Feiertag, 04.03.2018

von Gunnar Lammert-Türk aus Berlin

Gefangen in der Antriebslosigkeit – Von der Trägheit des Herzens

Als größte der lebensgefährdenden Sünden hat sie der ägyptische Mönch Evagrius Ponticus bezeichnet: die "Acedia" oder die "Trägheit des Herzens". Sie gilt auch als Mönchskrankheit: der Überdruss am Leben, das Gefühl der Leere und Sinnlosigkeit, zähe Langeweile, die Unfähigkeit, sich anderen zuzuwenden, dem ziellosen Umherflattern des Geistes. Ihre säkularen Verwandten heißen Depression und Melancholie. Gunnar Lammert-Türk denkt über die Gründe ihres Entstehens nach sowie über die Wege der Vermeidung und die Frage: wie viel Schuld haben die Betroffenen daran?

In sich zusammengesunken sitzt er da: Johannes der Täufer. Trüben Blicks brütet er, die Wange müde in die Hand gestützt, die nackten Füße wie unfähig, je wieder aufzubrechen, ratlos ungeschickt übereinander geschoben. So ist Johannes, in Antriebslosigkeit gefangen, auf einem Bild des niederländischen Malers Geertgen tot Sins Jans aus dem 15. Jahrhundert mit dem Titel „Johannes der Täufer in der Einöde“ zu sehen. Auf die paradiesisch anmutende sanfte moosige Waldlandschaft passt das nicht, aber im Innenleben des Täufers ist es karg und leer wie in einer Einsiedlergegend. Sein braunes Gewand erinnert an ein Mönchsgewand. Und von der so genannten „Mönchskrankheit“ scheint er auch befallen, von der Acedia, der apathischen Gleichgültigkeit. Wie Philosophiehistoriker Wilhelm Schmidt-Biggemann beschreibt, zeigt sie sich darin, dass die Mönche

„…zerstreut sind, plötzlich anfangen, über ihre eigenen Dinge missmutig zu werden, schwermütig. Die Aufmerksamkeit der Seele zieht sich von ihrem Gegenstand, nämlich Gott, zurück und macht Gott unattraktiv. Die Kulte, die ausgeübt werden sollen, werden lustlos ausgeübt. Tonlos wird gesungen. Die Gebete sind fahrig. Die Arbeiten sind träge und nachlässig. Und der mönchische Gehorsam bröckelt.“

Seit es Mönche gibt, seit den Tagen der Einsiedler in der ägyptischen und syrischen Wüste, gibt es dieses Phänomen des seelischen Ermüdens, der getrübten Aufmerksamkeit im Gebet, des Überdrusses am Leben mit Gott. Die ersten Mönche machten dafür  widergöttliche Mächte verantwortlich, die sie Dämonen nannten. Benediktinerin Schwester Ruth spricht lieber von Kräften,

„…die dem guten Wollen und guten Üben sich entgegenstellen. Das ist eine Erfahrung im geistlichen Leben, die zum Beispiel bei den Wüstenmönchen sehr präsent war, auch noch bei Benedikt durchaus: Da, wo der Mensch den Weg mit Gott beginnt und konsequent geht und sich besonders anstrengt, da treten Kräfte auf, die ihn davon abbringen wollen.“

Die Trägheit lauert oft da, wo die Anstrengung nachlässt

Und das gerade dann, wenn der geistliche Weg mit Erfolg beschritten wird. Die Kräfte, die dagegen antreten, ob sie nun von außen kommen, wie die frühen Mönche mutmaßten, oder aus dem eigenen Seelengrund aufsteigen, melden sich bevorzugt, wenn die Anstrengung ein wenig nachlässt. Besonders gern um die Mittagszeit. Deshalb erhielt die Mönchskrankheit der Acedia, der Trägheit des Herzens, den Beinamen „Mittagsdämon.“ Wie die Psychiaterin Gabriele Stotz-Ingenlath sagt, verbirgt sich hinter diesem Wort

„…eine Stimmungsphase oder eine Gestimmtheit, die vor allem mittags auftritt, wenn der Mönch sozusagen seine Vormittagsarbeit getan hat, wenn die Tagesstruktur auch ein bisschen Freiräume lässt, Muße zulässt, wo der Mönch oder der Mensch ganz allgemein mit sich selbst allein ist und das dann irgendwie nicht aushält. Und da hat es eben damals diese Idee gegeben, das ist jetzt das Einfallstor für das Böse.“

Die Trägheit des Herzens mit ihren Begleiterscheinungen - dem Überdruss am Leben, dem Gefühl der Leere und Sinnlosigkeit, zäher Langeweile, der Nachlässigkeit sich selbst gegenüber und der Unfähigkeit, sich anderen zuzuwenden, dem ziellosen Umherflattern des Geistes - sie wurde und wird von den Mönchen als keine Kleinigkeit angesehen. Für Evagrius Ponticus, einen Mönch aus dem vierten nachchristlichen Jahrhundert, war sie die schwerste unter den Leben und Glauben zerstörenden Hauptsünden, die er als erster zusammenstellte. Was aber ist ihre Ursache? Gabriele Stotz-Ingenlath verweist auf die Schrift  des Philosophen Josef Pieper „Über die Hoffnung“.

„Der beschreibt das so ein bisschen, dass der Mensch sich in diesen Phasen seiner selbst inne wird, eigentlich der Größe inne wird, die er auch hat vor Gott, da aber davor davon laufen will. Also vor der Verantwortung davon laufen will, das irgendwie als Last empfindet, das Leben als so würdiges, Gott bezogenes, hochgestimmtes Leben leben zu müssen und dazu sich einfach nicht in der Lage zu fühlen.“

Flucht vor dem Anruf Gottes

So wäre die Trägheit des Herzens im Tiefsten ein Fliehen vor dem, wozu der Mensch von Gott aufgerufen ist, ein Versuch, seinem eigenen Wesen zu entkommen. In Josef Piepers Schrift heißt es dazu:

„Diese Traurigkeit ist ein Mangel an Hochgemutheit; sie will sich das Große nicht zumuten, das der Natur des Christen gemäß ist. Sie ist eine Art von angsthaftem Schwindelgefühl, das den Menschen befällt, wenn er der Höhe inne wird, zu der ihn Gott erhoben hat. Der in der acedia befangene Mensch hat weder den Mut noch den Willen, so groß zu sein, wie er wirklich ist. Er möchte lieber weniger groß sein, um sich so der Verpflichtung der Größe zu entziehen. Die Trägheit als Haupt-Sünde ist der freudlose und verdrießliche, borniert selbstsüchtige Verzicht des Menschen auf den verpflichtenden Adel der Gotteskindschaft.“ (1)

Die Trägheit des Herzens als Mönchskrankheit und geistliche Absetzbewegung des gläubigen Menschen hat eine weltliche Verwandte: die Depression. Zumindest in den Symptomen zeigt sie einige Verwandtschaft mit der als schwerste geistliche Verfehlung, als größte der Hauptsünden bezeichneten Acedia. Aber sind von Depressionen befallene Menschen ebenso schuldig wie jene, die der Herzensträgheit erliegen? Gabriele Stotz-Ingenlath bezweifelt das:

„Wenn ich jetzt von Depression als Krankheit ausgehe, da muss man schon sagen, das ist eher nicht selbst verschuldet. Und das, was da in der Depression eben stattfindet, ist, dass man sich tatsächlich Schuld vorwirft, die vielleicht gar nicht in dem Ausmaß besteht. Bei der Acedia, die letztlich ein Stimmungstief ist, was man in Mußezeiten letztlich durch ein Sich-Gehenlassen erfährt, da kann man schon sagen, wenn ich mich jetzt in diesem Weltschmerz, in diesem Ekel des Lebens, in diesem Mich-nicht-Aufraffen suhle ja, da gibt es bestimmt eine Verantwortung: Erkenne ich diese Gefahr und gebe ich mich da hin oder muss ich mich nicht bemühen, gegen zu rudern, wenn ich das spüre, dieses Kommen des Mittagsdämons, der Acedia?“

Möglicherweise gibt es auch bei der Depression solch eine Gefahrensituation, ein als Verlockung zur harmlosen Selbstaufgabe getarntes „Anklopfen“. Was die Acedia, die Trägheit, betrifft, so ist sie nicht nur eine Mönchskrankheit und ein bedenkliches Verhalten gläubiger Menschen, sie ist auch eine Gefahr für die so genannten Geistesschaffenden, meint Philosophiehistoriker Wilhelm Schmidt-Biggemann.

„Es ist etwas, was auch in der Wissenschaft auftauchen kann, dass man Missmut in Bezug auf seinen Gegenstand hat, sich fragt, was soll das eigentlich. Und das ist ein Moment, das natürlich mit der Frage nach dem Sinn zusammen hängt. Und wenn man die Frage nach dem Sinn nicht mal mehr stellt, nicht, dass man sie nicht beantworten kann, sondern wenn man sie nicht mal mehr stellt, dann hat man Ekel vor sich selbst und vor dem Gegenstand, den man eigentlich attraktiv finden sollte. Und deshalb ist Acedia nicht nur eine Mönchskrankheit, sondern auch eine Wissenschaftlerkrankheit.“

Die Depression befällt auch immer mal Geisteswissenschaftler. Sie ist aber nicht streng fixiert auf bestimmte Berufsgruppen. Als Terminus für das krankhafte Ausgeliefertsein an Antriebslosigkeit, Lebensüberdruss und die Persönlichkeit zersetzende Orientierungslosigkeit ist Depression ein recht junges Wort. Bis in die 1920er Jahre wurde dafür der Begriff „Melancholie“ verwandt, eine schon der Antike bekannte und seit dieser Zeit beschriebene Erscheinung. Damals wurde sie gern in Verbindung mit herausragender Kreativität gesehen.

Melancholie, Herzens-Trägheit oder Depression?

„Melancholiker sind diejenigen, die durch besondere Weisheit und auch durch besonderen Erfindungsreichtum ausgezeichnet sind. Und die Melancholiker sind, sagt man seit einem pseudoaristotelischen Fragment, diejenigen, die genial sind. Das heißt, der Typus dieser Genies ist der, dass die sich selber aus ihrer Melancholie heraus zu großen Werken steigern können. Und in dem Zusammenhang gelten sowohl die antiken Künstler als auch vor allen Dingen in der Renaissance jemand wie Michelangelo als Melancholiker. Das heißt, an dieser Stelle unterscheiden sie sich von den Mönchen, die unter Acedia leiden.“

Melancholie, Depression und die Herzensträgheit Acedia – sie sind verwandt miteinander. Die Depression ist die am weitesten verbreitete psychische Erkrankung unserer Zeit und ihre negative Karriere scheint weiter anzuhalten. Eine Art gesellschaftliche Herzensträgheit, Sinnaufgabe und zerstörerischen Überdruss äußert Prinz Leonce in Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“, wenn er kokett sinniert:

„Was die Leute nicht Alles aus Langeweile treiben! Sie studiren aus Langeweile, sie beten aus Langeweile, sie verlieben, verheirathen und vermehren sich aus Langeweile und sterben endlich aus Langeweile, und - und das ist der Humor davon - alles mit den wichtigsten Gesichtern, ohne zu merken, warum, und meinen Gott weiß was dazu. Alle diese Helden, diese Genies, diese Dummköpfe, diese Heiligen, diese Sünder, diese Familienväter sind im Grunde nichts als raffinirte Müßiggänger. - Warum muß ich es gerade wissen? Warum kann ich mir nicht wichtig werden und der armen Puppe einen Frack anziehen und ihr einen Regenschirm in die Hand geben, daß sie sehr rechtlich und sehr nützlich und sehr moralisch würde? Wenn ich nur etwas unter der Sonne wüßte, was mich noch könnte laufen machen.“ (2)

Weniger offensichtlich in der Sinnlosigkeit gefangen, ist die Antriebslosigkeit als Gesicht einer Zeit in Iwan Gontscharows „Oblomow“ meisterhaft festgehalten worden. Der taten- und energielose Gutsbesitzer befindet sich dauerhaft in einer Art behaglich bedrückender Selbstaufgabe. Sein Tagesbeginn macht das anschaulich.

„Kaum aufgewacht, fasste er sogleich den Entschluss, aufzustehen, sich zu waschen, Tee zu trinken, gründlich nachzudenken, sich etwas zu überlegen, es aufzuschreiben und überhaupt - der Angelegenheit so viel Aufmerksamkeit zu widmen, wie sie verdiente. Ein halbes Stündchen blieb er noch liegen, quälte sich mit diesem Entschluss herum, entschied dann aber, dass auch nach dem Tee noch Zeit dafür sei, er den Tee aber, wie er das immer tat, auch im Bett trinken könne, umso mehr, als ihn ja auch nichts daran hinderte, im Liegen nachzudenken. Gesagt, getan. Nach dem Tee machte er schon Anstalten, sich von seinem Lager aufzurichten und wäre beinahe aufgestanden; er warf einen Blick auf die Pantoffeln, streckte sogar schon ein Bein in ihre Richtung aus dem Bett, zog es aber sogleich wieder zurück.“ (3)

Die Mönche entwickelten ein Gegenmittel

Weil Depression und Acedia zerstörerisch sind, werden sie nicht einfach hingenommen. Es gibt Mittel, ihnen zu begegnen. Im Kloster- und Mönchsleben lassen sie sich auch den Regularien entnehmen, die dafür aufgestellt wurden. So auch in der Regel des Benedikt von Nursia, die bis heute für alle Benediktiner und Benediktinerinnen Gültigkeit hat. Darin werden Verhaltensregeln genannt, die dem Entstehen der Herzensträgheit Acedia vorbeugen können. Im Kapitel über den Kellermeister, der verantwortlich ist für die Zuteilung der Güter, die Mönche oder Nonnen benötigen, die nach dem Grundsatz der Gütergemeinschaft keinen Privatbesitz haben, heißt es:

„‘Er mache die Brüder nicht traurig. Falls ein Bruder unvernünftig etwas fordert, kränke er ihn nicht durch Verachtung, sondern schlage ihm die unangemessene Bitte vernünftig und mit Demut ab.‘ Also nicht die eigene Stellung auftischen und auftrumpfen, sondern sich auf eine Stufe stellen und sozusagen den, der diese Bitte ausgesprochen hat, für diese Entscheidung gewinnen und nicht von oben herab ihn klein machen. Weil das tatsächlich natürlich Reaktionen hervorruft, die so ein Einfallstor dafür sein können, dass jemand zumacht und einfach sagt, nein, jetzt hab ich keine Lust mehr oder so, sich verweigert innerlich aus Protest und dann in so eine Dynamik reinrutscht, die ihn insgesamt die ganze Sache vom geistlichen Leben in Frage stellen lässt.“ (4)

Am Ende des Kapitels über den Kellermeister steht die Mahnung: Niemand soll verwirrt und traurig werden im Hause Gottes. Traurigkeit und Verwirrung meinen hier bedrohliche Zustände, die der Trägheit des Herzens den Weg bereiten können. Mönche und Nonnen üben sich deshalb in Haltungen, die diesen Gemütsverfassungen entgegenwirken wie Demut, Gelassenheit und Maßhalten in Genüssen und Affekten. Und sie vermeiden den Müßiggang im Sinne von Nichtstun oder sinnloser Geschäftigkeit. Dem dient auch die körperliche Arbeit, die bei den Benediktinern neben Gebet und Schriftlesung ohnehin zum Tagesrhythmus gehört. Wenn ein Mönch oder eine Nonne von der Acedia bedrängt wird, wird die körperliche Arbeit besonders nahegelegt. Sie gilt als Mittel für ein gesundes geistliches Leben, denn sie sorgt für den Ausgleich von Körper und Seele. Sich bemühen um ein leib-seelisches Gleichgewicht - oder eine Balance zwischen Umtriebigkeit und kontemplativer Besinnung - und Haltungen trainieren, die schwerer Gemütsverwirrung und Seelenverdunkelung vorbeugen, das können im Grunde auch Menschen außerhalb der Klöster. Auch für sie kann es sinnvoll sein, wachsam die Regungen der Seele zu beobachten, wie es den Mönchen und Nonnen in der Benediktsregel nahegelegt wird. Schwester Ruth erläutert:

„Die Wachsamkeit ist für Benedikt eine Grundhaltung und die finde ich sehr gut beschrieben in der ersten Stufe der Demut in dem Demutskapitel sieben, da heißt es: ‚Der Mensch achte stets auf die Gottesfurcht und hüte sich, Gott je zu vergessen.‘ Es geht bei diesem Defizit an Lebenskraft, wenn man Acedia vielleicht auch so mal beschreibt, glaube ich, tatsächlich auch um Vergessen, dass mir abhandenkommt, was für mich gut ist, wovon ich lebendig bin, was sich für mich lohnt.“

Wer diese Trägheit kennt, kann zum Experten für Andere werden

Nicht zu vergessen, was mir gut tut: Das ist ein Mittel, der Herzensträgheit die Herrschaft streitig zu machen. Das mag auch im Fall der Depression von Nutzen sein, sofern die Betroffenen in der  Lage sind, die Erinnerung daran gegen die Bedrückung zu aktivieren. Keinesfalls sollten sie sich in einer Art dunklen Sucht dem Welt- und Lebensüberdruss hingeben oder ihn verklären, wie es Künstler gern gemacht haben. Gabriele Stotz-Ingenlath gibt ein Beispiel:

„Es gibt dann in der Romantik ja diese Verklärung der Melancholie: ‚Komm, heilige Melancholie!‘ Lord Byron stürzt sich dann in seinen Gedichten ins Meer, in dieses melancholische Fahrwasser. Da wird es verklärt, da wird letztlich dieses Melancholische dann so überhöht als künstlerisch Inspiratives. Das kann auch vielleicht der Schuss zu viel sein für gläubige Menschen, die dann eben sagen, nein, da beginnt dann auch die Schuld, wenn ich mich dem so hingebe und nicht gegen steuere.“

Mag es für die Mönchskrankheit Acedia mehr gelten, dass sie mit persönlicher Schuld verbunden wird, so ist doch auch bei der Depression die Verantwortung der Betroffenen nicht völlig abwesend. Zumindest dann, wenn sie nach einer ersten Therapiephase  in der Lage sind, am Heilungsprozess mitzuwirken. Dann kann der Patient sich bemühen,

„…alte Muster, die vielleicht in diese Krankheit führten - irgendwelche selbstaggressiven Dinge oder so erlernte Hilflosigkeitsmuster oder regressive Tendenzen - zu erkennen, da auch hinzugucken unter therapeutischer Anleitung und versuchen, Positives dagegen zu setzen mit Anleitung. Das ist Arbeit am Ich. Der Patient soll Experte seiner eigenen Erkrankung werden. Und wenn ich kompetent bin in meiner Erkrankung, dann schaffe auch ich als Betroffener selbst letztlich den Ausweg.“

Wie der an Depression Erkrankte kann wohl auch der gläubige Mensch, den die Mönchskrankheit befallen hat, zu einer Art Spezialisten seiner Schädigung werden, damit er einem erneuten Angriff gewachsen ist. Mönche und Nonnen sehen die Herzensträgheit als eine Krisensituation, eine Bewährung des Glaubens, die sie bewältigen können und müssen. Weil sie ihre Existenz als geistlichen Kampf verstehen, sind sie auf solche Bedrängnis vorbereitet und haben ein feines Sensorium für ihre Vorboten und ihre Erscheinungsformen entwickelt. Sie wissen aber auch, dass sie die Herzensträgheit nicht allein bewältigen können. Gleich depressiven Menschen müssen sie sich in ihrer Notlage anderen mitteilen und Hilfe suchen. Im Kloster sind es die geistlichen Begleiter, die dann raten, trösten und die Not mittragen. So können die von der Herzensträgheit Befallenen aus der Einöde ihrer Herzen herausfinden, wie es auch die von Depression Geplagten erhoffen. Damit sie die Schwermut, wie sie Johannes der Täufer auf dem Bild von Geertgen tot Sins Jans erfahren hat, abstreifen und erkennen, dass auf sie eine paradiesisch anmutende, sanft geschwungene Landschaft wartet, wenn der „Mittagsdämon“ vertrieben ist.

Zitate:
(1) aus Josef Pieper: Über die Hoffnung, München 1949.
(2) aus Georg Büchner: Leonce und Lena.
(3) aus Iwan Gontscharow: Oblomow.
(4) aus Hans Urs von Balthasar (u.a.): Die großen Ordensregeln, 1994.


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Dieser Beitrag wurde am 04.03.2018 gesendet.


Über den Autor Gunnar Lammert-Türk

Gunnar Lammert-Türk (Jahrgang 1959) ist freischaffender Journalist und Autor. Er wurde in Leipzig geboren und studierte Germanistik und Evangelische Theologie in Berlin. Nach dem Studium organisierte er Projekte einer Arbeitsfördergesellschaft, die aussortierte Technik für Hilfsprojekte in Osteuropa und der Dritten Welt regenerierte. Es folgte die Leitung einer Beratungsstelle für Russlanddeutsche. Darauf war er Autor und Redakteur in der Medienfirma Greenlight. Seit 2003 ist er als freier Journalist und Autor tätig. Von 2004 bis 2007 führte er mit einem Musiker und einem Zauberer Musiktheatershows für Kinder auf. Er verfasst Rundfunkbeiträge, schreibt Texte für Audioführer und Kinderlieder. Veröffentlichungen im Boje Verlag, Schneider Verlag, Xenos Verlag und im Deutschen Theater Verlag. Kontaktg.lammert.tuerk@gmail.com