Morgenandacht, 02.03.2018

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Lass es gut sein!

„Komm, lass es gut sein!“ Diesen Satz habe ich als Kind immer gehasst! Er hatte damit zu tun, dass es anders kam, als ich wollte: Entweder gab‘s ein ersehntes Spielzeug nicht oder ich musste ins Bett gehen, weil es schon so spät war. Erst immer mein Betteln und Verhandeln, und dann: „Komm, lass es gut sein!“ Ich fand das gemein, denn es war ja offensichtlich nicht gut – im Moment jedenfalls. Später – am nächsten Morgen zum Beispiel – war mir dann auch klar, dass es gut war, ausgeschlafen in die Schule gehen zu können. Im Erwachsenenleben ist das eigentlich nicht anders. Nicht immer kann ich alles so beeinflussen, wie ich es möchte: Arbeitsstelle, Familie, Beziehungen. Ich muss manches gut sein lassen, weil es auch mit viel Energie nicht zu ändern ist. Eltern sagen zum Beispiel zu den Kindern, die heiraten wollen, obwohl sie die Entscheidung vielleicht nicht optimal finden: „Unsern Segen habt ihr!“ Segnen durch Gut-sein-lassen. Das ist mehr als zu resignieren: Ich traue Menschen oder einer Situation zu, dass noch eine bessere Entwicklung möglich ist, als ich es derzeit sehe. Ich lasse es gut sein!

Die Bibel beschreibt das Gut-Sein-Lassen als göttlichen Segensakt: Im ersten Schöpfungsbericht ist davon die Rede. „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut.“ (Gen 1,31) Nicht alles ist perfekt, da gibt es Gegensätze, da gibt es Tod und Vergehen. Aber Gott lässt diese Vielfalt gut sein. Und so kann sich Leben entfalten

Am heutigen Freitag widmet sich der Weltgebetstag der Frauen diesem Gut-Sein-Lassen aus dem Buch Genesis. Es geht um die Achtsamkeit gegenüber der Vielfalt in Gottes Schöpfung und um deren Wertschätzung! Im Mittelpunkt stehen Frauen aus Surinam. Surinam ist das kleinste Land Südamerikas und doch eines seiner buntesten. Als Teil Amazoniens zeigt es eine unglaubliche natürliche Artenvielfalt: Über 90 Prozent des Landes sind von Regenwald aus 1000 verschiedenen Baumarten bewachsen. Zum Vergleich: Im deutschen Wald sind es gerade einmal 30. Um diese Vielfalt geht es beim Weltgebetstag. „Gott hat alles gut geschaffen“ (Gen 1,31): eine bewundernswerte Natur ebenso wie uns Menschen in all unserer Unterschiedlichkeit.

Die Männer und Frauen aus Surinam bezeichnen sich selbst als „moksi“, als einen „Mischmasch“ aus vielen verschiedenen Ethnien, die aus vier Kontinenten zusammengewürfelt wurden. Moksi heißt aber auch „gemeinsam“, denn mit der Vielfalt haben sie ein buntes Miteinander gestaltet!

Der Weltgebetstag spiegelt diese Vielfalt wider. Er wird jedes Jahr von christlichen Frauen aus einem anderen Land vorbereitet. Und die Gebete gehen in 120 Ländern um die Welt, getragen von einer ökumenischen Basisbewegung, die seit 130 Jahren von immer mehr Konfessionen unterstützt wird und Frauen weltweit auf vielfältige Weise stärkt.

Die Vielfalt der Schöpfung erfährt durch die Vielfalt von Menschen eine ganz besondere Wertschätzung. Dieser Gedanke müsste Christenmenschen eigentlich tagtäglich begleiten. Denn immer haben wir es mit einer Vielfalt von Menschen zu tun, von Ereignissen und Ideen. Ein Einzelner ist davon leicht überfordert. Abgrenzung ist oft die Antwort: Mag ich – mag ich nicht. Als Schutzraum für den Einzelnen ist das auch in Ordnung. Aber wenn aus Abgrenzung Gegnerschaft wird, ist es nicht mehr segensreich.

Einen Satz habe ich mir ins Stammbuch geschrieben: Ich verstehe nicht alles – und ich muss es auch nicht verstehen! Das entlastet mich! Und ich kann es gut – sein – lassen! Darin liegt Segen!


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Dieser Beitrag wurde am 02.03.2018 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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