Morgenandacht, 27.10.2017

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Ebenbild, nicht Kopie

„Wenn ich groß bin, möchte ich auch mal so sein wie der!“ So dachte ich als Schüler über einen unserer Lieblingslehrer. Er war uns Schülern gegenüber sehr locker, hatte immer einen guten Witz auf Lager, war aber auf der anderen Seite auch fachlich unglaublich gut. Geschichte hat bei ihm so viel Spaß gemacht wie bei keinem Lehrer sonst. Er war mein großes Vorbild! Zugleich war er unerreichbar: Ich bin nicht so wie der – ich schaue anders aus, ich bin nicht so toll und außerdem bin noch meilenweit entfernt von dem, was der alles weiß – möglicherweise würde ich dieses Wissen ohnehin nie erreichen.

Ich vermute, dass diese Eigenschaft, auf die „Großen“ zu schauen und sich etwas von ihnen abzuschauen, ganz einfach zu jedem Kind und Jugendlichen gehört. Im Studium beobachtete ich mich allerdings wieder dabei zu schauen: wer studiert wie und – im Blick auf die älteren – wer versteht seine berufliche Aufgabe wie und wie setzt er das in die Praxis um. Manchmal machte mir das auch Angst auf meinem Weg, Pfarrer werden zu wollen und ich dachte mir: Dieser Beruf überfordert mich sicher! Ein Gespräch mit meinem damaligen Regens, dem Ausbildungsleiter, half mir weiter und ich habe es bis heute im Ohr: „Versuchen Sie nicht, jemanden zu imitieren – und versuchen Sie nicht, irgendeine Rolle zu spielen. Die Menschen brauchen Sie, so wie Sie eben sind. Wenn Sie sich zur Verfügung stellen wollen, dann als Sie selbst – nicht als die Kopie von jemand anderem.“

Das tat mir gut – und ich bekam auch einen neuen Blick auf spirituelle Vorbilder, auf die ich im Studium gestoßen bin. Da gab es eine „Imitatio Christi“ – frei übersetzt etwa „Nachbildung Christi“ -  eines Thomas von Kempen. Er war Augustiner-Chorherr und galt als Mystiker im 15. Jahrhundert. Christus imitieren? Geht das überhaupt? „Nachfolge Christi“: Die Übersetzung gefiel mir besser. Imitieren, das heißt für mich „nachmachen“, eine Kopie anfertigen oder gar so etwas wie ein Abziehbild sein. Was aber ist dann mit der eigenen Person? Und was ist schon eine Kopie – sie reicht ja doch nie an das Original heran ...

Heute vor 80 Jahren wurde das Fotokopierverfahren als Patent vom US-Physiker Chester Carlson angemeldet. Seither hat sich viel verändert, manchmal muss man heute schon genau hinsehen, um Original und Kopie voneinander unterscheiden zu können. Ohne die schnelle Vervielfältigung wäre unser Alltag kaum mehr vorstellbar, andererseits kennen wir heute auch die Gefahren des Kopierens: Mir fällt die billige Fälschung von Originalen ein, zum Beispiel von Geldscheinen oder amtlichen Dokumenten. Und natürlich die berühmte Copy-Funktion beim Computer, mithilfe derer ganze Textpassagen sehr einfach geklaut werden können.

Mittlerweile bewundere ich zwar immer noch Menschen für bestimmte Eigenschaften, aber ich möchte von niemandem mehr eine Kopie sein. Ich denke an die Welt der Philatelie: Die wertvollsten Briefmarken sind die mit einem Fehldruck. Und ich habe lernen dürfen: „Sei Du, wie Du bist, samt Fehlern. Bleibe Dir treu!“ So höre ich oft von Menschen, die eben keine Kopie von jemand anderem wollen. Das bedeutet nicht, dass man sich nicht ein Leben lang verändern kann oder auch muss, aber nicht zu einem anderen hin, sondern zu dem hin, der ich sein kann! Und mich bestärkt die Heilige Schrift mit der Zusage, dass Gott jeden einzelnen als sein Ebenbild geschaffen hat – offensichtlich nicht als Kopie, denn die Menschen sind doch ziemlich unterschiedlich. Ebenbild – das gefällt mir. Ein Loblied darauf singt der alttestamentliche Psalm 139:

Denn du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast. Ich weiß: Staunenswert sind deine Werke.“ (Ps 139,13f)


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Dieser Beitrag wurde am 27.10.2017 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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