Wort zum Tage, 23.02.2018

Diakon Dr. Paul Lang aus Amöneburg-Rüdigheim

Verdrehte Säulen

Fast jedes mittelalterliche Kloster hat ihn: einen Kreuzgang. Kreuzgang nennt man vier rechteckig um einen Garten angelegte Säulengänge. Meist befinden sie sich an der Seite einer Kirche, sind die bauliche Mitte von Klostergebäuden.

Ein wesentliches Gestaltungsmerkmal in einem Kreuzgang sind die Säulen. Sie lassen gedämpftes Licht vom Kreuzgarten in die Gänge einfallen; gleichzeitig schützen sie die angrenzenden Räumlichkeiten vor allzu großer Hitze und Helligkeit. Die Säulen in den Gängen eines Kreuzgangs sind oft überaus kunstvoll gestaltet: Sie strahlen Ruhe aus und Harmonie und sind von unglaublicher Vielfalt.

Eine solche Säule eines Kreuzgangs hat es mir besonders angetan: Sie befindet sich in Estella in Spanien, am Jakobsweg, in der Kirche San Pedro de la Rúa. Diese Säule besteht aus scheinbar vier schlanken Einzelsäulen, die umeinander gewunden sind. Ein bisschen sieht das aus, als wenn diese Säule mit verschränkten Beinen zwischen den anderen stehen würde.

Im harmonischen Gefüge des sonst so wohl proportionierten Ganges in San Pedro stört sie. Diese verdrehte Säule irritiert. Das aber ist offenbar beabsichtigt. Wer nämlich ruhig und gelassen durch die Gänge dieses Kreuzgangs schlendert, hält spätestens an der gedrehten Säule inne und merkt auf. Diese Säule steht unmittelbar neben einem Durchgang in den Innenhof. Sie ermuntert so dazu, den eingeschlagenen Weg zu verlassen und in den Kreuzgarten zu treten.

Und dann? Ein Garten ist immer etwas Besonderes. Er hat mit Leben zu tun, er ist ein Ort, wo es mir gut geht. Der Kreuzgarten bildet die Mitte des gesamten Klosters. Er hat viel freien Raum und ist nach oben offen. Er ermöglicht einen Blick nach oben, zum Himmel. 

Die verdrehte Säule, das wird mir beim Nachsinnen klar, ist ein Bild für menschliches Zusammenleben. Auch da weichen manche Menschen stark von anderen ab, in dem, was sie tun, wie sie sich verhalten oder kleiden. Und das – finde ich – ist eine gute Sache, denn jede Abweichung von der Norm schärft unsere Sinne. Solche Störungen bewahren uns vor dem gleichmütigen Dahintrotten, vor der Selbstvergessenheit des Alltags.

Ein Mensch, der anders ist, als ich es erwarte, kann Anstoß für mich sein, mit dem Leben in Kontakt zu kommen. Und er kann mir helfen, einen freien Blick nach oben, zum Himmel zu werfen.

Wie gut, dass Menschen nicht „genormt“ sind, sondern Freiheit haben.


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Dieser Beitrag wurde am 23.02.2018 gesendet.




Paul Lang, geboren 1963, unterrichtet als Lehrer Latein, kath. Religion und Musik. Er lebt und arbeitet in Amöneburg bei Marburg. Der promovierte Musikwissenschaftler wurde 2014 in Fulda zum Diakon geweiht. Neben seiner Tätigkeit in der Schule bedeutet das die Übernahme vielfältiger Aufgaben in der Seelsorge in der Region. In seiner Freizeit wirkt er in der Leitung von zwei Chören mit, spielt Orgel und ist gerne auf Reisen, am liebsten mit dem Rennrad.

Kontakt:
paul.lang@bistum-fulda.de

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