Spurensuche, 10.03.2018

von Dr. Christine Hober aus Bonn

„Macht kein finsteres Gesicht“

„Wenn du fastest, salbe dein Haupt“ – Dr. Christine Hober von der katholischen Kirche über die Kraft, die aus einem richtig verstandenen Fasten erwächst: die Chance mit sich selbst neu in Kontakt zu treten.

Ich gehe durch die langen Flure eines ziemlich verbauten Krankenhauses. Eine sterile Atmosphäre mit grellem Neonlicht und der Geruch von Desinfektionsmitteln begleiten mich. Ich suche die Station für Brustkrebspatientinnen. Mir kommen blasse, von Krankheit und Therapie gezeichnete Menschen entgegen, Pflegepersonal und Ärzte eilen grußlos und geschäftig durch die Flure.

Endlich habe ich Zimmer-Nummer 216 gefunden und sobald ich die Tür geöffnet habe, ist die bedrückende Krankenhausatmosphäre schlagartig vergessen. Meine Freundin Camilla sitzt in ihrem Bett wie eine Karnevalsprinzessin. Sie trägt ein luftige rote Bluse, darauf eine Perlenkette, dazu passende Ohrringe und ihr schönes, perfekt geschminktes Gesicht wird von sorgfältig frisierten Locken umrahmt. Wenn ich nicht wüsste, dass sie erst gestern operiert worden ist, ich würde es nicht glauben…

Bei Camilla ist Brustkrebs in einem sehr frühen Stadium festgestellt worden. Die Diagnose war für uns beide ein Schock, schließlich sind wir seit über 30 Jahren befreundet.

Versuche, nicht krank auszusehen

Camilla ist ein ganz besonderer Mensch. Sie ist fröhlich, will dem Leben immer die positiven Seiten abgewinnen. „Wenn ich schon krank bin, will ich wenigstens nicht krank aussehen“, so ihre persönliche Einstellung. Mir gefällt das. Müssen immer alle wissen, wie krank ich bin? Und: hilft das mir und den anderen wirklich weiter? Will ich von jedem darauf angesprochen werden, wie es mir geht? Wird da nicht auch eine gewisse Barriere errichtet, wenn andere direkt sehen, dass es mir schlecht geht?

Davon weiß auch Camilla zu berichten: „Stell dir vor, als die Psychologin eben in mein Zimmer kam, hatte sie so einen mitleidigen Gesichtsausdruck. Der aber sofort verschwand, als sie mich sah. Wir lächelten uns an und hatten so eine ganz andere Basis für das anschließende Gespräch, das uns tatsächlich beide aufgebaut hat.“

Irgendwie erinnert mich die Situation an die Worte, die Jesus in der Bergpredigt zum Fasten gesagt hat: „Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler. Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten“ (Mt 6,16). Fasten lässt sich in gewisser Weise mit Kranksein vergleichen. Das Wort „Fasten“ kommt vom germanischen „fastan“ und bedeutet so viel wie  „(fest)halten, beobachten, bewachen“. Wie beim Fasten muss ich mich als Kranker an Regeln halten und mich selber und mein Befinden beobachten. Ich muss auf bestimmte Dinge verzichten, um wieder gesund zu werden. Kranksein heißt Gewohntes zu lassen, insbesondere wenn ein Krankenhausaufenthalt damit verbunden ist. Der Rhythmus alltäglicher Rituale wird unterbrochen: ich bin aus meinem sozialen Umfeld herausgerissen, darf oder kann nicht arbeiten, verzichte auf den abendlichen Rotwein, die Zigarette nach dem Essen und bin je nachdem auch körperlich für eine gewisse Zeit eingeschränkt.

Eine Chance

„Du aber, wenn du fastest, salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, damit die Leute nicht merken, dass du fastest, sondern nur dein Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der das Verborgene sieht, wird es dir vergelten“ (Mt 6, 17f.), so der Ratschlag von Jesus.

Ich weiß, dass meine Freundin Camilla in diesem Sinne denkt. Sie möchte nicht, dass man ihr die Krankheit ansieht, sondern unabhängig von der Meinung anderer für sich persönlich ihr Leben neu in den Blick nehmen, sich auf die Dinge konzentrieren, die wirklich zählen. Ihr Glaube, davon ist sie fest überzeugt, wird ihr dabei mehr helfen, als das Mitleid oder die vordergründige Freundlichkeit ihrer Mitmenschen.

Kranksein kann wie Fasten eine Chance sein, mit sich selber neu in Kontakt zu treten; sich eben nicht vom mitleidigen Blick der Anderen als krank und angeschlagen einsortiert zu wissen oder sich durch gutgemeinte Ratschläge verunsichern zu lassen; vielmehr für sich selber den eigenen, manchmal verschütteten Glauben und die persönliche Beziehung zu Gott neu in den Blick zu nehmen. Am Ende ist es nur Gott, der Vater, der das Verborgene sieht und der auch mich mit echter Teilnahme ansieht.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 10.03.2018 gesendet.


Über die Autorin Christine Hober

Christine Hober, Dr. theol., arbeitet als Lektorin und Autorin. Sie lebt in Bonn, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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c.hober@arcor.de