Morgenandacht, 30.01.2018

von Dr. Peter-Felix Ruelius aus Schlangenbad-Georgenborn

Sei selbst die Veränderung, die du dir für die Welt wünschst

Vor siebzig Jahren starb Mahatma Gandhi. Sein Leben wurde durch einen Attentäter beendet. Was für ein Schock! Wie kann es sein, dass ein Mensch, der sich der Gewaltlosigkeit verschrieben hat, auf diese Weise sterben muss?

Die unverwirklichten Ideale Mahatma Gandhis sind in unserer Zeit vielleicht notwendiger als sie es jemals waren. Der mittlerweile 83-jährige Enkel von Mahatma Gandhi, Arun Gandhi, ist jedenfalls davon überzeugt. Die Erinnerungen, die er unter dem Titel „Wut ist ein Geschenk“ veröffentlicht hat, sind ein Plädoyer für die Gewaltlosigkeit und Aufrichtigkeit, denen sich sein Großvater verschrieben hatte.

Arun Gandhi wurde als zwölfjähriger Junge zu seinem Großvater geschickt, um mit ihm zu leben und von ihm zu lernen. Arun Gandhi erzählt Geschichten aus dieser Zeit, Begebenheiten, die ihm mehr gezeigt haben als Bücher es jemals hätten tun können.

Eines Tages, so erzählt er, ruft Mahatma Gandhi seinen Enkel zu sich. Er hat, wie immer, sein Spinnrad dabei, denn das Zusammensein von Großvater und Enkel ist meistens begleitet von der ruhigen Tätigkeit des Spinnens von Baumwolle. Heute ist es anders. Der Großvater bittet den Enkel, das Spinnrad zu zerlegen. Der Enkel wundert sich, aber er weiß: Sein Großvater verlangt nie etwas ohne Grund.

Also zerlegt er das Spinnrad – und wird noch verwunderter, als er den Vorschlag bekommt: „Nun lass uns ein bisschen Baumwolle spinnen.“

„Wie soll das gehen? Mein Spinnrad ist zerlegt.“

„Na schön, dann bau es zusammen.“

Also macht sich der Junge ans Werk. Als er fast fertig ist, greift der Großvater unter das Rad und nimmt eine winzige Feder heraus. Arun Gandhi erzählt:

„Er hielt sie in der Hand, und es war klar, dass er nicht vorhatte, sie mir zurückzugeben.

‚Ohne die Feder wird es nicht funktionieren‘, sagte ich. ‚Warum nicht? Es ist doch nur ein winziges Teilchen.‘

‚Ja, aber ohne geht es eben nicht‘

‚Ach, es ist so winzig, es kann nicht viel ausmachen.‘“

Am Ende kapituliert Arun: Ohne das winzige Teilchen geht es einfach nicht.

Und der Großvater erklärt: „Jedes Teil ist entscheidend und trägt zum Ganzen bei. Diese kleine Feder ist nötig, um das Spinnrad zum Laufen zu bringen. Und genauso ist jeder einzelne Mensch, jede einzelne Stimme in der Gesellschaft wichtig. Keiner und keine ist überflüssig oder unwichtig. Wir alle bilden gemeinsam einen Klang.“ (233/234)

Was so einfach und so selbstverständlich klingt, ist deswegen nicht banal, weil es sich mit zwei anderen Einsichten verbindet, die Arun Gandhi von seinem Großvater gelernt hat: Glaubwürdigkeit und Beharrlichkeit.

So hat Gandhi sein Leben lang auf Privilegien verzichtet, hat ein einfaches Leben, eine einfache Nahrung und eine einfache Kleidung gewählt. Was er gelehrt hat, konnte man immer an seinem Leben ablesen. Seine Überzeugung war: Was man nicht selbst in seinem Leben zeigt, kann man nicht gesellschaftlich vertreten. „Sei selbst die Veränderung, die du dir für die Welt wünschst“ – das hat Gandhi seinem Enkel mehrfach mit auf den Weg gegeben.

Und schließlich: Beharrlichkeit. Hier kommt noch einmal das Spinnrad zum Zug: Die Menschen in Indien litten im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts darunter, dass die britische Kolonialmacht die gesamte Baumwolle nach England exportierte, dort in Fabriken verarbeiten ließ und die gewebten Stoffe zu Preisen wieder nach Indien einführte, die sich die meisten nicht leisten konnten. Auf Gandhis Initiative hin begannen die Inder, ihre Baumwolle selbst zu spinnen und zu weben. Millionenfach. Mit dem Ergebnis, dass die britische Textilindustrie in Indien ihren prägenden Einfluss verlor.

Drei einfache Prinzipien: Der Respekt vor dem Beitrag jedes Einzelnen, eine ständig erarbeitete Übereinstimmung von Lehre und Leben und das beharrliche Vertreten dessen, was richtig ist – und all das eingebettet in die große Idee des friedvollen und gewaltlosen Lebens der Menschen miteinander:

Wenn es nur das wäre, was vom Leben Mahatma Gandhis heute noch lebendig wäre, so wäre das ein unglaublich reiches Erbe.


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Dieser Beitrag wurde am 30.01.2018 gesendet.


Über den Autor Peter-Felix Ruelius

Dr. Peter-Felix Ruelius, geboren 1964, ist Theologe und leitet den Zentralbereich Christliche Unternehmenskultur und Ethik bei der BBT-Gruppe (Barmherzige Brüder Trier e.V.). Als Supervisor und Coach begleitet er Menschen in ihren beruflichen Herausforderungen. Vorher war Peter-Felix Ruelius fünfzehn Jahre Religionslehrer in Fulda und arbeitete mehrere Jahre in der Lehrerfortbildung. Was hilft ihm bei der Vermittlung des Glaubens - auch in schwierigem Kontext? Das Studium? Die Erfahrung? Auch. Aber vor allem: Sympathie für die Menschen, denen er begegnet, möglichst viel Geduld und das wache Beobachten der Welt um ihn herum. Überall sind Spuren der Sehnsucht, der Hoffnung, des Glaubens; Gott macht für uns im Buch dieser Welt dauernd Notizen, und diese Notizen sind lesbar! Manches davon findet sich in den Radiotexten wieder.

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