Am Sonntagmorgen, 11.03.2018

von Prof. Dr. Katharina Klöcker aus Münster

Der perfekte Mensch – Christliche Ethik im Angesicht neuester Technologien

Kennen Sie die Ikarus-Sage? Es geht in ihr um den uralten Traum vom Fliegen, aber sie gilt gleichzeitig auch als Parabel auf die Hybris des Menschen, der seine Grenzen immer weiter überschreitet. Der Schriftsteller Michael Köhlmeier erzählt die alte Sage mit seinen eigenen Worten: Zunächst geht es um Dädolos, den Vater des Ikarus, der den Vogelflug beobachtet. Schließlich hat er  

O-Ton Bayrischer Rundfunk
 „den Vogelflügel nachgebaut aus Wachs und diesen Federn und zusammen mit Ikarus hat er sich erhoben aus dem Labyrinth und hat zu seinem Sohn noch gesagt: ‚Pass auf, du musst sehr gut achtgeben, flieg nicht so hoch, sonst wird die Sonne zu heiß und das Wachs schmilzt; flieg nicht zu tief, dann streifst du die Wellen des Meeres und dann werden die Flügel zu schwer und du wirst abstürzen‘. +So haben sie sich erhoben von der Insel Kreta und sind davon geflogen, aber es war natürlich etwas Wunderbares zu fliegen. Stellen Sie sich vor: Plötzlich können Sie fliegen, mit eigener Kraft, und der junge Ikarus, das ist ihm zu Kopf gestiegen, der hat eine Freude gehabt und er hat sich erhoben und er wollte möglichst weit sehen und er ist über das Meer geflogen und nach oben und die Sonne hat das Wachs seiner Flügel erwärmt und die Flügel sind zerfallen und Ikarus ist in die Tiefe abgestürzt.“

Sprecher
Der Mensch, der sich selbst maßlos überschätzte und seine Grenzen überschritt, provozierte die antiken Götter. Solche Hybris wurde in der griechischen Mythologie bestraft. Ikarus musste sterben. Sein Vater Dädalus, der als genialster Erfinder der Antike galt, verfiel in tiefe Trauer.

Autorin
Schon immer hat der Mensch versucht, sich von seinen natürlichen Beschränkungen zu befreien. Über alle Zeiten und Epochen hinweg. Mehr denn je aber hat sich unsere Gegenwart der Optimierung des Menschen verschrieben. In der deutschsprachigen Debatte hat sich dafür der englische Begriff „Human Enhancement“ etabliert, also die Verbesserung des Menschen.

Sprecher
Verbesserung des Menschen? Verbessert nicht bereits derjenige, der eine Brille aufsetzt, seine nachlassende Sehkraft? +Verbessern Schmerzmedikamente nicht unser Wohlbefinden? Zweifellos lässt sich nicht immer klar unterscheiden, wo Therapie endet und wo Enhancement anfängt. Enhancement will aber weit mehr als Heilung oder Linderung: Körperliche und geistige Grenzen des Menschen sollen mit Hilfe von Technik überwunden werden. Die rasanten Entwicklungen in diesem Bereich lassen sich kaum noch überblicken.

Autorin
Im Fokus der weltweiten Öffentlichkeit steht die Gentechnik. Die Entdeckung so genannter Genscheren gilt als spektakulärer Forschungserfolg. Gene können repariert, genetische Erkrankungen vielleicht sogar in nicht allzu ferner Zukunft geheilt werden. Könnten dann nicht auch Eltern die Gene ihrer Kinder aussuchen? Könnte der Mensch seine Evolution nicht einfach selbst in die Hand nehmen?

Sprecher
Auch andere Technologien dringen immer weiter in den Körper des Menschen ein. Hirnimplantate könnten in Zukunft nicht nur Demenz lindern, sondern uns mühelos fremde Sprachen sprechen lassen. Menschen könnten nicht nur gesünder, sondern intelligenter und moralischer gemacht werden. Gehirninhalte könnte man auf digitale Trägermedien auslagern. Menschen wären dann in den Computer hochgeladene Persönlichkeiten. Würde der Mensch – wie manche hoffen – damit nicht sogar unsterblich werden?

Autorin
Zukunftsmusik oder Science Fiction? Eine philosophische Strömung, die solche Enhancement-Technologien entschieden befürwortet, ist der so genannte Transhumanismus. Er möchte nicht über Begrenzungen der Selbstoptimierung des Menschen nachdenken. Er möchte diese Grenzen schlichtweg aufheben. Optimierungstechnologien werden von Transhumanisten nahezu ungebrochen befürwortet. Der Mensch soll sich selbst überschreiten. Er soll sich neu entwerfen.

Sprecher
Unsterbliche Mensch-Maschine-Wesen? Genmanipulierte Kinder? Eine intelligentere, moralischere Menschheit? – Manches mag verlockend klingen. Doch viele transhumanistische Ideen werden als unseriös, absurd oder lächerlich abgetan. Jürgen Habermas bezeichnete Transhumanisten als eine „Hand voll ausgeflippter
Intellektueller“[1]. Wie seriös auch immer solche Zukunftsvisionen sind: Sie provozieren Fragen, die jede Ethik herausfordern. Auch die christliche. 

Autorin
In der christlichen Tradition lange Zeit wirkmächtig war der Gedanke, dass in der Natur erkennbar ist, was moralisch geboten ist. Die Natur galt als Abbild der göttlichen Schöpfungsordnung. In ihr war der Wille Gottes gleichsam eingeschlossen. So musste das Gute und Richtige nur noch abgelesen werden. Die Natur des Menschen also als Maßstab für die Moral? 

Sprecher
Dann verbietet sich jede Form des Enhancements. Technische Eingriffe in die Natur würden dem Plan und Willen des Schöpfergottes widersprechen. Aber wäre dann nicht beispielsweise auch eine Blinddarmoperation ein unzulässiger Eingriff in die Natur? Dass die Natur moralische Urteile vorgibt, hält kritischen Einwänden nicht stand.

Autorin
Innerhalb der christlichen Ethik setzte mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ein Umdenken ein. Der Mensch und seine Fähigkeit, die Welt und die Natur zu gestalten, rückten in den Mittelpunkt. Ein Gedanke, der sich in der Geistesgeschichte schon lange angekündigt hatte. Bereits Pico della Mirandola, ein Philosoph der Renaissance, schreibt in seiner berühmt gewordenen Rede Über die Würde des Menschen:

Sprecher
„Du sollst dir deine [Natur] ohne jede Einschränkung und Enge, nach deinem Ermessen[…] selber bestimmen. Ich habe dich in die Mitte der Welt gestellt, damit du dich von dort aus bequemer umsehen kannst, was es auf der Welt gibt. Weder haben wir dich himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich geschaffen, damit du wie dein eigener, in Ehre frei entscheidender, schöpferischer Bildhauer dich selbst zu der Gestalt ausformst, die du bevorzugst.“[2]

Autorin
Der Mensch wird zu seinem eigenen Bildhauer, er formt sich selbst. Daraus spricht ein ganz neues Selbstbewusstsein und Selbstverständnis. Viele Denker greifen diesen Gedanken der Selbstschöpfung des Menschen auf und entwickeln ihn weiter - wie etwa die philosophisch-anthropologischen Klassiker des 20. Jahrhunderts, Helmuth Plessner und  Arnold Gehlen. Die Freiheit des Menschen rückt in den Fokus. Er entscheidet nun, wer er ist und sein will. Und die Natur? Sie wird nicht mehr als unveränderliche Ordnung begriffen. Der Mensch verändert, gestaltet und interpretiert sie.

SprecherWas bedeutet das für die Ethik? Dem Menschen eröffnen sich ungeheure Chancen. Zugleich werden aber auch Risiken und Gefahren deutlich. Nicht mehr die Natur in Form von festgelegten Wesenseigenschaften gibt den moralischen Maßstab vor. Jetzt rückt das freie Subjekt in den Mittelpunkt. Und so wird der Mensch in seiner verantwortlichen Freiheit auch zum Dreh- und Angelpunkt der Ethik. Diese Freiheit zur Selbstgestaltung konfrontiert den Menschen nun aber auch mit einem völlig neuen Maß an Verantwortung.

Autorin
Wird Gott damit für die Ethik irrelevant? Oder muss, wer an Gott festhält, die menschliche Freiheit nicht letztlich doch wieder beschneiden? Sind das die Alternativen? Ist der Mensch letztlich ein Konkurrent Gottes? Der Theologe Thomas Pröpper entwickelt ein gänzlich anderes Bild. Er spricht von der Freundschaft mit Gott: „Ich wüsste keinen Gedanken“, so Pröpper, „der den Glauben verlässlicher tragen und ihm größere Freude sein kann. Dass er, der alles uns gibt, uns die Würde eigener Zustimmung lässt.“[3]

Sprecher
Die menschliche Freiheit wird hier als von Gott geschenkte Freiheit begriffen. Gerade in diesem Geschenktsein erfährt sich der gläubige Mensch als frei. Gottes Schöpfertum liegt der menschlichen Freiheit zugrunde und trägt, ja ermöglicht sie erst. Der Mensch als Ebenbild Gottes kann so als kreativer Mit-Schöpfer Gottes verstanden werden. Karl Rahner fasste dies so zusammen: „Erst dort, wo man sich als freies Subjekt vor Gott verantwortlich erfährt und diese Verantwortung übernimmt, begreift man, was Eigenständigkeit ist und dass sie im selben Maß wächst und nicht abnimmt mit der Herkünftigkeit von Gott.“[4]

Autorin
Im Horizont christlicher Ethik lautet die entscheidende Frage also nicht, ob der Mensch die Welt optimieren darf, sondern wie er sie verantwortungsvoll verbessern kann. Jede einzelne Möglichkeit der Verbesserung gilt es zu prüfen. Diskutiert wird zurzeit etwa, ob Roboter den Mangel an Pflegefachkräften beheben könnten. Welche Folgen hätte eine solche Maßnahme, auch auf lange Sicht? Es ist zu prüfen, ob sich Optimierungen wie diese nicht letztlich als kontraproduktiv erweisen. Dann wäre es unverantwortlich, eine solche Technik zu fördern. Die Folgen von Optimierungstechnologien müssen also immer in den Blick genommen, Risiken eingeschätzt werden. Komplexe Abwägungen werden notwendig.  

SprecherBlicken wir noch einmal auf den Transhumanismus. Er will grenzenloses Enhancement. Die menschlichen Freiheitsräume sollen immer weiter ausgedehnt werden. Doch was bedeutet das? Letztlich will der Transhumanismus mit allen zur Verfügung stehenden Technologien das Unverfügbare abschaffen. Der Körper soll restlos beherrschbar durch Technik werden. Es ist eine Welt grenzenloser Selbstverfügung des Menschen, in der es letztlich auch keinen Tod mehr geben soll. 

Autorin
Wie utopisch solche Visionen sind, sei einmal dahingestellt. Doch angenommen, vieles davon würde sich tatsächlich verwirklichen lassen. Einmal angenommen, die Kontrolle über das menschliche Leben würde immer umfassender und der Mensch würde sich immer weniger als bedürftig, verletzlich, sterblich erfahren. Heraus käme der perfekte Mensch. Was könnte man dagegen einwenden?

Man könnte sich vielleicht die Frage stellen, wer eigentlich in den Genuss dieser Optimierungen kommen soll. Die Reichen? Die Wohlhabenden? Wer würde dies entscheiden? Und geht nicht dadurch die Schere zwischen arm und reich immer weiter auf? Vertieft sich nicht die Kluft zwischen denen, die sich das leisten können, und denen, die verletzbar bleiben müssen und daher immer mehr abgehängt werden? Nicht einmal mehr im Tod, in der Sterblichkeit, wären dann alle Menschen gleich.  

Sprecher
Schauen wir also noch einmal genauer hin und fragen, wie dieses Ziel eigentlich erreicht werden soll: Der Transhumanismus will den Menschen durch Technologie von allem befreien, was nicht seiner Selbstgestaltung unterliegt. Unsere Unzulänglichkeiten, unsere Begrenztheiten sollen überwunden, unsere Schwächen beseitigt werden. Dies kann nur gelingen, indem sich der Mensch durch Technik möglichst optimal an die Gegebenheiten anpasst. Und das bedeutet, wie der Philosoph Jan-Christoph Heilinger unterstreicht: Eine „fundamentale Affirmation der gegenwärtigen politischen und sozialen Umstände“[5]. Auf eine Kurzformel gebracht: Je angepasster ein Mensch, umso perfekter.

Autorin
Dazu gibt es einen Gegenentwurf: Nur dort, wo sich der Mensch als sterblich und verwundbar erfährt, wo zur Freiheit des Menschen auch seine Unverfügbarkeit gehört, tritt der innerste Beweggrund und das Ziel von Ethik zu Tage. Warum das so ist? Wir können letztlich nicht gut handeln, ohne dass wir uns als verletzbare, endliche und sterbliche Wesen begreifen. Denn nur so erkennen wir, dass auch der Andere verletzbar ist. Die Wahrnehmung eigener Verletzbarkeit öffnet die Augen für die Zerbrechlichkeit des Anderen. Und das sei der Beginn jeder Ethik, so hat es der Philosoph Emmanuel Levinas einmal formuliert.

Sprecher
Das Ziel also ist gerade nicht eine Anpassung an die Verhältnisse. Vielmehr geht es um eine kritische Distanz zu ihnen. Gilt es doch, für eine gerechtere Welt einzutreten und Leiden zu lindern. Der transhumanistische Traum dagegen ist als Anfang vom Ende einer menschlichen Moral zu entlarven. Sein Ziel ist es, uns unempfänglich für die Einsicht zu machen, dass wir begrenzte Wesen sind und bleiben werden. Indem der Transhumanismus uns zu perfekten Menschen machen will, nimmt er uns die Möglichkeit, für eine gerechtere Welt zu streiten.

Autorin
Lassen wir abschließend den US-amerikanischen Philosophen Michael Sandel zu Wort kommen. In seinem Buch Plädoyer gegen die Perfektion schreibt er:

Sprecher
„Es ist verlockend zu glauben, dass es eine Übung in Sachen Freiheit sei, unsere Kinder und uns selbst biotechnisch auf Erfolg in einer auf Wettbewerb orientierten Gesellschaft zu trimmen. Aber unsere Natur zu verändern, damit sie in die Welt passt, und nicht umgekehrt, ist in der Tat die tiefste Form der Entmachtung. Es lenkt uns davon ab, kritisch über die Welt nachzudenken, und betäubt den Drang nach sozialer und politischer Reform. Statt unsere neuen genetischen Fähigkeiten dafür einzusetzen, das ‚krumme Holz der Menschheit‘ zu begradigen, sollten wir tun, was wir können, um soziale und politische Verhältnisse zu schaffen, die für die Gaben und Beschränkungen unvollkommener menschlicher Wesen günstig sind.“[6]

Autorin
Aus christlicher Perspektive sind diese Überlegungen zu einer menschlichen Moral zu unterstreichen.Technologische Fortschritte sind per se weder gut noch schlecht. In Zeiten, in denen der Begriff der Digitalisierung fast so etwas wie ein Heilsversprechen zu sein scheint, ist dies ganz nüchtern festzustellen.

Sprecher
Neue Technologien können die Welt verbessern. Sie können uns aber auch davon abhalten, die Welt besser, sie humaner zu machen. So fordert jede technologische Errungenschaft den Menschen heraus – und wir kommen nicht umhin, uns dieser Herausforderung zu stellen.


[1] Habermas: Die Zukunft der menschlichen Natur 43.
[2] Pico della Mirandola: De hominis dignitate. Über die Würde des Menschen, übers. v. Norbert Baumgarten, hg. und eingel. v. August Buck, Hamburg 1990, 7.
[3] Pröpper, Thomas: Gottes Freundschaft suchen. Regensburg 2016, 18.
[4] Rahner, Karl: Grundkurs des Glaubens. Einführung in den Begriff des Christentums (Sonderausgabe), Freiburg 31985, 87.
[5] Ebd.
[6] Michael Sandel: Plädoyer gegen die Perfektion, 118.


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Dieser Beitrag wurde am 11.03.2018 gesendet.


Über die Autorin Katharina Klöcker

Katharina Klöcker, Dr. theol., geboren 1972 in Freiburg im Breisgau, ist Theologin und Journalistin. Nach ihrem Studium in Tübingen, Paris und Münster und einem Volontariat, begleitet durch das Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp), arbeitete sie als Redakteurin bei der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Ab 2004 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Münster tätig und promovierte dort 2009. Seit 2015 ist sie Juniorprofessorin für Theologische Ethik an der Ruhr-Universität Bochum.