Morgenandacht, 26.02.2018

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Lächeln genügt

Auf der Geburtsstation im Krankenhaus ist zweimal in der Woche ein ganz besonderer Termin. Die Mütter versammeln sich im Aufenthaltsraum der Station zu einer kleinen Segensfeier für ihre neugeborenen Kinder. Das ist immer ein sehr schönes Ereignis für alle – und voller Emotionen. Wer nicht kommen kann, sich den Segen aber dennoch nicht entgehen lassen will, wird von uns Seelsorgern auf dem Zimmer besucht.

Meine Kollegin, eine Ordensschwester, besucht eine muslimische Frau. Die Schwester fragt, ob es recht ist, auch wenn ihre Religion offensichtlich eine andere ist. Die junge Mutter meint: „Ich habe da keine Probleme! Segen ist Segen – und ohne Segen können wir nicht gut leben. Bitte segnen Sie mein Kind!“ So geschieht es auch. Nach dem Gebet kommen die beiden Frauen noch ein wenig ins Plaudern über Gott und die Welt. Irgendwann beschließt die Schwester zu gehen. In diesem Moment aber geht die Tür auf und der Ehemann kommt ins Zimmer, mit finsterer Miene. Einen Moment lang tasten sich die anwesenden Personen mit Blicken ab. „Ich möchte Sie nicht stören!“, sagt die Schwester freundlich. „Wir haben gerade um Segen gebetet und ein wenig geplaudert!“ Die Gesichtszüge des Ehemanns hellen sich auf: „Alles in Ordnung, Schwester,“ sagt er, „Sie haben gelächelt und das genügt!“

Ein Lächeln verändert die Situation, entkräftet alle Vorbehalte, die es in den Köpfen manchmal gibt! In einer Zeitschrift habe ich gelesen, dass Kinder etwa 400 mal am Tag lachen, während Erwachsene es lediglich auf 15 mal bringen. Warum ist denen wohl das Lachen vergangen? Haben die Sorgen und die ernsten Aufgaben sie so in Beschlag genommen? Schade eigentlich. Und beeindruckend, dass der Anblick eines neugeborenen Kindes die Gesichtszüge eines jeden Menschen aufhellt. Lachen ist so oft entwaffnend! Und Lachen hat seit Urzeiten einen anarchischen Grundzug: Es stellt Autoritäten aller Art in Frage und sagt nein zu jedem unberechtigten Anspruch auf Huldigung. Das gilt für das Auslachen eines ungerechten Herrschers ebenso wie zum Beispiel für den Einsatz von Klinikclowns auf onkologischen Kinderstationen: Den Machthabern dieser Welt, auch Leid und Tod ins Gesicht zu lachen, um sie zu entmachten. Wenigstens ansatzweise.

In der Bibel wird vergleichsweise wenig gelacht. Vom Auslachen der Feinde ist da wohl manchmal die Rede. Aber an einer Stelle ist das Lachen mit der Geburt eines Kindes verbunden. Es geht um Isaak, den Sohn von Abraham und Sarah. Als dem in die Jahre gekommenen Ehepaar geweissagt wird, dass sie noch Eltern eines Sohnes werden sollen, lacht Sarah still in sich hinein (Gen 18,12). Sie kann es nicht glauben und findet diese Vorstellung eher lächerlich. Als sich die Weissagung mit der Geburt des Isaak aber erfüllt, verwandelt sich das ungläubige Lächeln in ein glückliches. Der Name Jizchak kommt in der Bibel übrigens ausschließlich für den Erzvater vor. Außerbiblisch gibt es gar keine Belege dafür. Der Name ist wahrscheinlich eine Kurz- oder Koseform von Jizchak-El, wobei „El“ Gott heißt. Der Name bedeutet also: „El (Gott) lächelt (dem Kind zu)“ oder „El hat jemanden zum Lachen gebracht“.

Abraham, der Vater des Isaak, verbindet die drei großen Weltreligionen. Ich wage mal zu sagen: „mit einem Lächeln“! Als der muslimische Vater zur Ordensschwester sagt: „Sie haben gelächelt, das genügt!“, wird mir neu bewusst, wie Grenzen und Sperren in den Köpfen der Menschen überwunden werden könnten. Vielleicht wäre es immerhin schon mal ein schönes Vorhaben für den heutigen Tag, einem „Anderen“ auf der Straße, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, im Geschäft oder wo auch immer ein Lächeln zu schenken.


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Dieser Beitrag wurde am 26.02.2018 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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