Wort zum Tage, 22.02.2018

Diakon Dr. Paul Lang aus Amöneburg-Rüdigheim

Ein leerer Stuhl

Der Petersdom in Rom. Hoch überragt seine Kuppel das Gotteshaus. Weithin dominiert sie den Petersplatz, ja das gesamte Stadtbild jenseits des Tibers. Wenn man an einem sonnigen Nachmittag in Sankt Peter eintritt, nimmt einen neben der gewaltigen Größe des Raumes auch das Spiel des Lichtes gefangen. Genau am Ende des Petersdoms trifft das Sonnenlicht dann auf die gelben Alabaster-Scheiben eines ovalen Fensters. Die Gestalt einer Taube ist zu erkennen. Die gedrehten Säulen des mächtigen Baldachins unter der Kuppel verschwimmen in diesem Licht. Den Besucher lockt es nach vorne.

Wer den langen Weg bis zum Ende des Petersdoms gegangen ist, steht meist überwältigt, zumindest beeindruckt vor einer goldfarbenen Gloriole von Engeln und Strahlen. In gewaltigen Dimensionen erhebt sich das Kunstwerk über einer barocken Altaranlage. Darunter sind vier überlebensgroße Heilige versammelt. Zwischen ihnen erhebt sich, getragen von goldenen Wolken, ein riesiger Thron aus Bronze.

Ein Thron, ein Stuhl also in der Mitte des Hochaltars. Ich kann mich gut daran erinnern, wie sehr mich das vor etlichen Jahren irritiert hat. Kurz nach dem Abitur stand ich zum ersten Mal an dieser Stelle. Damals, es war, wie heute, der 22. Februar, war der Stuhl festlich geschmückt. Denn dieser Tag wird in der katholischen Kirche als Festtag begangen: „Kathedra Petri“ heißt er, Lehrstuhl des Petrus. Genau diesen Stuhl, auf Griechisch kathedra, stellt das Kunstwerk dar. Die bronzene Gestalt des Thrones ist allerdings nur eine Hülle, ein Gefäß für den eigentlichen Stuhl. Der befindet sich im Innern: ein uralter hölzerner Stuhl.

Ein Festtag für einen Holzstuhl?

Im antiken Rom gedachte man um den 22. Februar der Verstorbenen. Dabei war es üblich, in der Nähe der Grabstätte ein Gedächtnismahl zu halten. Für die Verstorbenen stellte man jeweils einen leeren Stuhl bereit. In der gleichen Weise erinnerten sich die römischen Christen später an den Apostels Petrus. Der für ihn frei gehaltene Stuhl war für die Christen starker Ausdruck ihres Glaubens an Auferstehung und ewiges Leben. Diese Kathedra Petri verdeutlicht den zuversichtlichen Glauben, dass dieser Petrus weiterhin für die Christen einsteht – jetzt bei Gott.

Der Brauch des leeren Stuhls zeigt: Die Menschen, die vor uns gelebt haben, sind nicht vergessen. Sie gehören dazu. Ich finde, das ist ein schöner Brauch, im Gedenken an Verstorbene Mahl zu halten.

Ein freier Platz beim gemeinsamen Essen macht bewusst, dass das Leben mehr ist als das, was wir sehen und mit unseren Sinnen greifen können. Er hält unseren Blick wach für die größere Wirklichkeit Gottes.


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Dieser Beitrag wurde am 22.02.2018 gesendet.




Paul Lang, geboren 1963, unterrichtet als Lehrer Latein, kath. Religion und Musik. Er lebt und arbeitet in Amöneburg bei Marburg. Der promovierte Musikwissenschaftler wurde 2014 in Fulda zum Diakon geweiht. Neben seiner Tätigkeit in der Schule bedeutet das die Übernahme vielfältiger Aufgaben in der Seelsorge in der Region. In seiner Freizeit wirkt er in der Leitung von zwei Chören mit, spielt Orgel und ist gerne auf Reisen, am liebsten mit dem Rennrad.

Kontakt:
paul.lang@bistum-fulda.de

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