Wort zum Tage, 06.03.2018

Johanna Vering aus Buchen

Sarg-Seminar

Es ist laut in der kleinen Werkstatt. 20 Männer bohren, sägen, schleifen. Zwischendurch ein deftiges „Himmelherrgott“, dann wieder schallendes Gelächter. Die Männer bauen gerade ihre eigenen Särge. Das Ganze ist Teil eines Seminars. Es heißt „Männer bedenken Ende und Anfang“ und wird von der evangelischen Kirche Bayern angeboten.

Was beim Handwerkern ganz automatisch passiert: sie besprechen Dinge, die sonst nicht zur Sprache kommen. Ganz ungezwungen und vor allem nur unter Männern kommt alles auf den Tisch, was wichtig ist im Leben und rund um den eigenen Tod. Wie sie dem entgegengehen, ob sie Angst haben, wie sie auf das Alter zugehen, welche Rolle Gott bei all dem spielt.

Ich finde das klasse. Es ist mir selbst so wichtig, dass ich mich mit meinem eigenen Tod auseinandersetze. Ich glaube, das kommt daher, dass ich schon öfter dabei war, wenn jemand gestorben ist. Auch als Kind. Ich finde, meine Familie geht wirklich gut mit dem Thema Tod um. Wir waren immer mit einbezogen und haben das geradezu zelebriert. Wir standen um das Sterbebett, haben geweint, gelacht, gebetet.

Das Wichtigste war für mich immer: wir waren alle zusammen. Jeder hat auf seine oder ihre Weise Abschied genommen, aber wir waren zusammen. Wir haben quasi körperlich gespürt, dass sich das Leben jetzt mit dem letzten Atemzug verändert hat.

Ich habe gelernt: der Tod ist schrecklich, keine Frage. Aber der Tod hat auch etwas unheimlich friedliches. Mein Opa hat sich regelrecht von der Welt gequält. Er war in seinen letzten Monaten und im Sterben nicht mehr wiederzuerkennen. Und dann, als er gestorben war, war alles friedlich. Es war alles gut. Ich hatte das Gefühl, ich und wir alle haben uns verabschiedet. Wir konnten ihn gehen lassen. Wir haben uns dieser schweren Situation gestellt, sind voll rein gegangen in die Auseinandersetzung. Das ist möglich gewesen, weil eben niemand allein da stehen musste. Und wir haben gesprochen. Über alles. Für mich war das Gold wert. Ich konnte alle meine Fragen und alles was mich beschäftigt hat, aussprechen. Meine Familie hat in diesen Situationen atmosphärisch echt was drauf.

Jetzt in meinem Beruf darf ich selbst Beerdigungen feiern. Seitdem ich das mache, beschäftige ich mich mehr mit meinem eigenen Tod. Und ich stelle fest: je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr gehört der Tod dazu und erschreckt mich nicht mehr so. Ich habe nach wie vor Angst. Die bleibt auch. Aber das Thema wird natürlicher, weil ich es kenne. Ich muss vor dem Tod oder einer Sterbesituation nicht weglaufen. Ich weiß, dass das gut sein kann. Ich weiß auch, dass ich in diesen Situationen stark bin und stark für andere sein kann. Deshalb bin ich meiner Familie so dankbar, dass sie uns Kinder nie außen vor gelassen hat.

Genau diese Auseinandersetzung finde ich auch an dem Sarg-Seminar gut. Den eigenen Sarg bauen - wie sinnvoll, dass es dieses Angebot gibt.


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Dieser Beitrag wurde am 06.03.2018 gesendet.


Über die Autorin Johanna Vering

Johanna Vering, geboren 1982 in Ostwestfalen, ist Pastoralreferentin bei der Katholischen Rundfunkarbeit am SWR. Nach dem Studium der Theologie in Freiburg und Graz hat sie als Pastoralreferentin in verschiedenen Seelsorgeeinheiten der Erzdiözese Freiburg gearbeitet und die journalistische Ausbildung am ifp in München absolviert. Johanna Vering lebt in Buchen (Odw.), ist verheiratet und hat zwei Kinder. Kontakt
johanna.vering@kirche-im-swr.de

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