Wort zum Tage, 21.02.2018

Diakon Dr. Paul Lang aus Amöneburg-Rüdigheim

Kapuzinergruft

Die Familie Habsburg gehörte über Jahrhunderte zu den führenden Fürsten-Geschlechtern Europas. Viele ihrer Mitglieder sind in Wien bestattet, in der Kaisergruft unter der Kapuzinerkirche. Wenn ein Mitglied des Hauses Habsburg stirbt, gehört zur Beisetzung ein eigenartiges Ritual. So läuft es ab:

Der Leichenzug tritt vor die verschlossene Pforte des Klosters. Dreimal klopft der Zeremonienmeister, der Herold des Fürstenhauses, an. „Wer begehrt Einlass?“, fragt daraufhin von innen einer der Kapuzinerbrüder. Der Herold nennt den Verstorbenen mit allen seinen Herrschafts- und Hoheitstiteln. „Wir kennen ihn nicht!“ erwidert die Stimme von innen unbeeindruckt. Ein zweites Mal klopft der Herold an, wieder hört er die Frage: „Wer begehrt Einlass?“. Nun verzichtet er auf die Titel. Stattdessen listet er dieses Mal Auszeichnungen, bürgerliche Ehrungen und akademische Titel, die Leistungen des Verstorbenen auf. „Wir kennen ihn nicht!“, lautet wiederum die Erwiderung. Beim dritten Anklopfen und auf die dritte Frage, wer Einlass begehre, belässt es der Herold nur noch beim Vornamen des Verstorbenen. Er fügt hinzu: „Ein sterblicher, sündiger Mensch.“ „So komme er herein!“, antwortet die Stimme von innen, und das Tor zur Gruft öffnet sich.

Was ist der Mensch? Was macht ihn aus? Oft denkt man: Die Familie eines Menschen ist das Entscheidende. Sie prägt ihn, gibt ihm vieles mit, was ihn später ausmacht. Dazu kommt der Beruf, was ein Mensch leisten kann oder bereits geleistet hat, das macht ihn aus.

Das Ritual aus Wien widerspricht dem jedoch. Familie, Titel, Leistungen, Auszeichnungen: Im Angesicht des Todes ist das alles unwichtig. Da steht der einzelne ganz nüchtern und nackt da. Nicht einmal sein Familienname bleibt, nur sein Vorname. Ein sterblicher, sündiger Mensch. Einer, der nicht perfekt ist. Irgendwie sehr ernüchternd.

Im Buch Jesaja in der Bibel lässt der Prophet Gott zu Wort kommen: „Ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir!“, sagt er.

Der Mensch ist nicht Nichts. Er hat einen Namen. Er ist Person, ein Gegenüber für Gott. Und dieser Gott, lässt niemanden fallen. Das ist der Glaube, den das Buch Jesaja ebenso wie das Bestattungsritual der Habsburger vermitteln möchte.

Es ist gut, nicht zu vergessen, dass mein Leben endlich ist. Und auch, dass ich nicht vollkommen bin, sondern immer Fehler machen werde. Trotzdem bin ich von Gott angenommen: Dem sterblichen, sündigen Menschen öffnet sich die Tür. Ihm ist eine Zukunft von Gott zugesagt, auch wenn das Leben vergeht. Das stellt die Werte unserer Welt in Frage und manches auf den Kopf. Ich finde: Das ist gut so.


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Dieser Beitrag wurde am 21.02.2018 gesendet.




Paul Lang, geboren 1963, unterrichtet als Lehrer Latein, kath. Religion und Musik. Er lebt und arbeitet in Amöneburg bei Marburg. Der promovierte Musikwissenschaftler wurde 2014 in Fulda zum Diakon geweiht. Neben seiner Tätigkeit in der Schule bedeutet das die Übernahme vielfältiger Aufgaben in der Seelsorge in der Region. In seiner Freizeit wirkt er in der Leitung von zwei Chören mit, spielt Orgel und ist gerne auf Reisen, am liebsten mit dem Rennrad.

Kontakt:
paul.lang@bistum-fulda.de

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