Morgenandacht, 03.03.2018

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Welttag des Hörens

Ein Mann hat große Sorgen in seiner Ehe, irgendwie ist das Klima zwischen ihm und seiner Frau gestört. Er sucht den Rat eines Meisters, und der rät ihm: „Du musst lernen, deiner Frau zuzuhören.“ Der Mann nimmt sich den Rat zu Herzen und kommt nach einem Monat zurück. „Ich habe mich sehr angestrengt und darauf geachtet, jedes Wort, das meine Frau sagt, genau zu hören. Es ist schon besser geworden zwischen uns, aber noch nicht ganz gut.“ Der Meister antwortet ihm mit einem Lächeln: „Nun, guter Mann, geh nach Hause und höre jetzt auf jedes Wort, das sie nicht sagt.“[1]

Hören, was der andere nicht sagt (das gilt übrigens für Männer wie für Frauen in gleicher Weise) – das ist gar nicht so einfach. Aber es liegt viel Weisheit in dieser kleinen Geschichte. Immer wieder kann man lesen, dass Paare in Deutschland durchschnittlich nur etwa zehn Minuten am Tag miteinander sprechen. Was immer von solchen Zahlen zu halten ist, sicher ist wohl so viel: Es gibt sehr vieles, was ohne Worte kommuniziert wird. Um das zu hören, braucht es besondere Antennen.

In der Bibel kommt dem Thema Hören eine ganz besondere Bedeutung zu. Auch hier geht es häufig um ein inneres Hinhören auf das, was nicht direkt ausgesprochen wird, jetzt aber wirklich wichtig ist. Ich denke zum Beispiel an König Salomo, dem Gott zu Beginn seiner Regentschaft einen Wunsch freistellt. Er wünscht sich nicht Macht, Reichtum oder ein langes Leben, sondern ein „hörendes Herz, das das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht.“ (1 Kön 3,9) Ich denke aber auch an den jungen Samuel, der erst nach einigen Anläufen merkt, dass die Stimme, die er gehört hat, die Stimme Gottes ist, die seinem Leben eine neue Richtung geben will. Hören beschreibt nach biblischem Verständnis die Offenheit des ganzen Menschen für Sinn und Erfüllung. Weil der Sinn manchmal im Verborgenen liegt, kann man diese göttliche Stimme nur in der Stille vernehmen. Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard beschreibt die Bedeutung der Stille mit dem Bild des Meeres:

Wenn das Meer
all seine Kräfte
anstrengt,
so kann es
das Bild des Himmels
gerade nicht spiegeln;
auch nur die mindeste Bewegung,
so spiegelt es
den Himmel nicht rein;
doch wenn es still wird und tief,
senkt sich das Bild des Himmels
in sein Nichts.
[2]

Heute am 3. März ist der Welttag des Hörens. Seit 2007 lenkt die Weltgesundheitsorganisation WHO an diesem Tag die weltweite Aufmerksamkeit auf die Bedeutung des Gehörs und die Prävention und Versorgung von Hörminderungen. Allein in Deutschland sind nach den WHO-Kriterien etwa 16 Prozent der Bevölkerung schwerhörig. Weil das Gehör als Sinnesorgan ganz stark für die Verbindungen zwischen Menschen zuständig ist, lautet das Motto dieses Tages: „Das Gehör. Der Sinn deines Lebens.“ Wenn an diesem WHO-Aktionstag auch die organische Hörfähigkeit im Vordergrund steht – ich finde den Zusammenhang mit der übertragenen Bedeutung von Hören, mit dem Hören auf den tieferen Sinn des Lebens interessant. Bin ich selber offen genug für den Sinn-Anruf in meinem Leben? Höre ich zwischen dem Stimmengewirr, das mich manchmal auch ganz schön erschöpft, auf die Stimme, die es gut mit mir meint, die mich braucht, die mich auf einen guten Weg führt?

Von Papst Johannes XXIII. sind 10 Gebote der Gelassenheit überliefert. Das 5. Gebot lautet: „Nur für heute werde ich zehn Minuten meiner Zeit der Stille widmen und Gott zuhören. Wie die Nahrung für das Leben des Leibes notwendig ist, so ist das Horchen auf Gott in der Stille notwendig für das Leben der Seele."[3] Und dazu könnte es ganz gut passen, auch mal ganz bewusst darauf zu hören, was jemand nicht sagt!


[1]      Nach Willi Hoffsümmer, Kurzgeschichten IV. 233 Kurzgeschichten für Gottesdienst, Schule und Gruppe, Grünewald-Verlag Mainz 21992, S. 31, 7 Zeilen; vgl.Anthony de Mello, Eine Minute Weisheit, Verlag Herder, Freiburg u.a. 41990.
[2]      http://www.oase-der-stille.org/impulse/page/8/
[3]      www.kath-kirche-vorarlberg.at/organisation/kirchenblatt/artikel/2012/die-10-gebote-der-gelassenheitenheit


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 03.03.2018 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche