Wort zum Tage, 05.03.2018

Johanna Vering aus Buchen

Gisela

Gisela hat die Leute im Blick. Sie ist Ende 50, lebt bei uns im Odenwald und kümmert sich unheimlich viel um andere Menschen. Hat jemand seine Frau verloren: Gisela geht sicher in den ersten Wochen nach der Beerdigung einmal die Woche zu Besuch hin. Eine alte Dame lebt allein und Gisela erfährt das: sie geht hin und bietet sich und ihre Zeit an. Wenn Sie nach dem Gottesdienst Menschen trifft, die sie nicht kennt, spricht sie sie an. Gisela ist für viele da, die ohne sie einsam wären. Klar, in so einem kleinen Ort geht das. Trotzdem: Gisela ist für mich eine Heldin im Alltag. Manchmal empfinde ich sie sogar als Engel, die genau weiß, wann jemand was braucht.

In Großbritannien gibt es seit Januar ein Ministerium für Einsamkeit. Eine Studie hat gezeigt, dass sich ca. 9 Millionen Menschen im Land einsam fühlen. Premierministerin May hat reagiert und jetzt gibt es eben eine Ministerin für Einsamkeit.

Ich war anfangs verwirrt, als ich das gehört habe. Was soll denn bitteschön eine Ministerin für Einsamkeit daran ändern, dass viele Leute sich so fühlen?

Klingelt sie bei jedem persönlich und trinkt in Ruhe einen Kaffee mit ihm? Nimmt sie sich Zeit für einen ausgedehnten Spaziergang? Sicher nicht. Und die Ehefrau oder den besten Freund kann die Ministerin auch nicht ersetzen. Was macht sie denn konkret dagegen, dass viele Menschen einsam sind? Das, was Gisela bei uns macht, kann sie nicht leisten. Und klar ist auch, es braucht viel mehr Giselas.

Das Problem ist natürlich grundsätzlicher. Und ich finde es gut, dass das Thema jetzt ganz oben in der Regierung angesiedelt ist. Es geht ja darum, sich das Problem bewusst zu machen. Ich zum Beispiel hätte nie gedacht, dass so viele Menschen einsam sind. Mein Blick hat sich verändert.

Die Ministerin kann natürlich die Menschen nicht alle persönlich besuchen. Sie kann aber dafür sorgen, dass es Geld für Projekte gibt, die Leute zusammenbringen. Sie kann zum Beispiel Alltagsbegleiter ausbilden lassen, die andere besuchen und sie unterstützen. Und die haben dann Zeit. Sie kann generationsübergreifendes Wohnen fördern und dafür werben.

Es sind ja nicht nur ältere Menschen einsam. Die Ministerin kann bei den Jugendämtern verstärkt Personen anstellen, die sich um Kinder und Jugendliche kümmern, die in ihrer Familie keinen Ansprechpartner haben.

Es ist natürlich auch klar, dass dadurch nicht alle einsamen Menschen plötzlich weniger einsam sind.

Ich finde es aber grundsätzlich eine gute Sache.

Vielleicht trifft es ja auch mich eines Tages. Dann wäre ich froh, so ein Ministerium hätte Bewusstsein geschaffen. Es hätte den Blick füreinander geschärft. Dann bemerkt vielleicht jemand, dass ich allein in meiner Wohnung sitze.

Gisela lebt genau das. Und vielleicht kann ein Ministerium für Einsamkeit ja tatsächlich mehr Leute dazu bringen, so zu sein wie Gisela.


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Dieser Beitrag wurde am 05.03.2018 gesendet.


Über die Autorin Johanna Vering

Johanna Vering, geboren 1982 in Ostwestfalen, ist Pastoralreferentin bei der Katholischen Rundfunkarbeit am SWR. Nach dem Studium der Theologie in Freiburg und Graz hat sie als Pastoralreferentin in verschiedenen Seelsorgeeinheiten der Erzdiözese Freiburg gearbeitet und die journalistische Ausbildung am ifp in München absolviert. Johanna Vering lebt in Buchen (Odw.), ist verheiratet und hat zwei Kinder. Kontakt
johanna.vering@kirche-im-swr.de

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