Wort zum Tage, 07.03.2018

Johanna Vering aus Buchen

Kreuz-Protest

26 Kreuze stehen da. Es sieht ein bisschen nach Friedhof aus. Auf jeden Fall unheimlich.

Diese 26 Kreuze stehen auf einer freien Fläche in Regensburg. Hier soll in der nächsten Zeit eine neue Moschee gebaut werden. Und es gibt anscheinend einige, die was dagegen haben. Als bekannt geworden ist, dass die Moschee gebaut werden soll, hat es eine Flut von Emails ins Rathaus gegeben. Immer der gleiche Wortlaut, alle dagegen, alle wollen das sogenannte christliche Abendland retten. Und jetzt diese Kreuze. Auf den Kreuzen stehen die Namen von Menschen, die 2016 bei dem schrecklichen Attentat in Brüssel ums Leben gekommen sind.

Ich finde diese Aktion unmöglich. Ich rege mich ehrlich auf. Ich finde, dass das Kreuz hier missbraucht wird. Ein Symbol, das für Leben und Freiheit steht, wird hier meiner Meinung nach gerade aus einer eingeschränkten und kleingeistigen Sichtweise heraus genutzt. Und die ist nur auf das eigene Leben gerichtet.

Ich frage mich, wovor diese Leute Angst haben. Ist es nicht eher eine Auszeichnung für Deutschland, dass hier alle ihre Religion leben können? So wünsche ich es mir eigentlich überall. Meine Oma wäre auch gegen die Moschee und würde jetzt das Argument bringen: „Geh Du mal in die Türkei und bau dort eine Kirche.“ Ich finde, dabei werden Äpfel mit Birnen verglichen. Denn ich bin froh, dass Deutschlands Staatsführung eben nicht so funktioniert wie die türkische. Dass hier nicht das System, sondern der Mensch im Vordergrund steht. Dass es hier darum geht, dass Menschen friedlich miteinander leben können. Egal was sie denken, glauben, wie sie leben oder lieben. Ich möchte, dass das so bleibt.

Dass der Bau der Moschee mit dem Attentat in Brüssel verbunden wird, finde ich besonders perfide. Bauherrin ist die türkisch-islamische Gemeinde Ditib. Ja, sie müsste sich klarer vom türkischen Präsidenten Erdogan distanzieren. Das sehe ich auch so. Aber sie deshalb in die Nähe der Terroristen von Brüssel zu rücken, ist das Letzte. Menschen wollen ein Haus bauen, um ihren Glauben zu leben und um sich zu treffen. Für mich ist das das Beste, was passieren kann. Bei uns in der katholischen Kirche passiert das fast nicht mehr. Höchstens noch in ganz kleinem Rahmen in neuen Stadtteilen. Das sollten sich alle, die das christliche Abendland verteidigen wollen, mal vor Augen führen.

Apropos christlich: „Das wichtigste und erste Gebot ist: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken.

Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“

Darum geht es im Leben. Und das haben die Leute, die die Kreuze auf dem Bauplatz für die Moschee aufgestellt haben, nicht verstanden.


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Dieser Beitrag wurde am 07.03.2018 gesendet.


Über die Autorin Johanna Vering

Johanna Vering, geboren 1982 in Ostwestfalen, ist Pastoralreferentin bei der Katholischen Rundfunkarbeit am SWR. Nach dem Studium der Theologie in Freiburg und Graz hat sie als Pastoralreferentin in verschiedenen Seelsorgeeinheiten der Erzdiözese Freiburg gearbeitet und die journalistische Ausbildung am ifp in München absolviert. Johanna Vering lebt in Buchen (Odw.), ist verheiratet und hat zwei Kinder. Kontakt
johanna.vering@kirche-im-swr.de

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