Wort zum Tage, 20.02.2018

Diakon Dr. Paul Lang aus Amöneburg-Rüdigheim

Spiralen

Zufrieden mit der Welt und mit mir im Reinen sitze ich im Frühstückssaal des Skihotels. Im Wissen um die stolze Preisgestaltung des Hauses gleiten meine Blicke durch den Raum und über seine aufwändige Dekoration. Massive Stützpfeiler tragen die Decke. Eine raue Putzschicht verkleidet sie. Auf jeder Säule sehe ich ein Muster in Form einer Spirale.

Ich staune. Ist das nicht seltsam? Mit solchen Spiralen haben Menschen seit Jahrtausenden ihre Bauwerke verziert: Sie finden sich auf keltischen Grabanlagen ebenso wie auf den Säulen romanischer Kirchen.

Eine Spirale besteht eigentlich nur aus einer einzigen Linie. Diese Linie führt ins Zentrum hinein und vom Zentrum nach außen. Als Bild des Lebensweges haben Menschen das immer wieder gesehen und bedacht. Abstand und Richtung ändern sich, aber der Weg der Spirale umkreist das immer gleiche Zentrum und bleibt fest mit ihm verbunden.

Im Fußboden der mittelalterlichen Kathedrale von Chartres in Frankreich befindet sich ebenfalls eine solche Darstellung. Aus der Spirale ist dort ein Labyrinth geworden. Es ist riesig groß, es füllt die gesamte Breite des Hauptschiffes dieser Kirche.

Auch dieses Labyrinth ist rund, auch das Labyrinth hat eine Mitte. Ein einziger Weg führt von außen dort hin. Anders als die Spirale hat das Labyrinth aber Biegungen. Es erfordert Richtungswechsel. Aber es gibt keine Sackgassen oder Irrwege

Wie sehr wünschen Menschen sich das, etwa wenn Entscheidungen anstehen: Alles richtig machen, den richtigen Weg wählen, nicht in die Irre gehen können. Mir kommen oft Zweifel. Wenn Unvorhergesehenes passiert, Dinge sich anders entwickeln als erwartet, dann habe ich das Gefühl, alles läuft verkehrt.

Das Labyrinth widerspricht. Der Weg wechselt zwar immer wieder die Richtung. Manchmal, wenn er der Mitte schon ganz nahe ist, entfernt er sich wieder von ihr. Trotzdem ist dieser Weg der einzige und damit der richtige.

Daran muss ich beim Blick durch den Frühstückssaal denken. Der Text eines alten Kirchenliedes kommt mir dabei in den Sinn.

„Ach, wenn ich dich nicht hätte“, sagt da eine Strophe zu Gott, „was wär‘ mir Erd und Himmel? Ein Bannort jede Stätte, ich selbst in Zufalls Hand. Du bist’s, der meinen Wegen ein sichres Ziel verleihet.“

Das wünsche ich mir heute: festes Vertrauen darauf, dass mein Weg durch diesen Tag ein Stück des Weges zur Mitte, zum Ziel meines Lebens ist.


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Dieser Beitrag wurde am 20.02.2018 gesendet.




Paul Lang, geboren 1963, unterrichtet als Lehrer Latein, kath. Religion und Musik. Er lebt und arbeitet in Amöneburg bei Marburg. Der promovierte Musikwissenschaftler wurde 2014 in Fulda zum Diakon geweiht. Neben seiner Tätigkeit in der Schule bedeutet das die Übernahme vielfältiger Aufgaben in der Seelsorge in der Region. In seiner Freizeit wirkt er in der Leitung von zwei Chören mit, spielt Orgel und ist gerne auf Reisen, am liebsten mit dem Rennrad.

Kontakt:
paul.lang@bistum-fulda.de

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