Wort zum Tage, 19.02.2018

Diakon Dr. Paul Lang aus Amöneburg-Rüdigheim

Schokolade

Vergangenen Mittwoch hat sie begonnen: die Fastenzeit. 40 Tage bis Ostern, die Sonntage nicht mitgezählt. Doch was ist eigentlich Fastenzeit? Es ist die Zeit der Vorbereitung auf das Fest, das wichtigste im christlichen Jahr: Auf Ostern.
Ich sinne nach: Wie bereitet man sich auf ein Fest vor? Da fällt mir eine ganze Menge ein: Ein Festessen planen, Gäste einladen, die Wohnung putzen oder neu dekorieren. Kreativ sein! 40 Tage lang. Eine ganze Menge Zeit.

Allerdings klingt Fastenzeit nicht nach Fest feiern oder Vorbereitung. Das klingt mehr nach Diät oder guten Vorsätzen. Mehr Sport vielleicht oder sich anders ernähren. Man kennt das vom Jahreswechsel. Wie oft habe ich da gute Ideen, was im neuen Jahr anders werden sollte. Manchmal bleibt es bei den Vorsätzen, leider.

Ich ertappe mich zurzeit mehrmals am Tag dabei, wie ich etwas ratlos in meiner Küche stehe. Eine Schublade zieht mich in ihren Bann: Darin befinden sich ein paar Tafeln Schokolade. Für die Fastenzeit habe ich entschieden: 40 Tage ohne. Eigentlich keine spektakuläre Sache. Wenn ich nicht so furchtbar gerne Schokolade essen würde. Und jetzt? Ein Schluck Wasser, ein Stück Obst. Aber keine Schokolade!

Ich habe das schon oft gemacht. Keine Schokolade in der Fastenzeit! Trotzdem kommt sie auch dieses Jahr hoch die Frage: „Muss das sein?“ Warum quäle ich mich so? Ich könnte es doch auch einfach lassen. Aber nein: Ich habe entschieden. Keine Schokolade.

Und wozu das Ganze? Es kann einiges passieren in den nächsten Tagen: Plötzlich mache ich in meiner Wohnung aufregende Entdeckungen. Eine Grußkarte sehe ich, die seit Monaten an der Pinnwand hängt, ein neuer Trieb am Zimmerbaum fällt mir auf. Mein Blick fällt auf ein Bild an der Wand, das ich lange nicht mehr wahrgenommen habe. Seltsam. Ob der Verzicht auf etwas Gewohntes vielleicht Raum schafft für neue Wahrnehmungen? Oder gar meine Sinne schärft?

„Ist denn Schokolade etwas Schlimmes?“, fragt mich ein Schüler. Wir hatten in der Schule über das Fasten gesprochen. „Nein!“, antworte ich. „In Maßen ist sie sicher gesund! Aber mit der Zeit wird vieles, was an sich gut, schön, gesund ist, alltäglich. Es verliert seinen Wert für mich.“

Ja, ich glaube, auch darum geht es in der Fastenzeit: Was für eine bestimmte Zeit „ausfällt“, dessen Wert wird mir durch das Verzichten wieder bewusst. So wird die Fastenzeit zur Chance, wieder genießen zu können. Ein Fest besteht gerade darin, meine ich: mich freuen an Menschen, am Essen, an Gemeinschaft, am Leben. Ostern ist das Fest des Lebens. Das zu trainieren, ist ein ehrgeiziges Ziel. Aber es lohnt.


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Dieser Beitrag wurde am 19.02.2018 gesendet.




Paul Lang, geboren 1963, unterrichtet als Lehrer Latein, kath. Religion und Musik. Er lebt und arbeitet in Amöneburg bei Marburg. Der promovierte Musikwissenschaftler wurde 2014 in Fulda zum Diakon geweiht. Neben seiner Tätigkeit in der Schule bedeutet das die Übernahme vielfältiger Aufgaben in der Seelsorge in der Region. In seiner Freizeit wirkt er in der Leitung von zwei Chören mit, spielt Orgel und ist gerne auf Reisen, am liebsten mit dem Rennrad.

Kontakt:
paul.lang@bistum-fulda.de

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