Morgenandacht, 08.12.2017

von Dr. Detlef Ziegler aus Münster

Kann man Schuld vererben?

Die heutige Erbengeneration hat es gut. Sie erbt so viel wie noch nie zuvor in der bundesdeutschen Geschichte. Darauf lässt sich aufbauen. Ein üppiges Erbteil tut einfach gut und verbessert die eigenen Lebenschancen.

Schulden dagegen will keiner erben. Wenn es eben geht, versuchen wir ein solches Erbe auszuschlagen bzw. die Verantwortung dafür loszuwerden. Verständlich, dass wir nicht die Last der Vergangenheit abstottern wollen.

Kann man Schuld vererben? Jetzt wird es kompliziert. Schuld im moralischen Sinne ist immer etwas Individuelles. Etwas zutiefst Persönliches. Deswegen ist es auch nicht sinnvoll, von so etwas wie Kollektivschuld zu reden. Was es dagegen sehr wohl gibt ist: kollektive Verantwortung. Vor der darf man sich nicht drücken. Niemals. Aber Schuld? Sie kann nicht vererbt werden.

Wenn das gilt, dann wird es erst recht kompliziert, wenn Christen von Erbsünde reden. In meinen ersten Priesterjahren habe ich das immer wieder gehört auf meine Frage, warum Eltern ihr Kind taufen lassen wollen: um irgendwie die Erbsünde abzuwaschen! Das höre ich auch heute noch. Hier wird etwas vererbt, was keiner haben will: Schuld! Zumal es nicht meine Schuld ist, sondern die unserer Stammeltern, Adam und Eva genannt. Und dann feiern die katholischen Christen am heutigen Tag sogar noch ein Hochfest mit dem verstörenden Titel: Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria! Im Volksmund: „Unbefleckte Empfängnis Mariens“ genannt, was auch nicht unbedingt für mehr Klarheit sorgt.

Im Ernst: Erbsünde? Ich halte diesen Begriff nicht nur für verzichtbar, sondern auch für missverständlich, ja schädlich. Ich soll für etwas verantwortlich sein, was nicht in meiner Verantwortung liegt, was meiner Freiheit zutiefst widerspricht. Und die Folgen der Ursünde der sogenannten Stammeltern lasten als Hypothek auf uns allen: Leid und Tod. Kinder, die geboren werden, werden bereits mit und in der Sünde geboren, die sie zwar nicht begangen haben, für die sie aber von Anfang an in Mithaftung genommen werden.

Im Kern geht diese Lehre auf den Kirchenvater Augustinus zurück, gestorben 430. Und im Kern ist diese Lehre nicht mehr zu halten. Und das aus mehreren Gründen. Zwei möchte ich nennen:

 Zum einen ist die Evolutionsbiologie über den sogenannten Monogenismus, also die Abstammung aller Menschen von einem einzigen Elternpaar, längst hinweggegangen. In diesem Sinne konnte es auch keine singuläre Ursünde geben, für die wir noch heute mithaften.

Zum anderen kennt die Bibel selbst den Begriff Erbsünde überhaupt nicht. Aber ich bin weit davon entfernt, nun das Kind mit dem Bade auszuschütten. Der Apostel Paulus spricht sehr wohl von der Sünde als einer Macht, die uns alle belastet, als Last der Vergangenheit, als Hypothek der Geschichte. Ich lebe in einer Welt, die von Menschen geprägt und durch Menschen eben auch mit ihrer Schuldgeschichte vergiftet und belastet ist. Dafür trage ich nicht die Schuld, aber sehr wohl die Last: eine Last, die ich nicht einfach abschütteln und aus eigener Kraft zum Guten wenden kann, zumal ich selbst mit meiner persönlichen Schuld diese dunkle Geschichte der Schuld fortschreibe.

Mit Erbsünde hat das nichts zu tun! Aber mit Verantwortung. Und Ehrlichkeit! Es gehört für mich zur Wahrhaftigkeit des Lebens, dass wir schuldig werden, dass unsere Schuld wie die unserer Vorfahren unsere gemeinsame Welt belastet und vergiftet und dass wir uns aus eigener Kraft aus dem Sumpf des Unheils nicht befreien können. Der Trick des Barons von Münchhausen hat noch nie gegriffen. Aber Gott greift ein.

Und genau das feiern katholische Christen heute. Gott gibt seine Welt nicht verloren, sondern fängt neu an, nicht an uns Menschen vorbei, sondern mit uns Menschen. Mit Maria fängt er an, mit dem Kind von Betlehem fängt er an, damit aus Unheil Heil wird.

Dieses Erbe nehme ich gern an, zumal es mir ohne zusätzliche Lasten einfach geschenkt wird. Einfach so, umsonst.


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Dieser Beitrag wurde am 08.12.2017 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn. Seit 2017 ist er leitender Pfarrer an der Kirche St. Lamberti in Münster.

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