Morgenandacht, 01.03.2018

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Warten können

Heute ist Frühlingsanfang. Zumindest aus der Sicht der Meteorologen! Bis zum kalendarischen Frühlingsanfang dauert es noch drei Wochen. Drei lange Wochen! Ich kann es jedes Jahr weniger erwarten, bis der Winter so richtig vorbei ist. Naja, gut, die Blumen am Valentinstag waren schon mal erste Vorboten des Frühlings. Und die ersten Vögel machen sich ja durch ihr Zwitschern auch schon bemerkbar. Aber man braucht schon noch viel Geduld, bis sich das Frühjahr endlich durchsetzt!

Ein kleiner Junge konnte es auch einmal nicht erwarten, bis sich das Wintergetreide mit seinen kleinen grünen Spitzen endlich so richtig heraus traute. Er fasste den Entschluss, etwas nachzuhelfen, machte sich auf, ging hinaus aufs Feld und zog sorgfältig die zarten Halme nach oben, einen nach dem anderen. In ein paar Stunden schaffte er eine ganz ansehnliche Fläche. Stolz darauf, dem Frühjahr nun geholfen zu haben, ging der kleine Mann nach Hause. Als er am nächsten Tag sehen wollte, wie sehr sein Werk fortgeschritten sei, war er entsetzt: die Halme lagen vertrocknet und erfroren am Boden.

Es gibt Dinge, die muss man wachsen lassen. Und warten lohnt sich. Denn oft ist das, was am Ende dabei herauskommt, noch viel größer und schöner, als man es zu hoffen gewagt hätte. Dabei geht es beim Warten gar nicht darum, in völliger Passivität zu nehmen, was kommt. Vielmehr kann Warten ein durchaus aktiver Prozess werden. Mir hilft da ein Blick ins Herkunftswörterbuch. Warten hängt mit der Warte zusammen, dem Ort der Ausschau. Im Lateinischen sind die Worte auch eng verbunden: Exspectare heißt Ausschau halten und erwarten. Man könnte auch ein 'Herbeiwarten' heraushören, ein intensives Ersehnen. Dazu gehört das Aufpassen, das Wachehalten, wie es in dem ebenfalls verwandten Wort „Garde“ deutlich wird, die zum Bewachen bestellt ist. Verbunden damit ist das Pflegen von etwas, wenn ich darauf Acht gebe. Im Begriff der 'Wartung' kommt das zum Ausdruck.

Wenn wir im Bild des Getreides bleiben: der kleine Junge muss lernen, dass sich im Warten sehr viel ereignet. Wie das Getreide wächst und reift, wachse und reife ich auch. Wenn man ein Feld brach liegen lässt und rein oberflächlich betrachtet nichts passiert, bereiten Mikroorganismen den Boden für eine neue Nutzung vor, neue Kräfte wachsen im Verborgenen heran. Wenn ein Komponist, ein Maler oder Bildhauer eine „schöpferische“ Pause einlegt, dann ist er nicht vollkommen untätig, vielmehr können in dieser künstlerischen Brachzeit neue Ideen und Pläne gedeihen. Selbst in Krankheitsphasen sind Menschen nicht nur Patienten, also vom Wortsinn her nur ertragende, rein passive Menschen. Vielmehr regenerieren sie sich im Inneren, sie genesen und sammeln neue Kräfte. Dass das auch anstrengend sein kann, die scheinbare akute Untätigkeit zu ertragen und oft auch nicht genau zu wissen, wie es konkret weitergeht, habe ich auf einem Kalenderblatt gelesen, auf dem in großen Lettern steht: „Reifen schlaucht!“ Ein nettes Wortspiel, und mehr als das: Reifen ist eine Herausforderung, Reifen ist Selbstpflege, es braucht Geduld und Selbstliebe dazu, sich die „Wartungszeit“ zu gönnen.

In der Bibel ist Warten etwas sehr Aktives: zahlreich sind die Aufforderungen „seid wachsam“! Markus schreibt, der wiederkommende Herr soll die Wartenden nicht schlafend antreffen (vgl. Mk 13,36), also nicht rein passiv, sondern Ausschau haltend, aktiv. Für mich bedeutet das: Ich darf Wartezeiten als etwas Kostbares verstehen lernen, so schwer es mir oft fällt. In Wartezeiten regeneriere ich mich, stelle ich mich ein auf das Kommende, reife ich, verändere ich mich. Und das gilt nicht zuletzt dann, wenn ich mich nach dem Frühjahr sehne!


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 01.03.2018 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche