Morgenandacht, 28.02.2018

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Leben als Baustelle

Am Rande einer Tagung hatte ich die Gelegenheit, an einer Führung durch die Baustelle von Stuttgart 21 teilzunehmen. Wir waren alle schon sehr gespannt, denn über diese Baustelle hat ja jeder schon allerhand gehört und hat jeder auch seine Meinung. Es war ein ziemlich ungastlicher Tag: Schneeregen, kalt, entsprechend unangenehm war es, sich durch die Pfützen und aufgeweichten Wegstrecken des schier endlos scheinenden Areals zu kämpfen. Wir rüsteten uns mit Gummistiefeln, Helmen und Leuchtwesten aus und machten uns auf den Weg durch das ebenso monströse wie beängstigende Bauprojekt. Geführt wurden wir durch einen besonderen Menschen, er heißt Peter und ist Betriebsseelsorger. Mit seinem knallorangenen Schutzanzug, dem gelben Helm und den schweren Sicherheitsstiefeln sieht er selbst aus wie einer der vielen Bauleute. Aber nur er hat für jeden Teil der Baustelle einen Ausweis. Damit er schnell helfen kann, wenn es irgendwo hakt. Und er kennt jeden Winkel wie seine Westentasche!

Das Projekt, von dem immer wieder in den Medien berichtet wird, mag umstritten sein. Der Seelsorger interessiert sich aber bewusst nicht für die politischen Kämpfe, er sieht die Baustelle als Arbeitsplatz für die rund 2000 Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern, die als Tunnelbauer, Kranführer, Betongießer, Kaufmann, Baggerfahrer oder Eisenbieger dort ihren Lebensunterhalt verdienen. Mich beeindruckt, wie er sich als Teil dieser Bauwelt versteht, welch guten Kontakt er zu den Männern dort hat. So viele kennt er mit Vornamen – und sie kennen ihn, den Peter. Trotz aller Sprachbarrieren verständigen sie sich. Trotz unterschiedlicher Speisevorschriften essen und feiern sie miteinander. Wenn es Ärger zwischen Kollegen gibt, versucht er zu schlichten. Wenn jemand Angst um seinen Job hat, tritt Peter als Vermittler auf. Wenn jemand krank im Wohncontainer liegt, besucht er ihn. Ist einer krank zuhause, besorgt er eine Genesungskarte und alle Kollegen unterschreiben.

Mich beeindruckt das Engagement dieses Seelsorgers, ohne Scheu bei den Menschen zu sein und mit ihnen zu leben, bisweilen als gelernter Heizungsbauer auch tatkräftig zuzupacken. Und mir kommen biblische Vorstellungen von Baustellen in den Sinn: Das Wort vom Haus auf dem Felsen, das ohne festen Untergrund dem Sturm zu Opfer fallen würde; die Geschichte vom Turmbau zu Babel, der nie fertig geworden ist, weil sich die Leute nicht mehr verstanden haben; und schließlich auch die Warnung davor, Gott ein Haus, also einen Tempel bauen zu wollen, weil er doch ohnehin überall bei den Menschen ist, wo immer sie leben, arbeiten, leiden und hoffen. Auf der 40jährigen Wüstenwanderung Israels wird nicht ein fester Tempel, sondern das Heilige Zelt zum sichtbaren Zeichen der Nähe Gottes im weglosen Gelände. Gott zieht mit, egal wo sich die Menschen gerade befinden und in welcher Situation sie sind. Dieses Heilige Zelt, das Mit-auf-dem-Weg-Sein Gottes scheint mir passend zu sein für jegliches Leben von Menschen. Denn unfertige Situationen gibt es immer und überall. Auch zerbreche ich mir nicht selten den Kopf über den Sinn von Baustellen in meinem Leben. Auf einem Kalenderblatt habe ich sogar mal gelesen: „Das Leben ist eine Baustelle, die nie fertig wird, weil ständig die Pläne geändert werden.“

So sehr man über die Sinnhaftigkeit von Stuttgart 21 unterschiedlicher Meinung sein kann: Der Blick verändert sich, sobald man es mit den Menschen zu tun bekommt, für die diese Baustelle ihr Lebensraum ist. So sehr ich mir manchmal über Sinnfragen in meinem eigenen Leben den Kopf zerbreche: genau diese Fragen machen meinen Lebensraum aus. Auf sie muss ich antworten!


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Dieser Beitrag wurde am 28.02.2018 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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