Morgenandacht, 09.04.2018

von Dr. Silvia Katharina Becker aus Bonn

Aus dem Leben gefallen

Im letzten Frühjahr habe ich mit meinem Mann eine Städtereise nach Hamburg gemacht und dort hatte ich eine Begegnung der besonderen Art. Wir wohnten – gut katholisch – in einem christlichen Gästehaus. Mitten in der Innenstadt, mitten in St. Georg. Eines Abends sind wir auf dem Weg zu einem indischen Restaurant. Er führt vorbei am Dom und mitten durch das katholische Viertel.

Da höre ich hinter mir eine Stimme: „Passen Sie gut auf sich auf.“ Ich drehe mich um und entdecke - in einer geschützten Ecke auf einem Schlafsack sitzend - einen obdachlosen Mann. „Passen Sie lieber mal gut auf sich auf“, antworte ich und bin schon fast vorbei. Da fällt mein Blick auf sein sympathisches Gesicht. Ich bleibe zögernd stehen und frage etwas unbedarft: „Wenn ich Ihnen jetzt ein paar Euro gebe, hilft Ihnen das auch nicht wirklich weiter?“ Da ist der Herr im Schlafsack aber ganz anderer Meinung. „Wenn Sie mir ein paar Euro geben, kann ich mir davon eine leckere Suppe kaufen. Ganz in der Nähe ist ein Suppenladen, die verkaufen mir ihre Suppen immer zum halben Preis.“ Lachend krame ich ein paar Euro hervor.

Und schon sind wir mitten im Gespräch. Er fragt mich, wo wir herkommen, was ich so mache und dann vertraut er mir seine Geschichte an. Er hatte früher einmal eine gute Arbeitsstelle im IT-Bereich, war ständig auf Dienstreise. Und er habe gleich um die Ecke eine schicke Eigentumswohnung. „Wenn Sie in dieser Toplage eine Eigentumswohnung besitzen, dann sind sie ein reicher Mann“, entgegne ich. Da fängt er unvermittelt an zu weinen. Und er erzählt mir von seiner Frau und seinem kleinen Jungen. Und von dem schrecklichen Tag, an dem sie eine Autoralley besucht haben. Sie standen mit Fähnchen am Straßenrand und winkten den vorbeifahrenden Autos zu. Da überschlug sich ein Wagen und raste in die Zuschauer. Sein Sohn und seine Frau waren sofort tot. Er jault auf wie ein geschlagenes Tier. „Das ist nun zwei Jahre her. Seitdem kann ich meine Wohnung nicht mehr betreten. Alles voller Erinnerungen. Ich kann das nicht.“ Und das Schlimmste für ihn sei, dass der Täter nur sechs Monate auf Bewährung bekommen habe. „Das ist für mich wie eine Ohrfeige.“

„Vielleicht verkaufen Sie die Wohnung besser und ziehen woanders hin“, überlege ich. Er fängt wieder an zu weinen. „Das geht doch nicht. Das habe ich doch mit meiner Frau alles gemeinsam aufgebaut.“ „Vielleicht gehen Sie einfach jeden Tag wenigsten eine halbe Stunde in ihre Wohnung und dann immer ein bisschen länger“, schlage ich vor. „Genau das hat meine Nachbarin mir auch gesagt. Sie will unbedingt, dass ich wieder dort wohne“, entgegnet er. „Ich wohne nämlich im Haus, wo – er nennt den Namen einer berühmten Musikerin und Entertainerin – auch wohnt.“ Er ist ein bisschen stolz auf die noble Nachbarschaft. Auch ich kenne dieses Haus, das ein sehr schönes veganes Cafe beherbergt, in dem ich noch am Vortag Zitronentarte gegessen habe. „Manchmal“, fährt er fort, „kommt auch der Herr Pfarrer vorbei und setzt sich zu mir auf den Schlafsack und dann reden wir.“ Er nennt den Namen. Es ist der Name des Erzbischofs. „Und dann“, fährt er fort, „kommt auch der Dompfarrer manchmal vorbei und wir fahren zusammen zum Grab und pflanzen Blümchen.“

Später, als ich schon längst im Bett liege, bin ich immer noch berührt von dieser Begegnung, auch wenn ich natürlich nicht beschwören kann, ob die Geschichte wirklich in allen Punkten wahr ist.

Aber eines finde ich ungemein tröstlich: Diese Geschichte ist in gewisser Weise die positive Neuauflage des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter. Denn hier hat nicht nur einer geholfen, der Samariter, der Fremde. Nein, in meiner Geschichte helfen viele Menschen und erwählen damit den Obdachlosen zu ihrem Nächsten.

Da gibt es zum einen die Menschen, die ein ziemlich feines Suppenrestaurant führen und dem Obdachlosen die Suppen zum halben Preis verkaufen. Außerdem gibt es einen Bischof, der nicht wegschaut. Und einen Dompfarrer. Nicht zu vergessen die singende Entertainerin. Und das alles in einer Stadt, die wegen ihrer Distanziertheit berühmt-berüchtigt ist.

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter hat offensichtlich im Verlauf von zweitausend Jahren tiefe Spuren hinterlassen. Diese Spuren haben sich so sehr in die Herzen der Menschen eingegraben, dass es für viele eben nicht mehr normal ist, an einem Menschen vorbeizugehen, der aus dem Leben gefallen ist.


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Dieser Beitrag wurde am 09.04.2018 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Bis 2019 war sie katholische Senderbeauftragte für den Deutschlandfunk. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige.

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