Morgenandacht, 13.03.2018

von Dechant Domkapitular Wolfgang Voges aus Hildesheim

Traut euch loszulassen

„Wer sein Leben retten will, wird es verlieren!“ Das sind Worte Jesu. (Markus 8,35)

Aber lieben wir nicht alle unser Leben? Den Besuch von Freunden und Bekannten zum Beispiel. Den Austausch mit anderen. Sich ärgern, sich streiten, sich versöhnen. Einfach mal in den Tag hineinleben. Das Leben ist so vielfältig, so überraschend. So schön. So liebenswert.

Wer von uns will schon darauf verzichten? Will all das zurücklassen? Die geliebten Menschen; die Sachen, an denen jemand hängt und all die kleinen Überraschungen.

Was also soll die Aussage, dass der sein Leben verliert, der es liebt? Dass der das ewige Leben gewinnt, der sein Leben hasst? Das ist nicht menschlich! Das kann doch so nicht gemeint sein! So radikal verurteilend und abweisend, so lebensfeindlich!

Nein, der Jesus, von dem in der Bibel erzählt, ist alles andere als lebensfeindlich. Der genießt es zu diskutieren, neue Leute kennenzulernen. Mit ihnen und seinen Jüngern, mit seinen Begleitern, Männer und Frauen, zu essen und zu trinken. Mein Jesus ist ein Lebensfreund. Einer, der im Garten Gethsemane auch Angst hat, trauert und verzagt. Einer, der die ganze Bandbreite des Lebens kennt und das Leben mag.

Was also meint Jesus damit? Eine sichere Antwort habe ich nicht, aber ein Hinweis findet sich in diesen Sätzen: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ (Johannes 12,24)

Auf den ersten Blick hat das nicht viel mit den anderen Aussagen zu tun. Darum ein zweiter Blick: Das Weizenkorn ist klein. Es wird in die Erde geworfen. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder es hängt an seinem Da-Sein als Weizenkorn und bleibt eben einfach nur ein Weizenkorn im Acker. Einsam verrottet es irgendwann.

Oder es ist bereit, sein Leben als Weizenkorn aufzugeben; ist bereit zu sterben, sich zu wandeln. Dann wird irgendwann ein kleines Pflänzchen aus der Erde sprießen. Ein Pflänzchen, das immer größer wird und schließlich Frucht bringt.

Nur wer bereit ist, sich zu wandeln, kann sich entwickeln. Nur wer bereit ist, sein Leben, wie er es gewohnt ist, aufzugeben, kann weiterkommen und neue Horizonte entdecken. Das ist ein schmerzhafter Prozess. Wenn ich an harte Zeiten in meinem eigenen Leben zurückdenke, dann merke ich im Nachhinein: Genau in diesen Zeiten habe ich mich zu dem entwickelt, der ich bin. Da musste ich loslassen, aufgeben, gehen lassen: Menschen, die mir wichtig waren; Überzeugungen; Verhaltensweisen. Aber auch wenn ich diese Zeiten nicht noch einmal erleben möchte, darauf verzichten möchte ich nicht. Denn nur so bin ich der geworden, der ich jetzt bin. Und dafür bin ich dankbar.

Vielleicht will Jesus darauf hinaus: Haltet nicht an allem krampfhaft fest!  Wer an Altem festhält, an dem geht das Leben vorbei. Wer sein Leben, wie es gerade ist, so liebt, dass er es festhalten, ja festklopfen will, genau der wird es verlieren. Traut euch loszulassen!

Wenn das letzte Loslassen kommt, der Tod, dann seid ruhig traurig. Trauert und weint! Aber denkt auch an das Weizenkorn: Es ist mit dem Tod nicht alles vorbei. Das Weizenkorn wird Frucht bringen, ein Halm wird wachsen. Ein Sonnenblumenkern wird zur Sonnenblume, eine Raupe zum Schmetterling, der Winter zum Frühling. Und Karfreitag, der Tag des Todes, wird zu Ostern, dem Fest des Lebens.


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Dieser Beitrag wurde am 13.03.2018 gesendet.


Über den Autor Domkapitular Wolfgang Voges

Wolfgang Voges, Jahrgang 1956, ist Pfarrer, Dechant und Domkapitular in Hildesheim. Nach dem Abschluss der Realschule absolvierte er zunächst eine Ausbildung zum Kaufmann im Grundstücks- und Wohnungswesen. Dann folgte das Abitur auf dem 2. Bildungsweg in Neuss. Anschließend studierte er Kath. Theologie in Münster und Bogotá (Kolumbien). Seit 31 Jahren ist er Priester des Bistums Hildesheim.