journalistische Ausbildung am ifp in München absolviert. Johanna Vering lebt in Buchen (Odw.), ist verheiratet und hat zwei Kinder. Kontakt
johanna.vering@kirche-im-swr.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche