Morgenandacht, 26.10.2017

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Was mich atmen lässt

„Da bleibt Dir doch die Luft weg!“ Momente, die mit großen Emotionen verbunden sind, schlagen sich in der Tat auf den Atem. Das kann eine Schrecksekunde sein oder eine schwer zu verdauende Nachricht – es kann aber ebenso ein großer Glücksmoment sein, wie die Begegnung mit einem geliebten Menschen. Nicht von ungefähr verwenden wir das Wort „atemberaubend“ für schöne wie für erschreckende Situationen.

Das Atmen anderer Menschen kann sich auf mich übertragen. Wenn Menschen sich grade in einem besonders emotionalen Zustand befinden und anders atmen, dann merke ich das auch rasch an mir selber. Eigenartig, welche Verbindungen es da gibt! Wenn jemand vor Glück schnell atmet, ist das genauso ansteckend, wie wenn ich in einem Krankenzimmer bei einem Patienten mit Luftnöten verweile: es überträgt sich auf mich.

Bei einer Atemtherapeutin habe ich gelernt, mir dieser Übertragungen bewusst zu werden und mit ihnen aktiv umzugehen. Denn ebenso wie sich die Atmung des anderen auf mich übertragen kann, kann meine ruhige Atmung auf den anderen positiv wirken. Nun ist das gar nicht so einfach, den manchmal wirklich atemberaubenden Erlebnissen einen ruhigen Atem entgegenzusetzen. Meiner Überzeugung nach hat das etwas mit einer persönlichen Glaubensgewissheit zu tun, die mir eine innere Ruhe verleiht. Dieser Gedanke findet sich nicht etwa nur in fernöstlichen Meditationsformen wieder, sondern auch im Christentum. Die uralte Erzählung von der Erschaffung des Adam, der durch das Einhauchen des Lebensatems Gottes lebendig wird, ist ein Beleg dafür, wie sehr der Strom des Lebensatems mit einer Glaubensüberzeugung zu tun hat. In so vielen alten Sprachen ist das Wort für Atem und das Wort für den Gottesgeist dasselbe: hebräisch ruach, griechisch pneuma, lateinisch spiritus. Spiritualität könnte man also auch als jene Sichtweise auf das Leben bezeichnen, die mich bei all den unterschiedlichen Erfahrungen gut atmen lässt.

Wann immer mein Atem in ungesunden Aufruhr gerät, wäre es gut, mich wieder daran zu erinnern, dass ich mit dem Leben und dem Atem auch die notwendige Kraft eingehaucht bekommen habe, selbst mit den Schwierigkeiten des Lebens gut umzugehen. Verbunden damit wäre eine positive Einstellung zum Leben selbst – auch an den Punkten, die besonders schwer sind, die ich vielleicht sogar gerne aus meiner Lebensgeschichte löschen möchte.

Von der Atemtherapeutin habe ich gelernt, dass sich das Wort JA viel harmonischer in den Atem einfügt als das Wort NEIN. Natürlich muss ich nicht zu allem im Leben JA und AMEN sagen. Aber es verändert die persönliche Einstellung ungemein, wenn ich zu dem JA sagen lerne, was nicht zu ändern ist. Viel eher lässt sich in Gelassenheit und innerer Ruhe eine Lösung für eine Herausforderung finden als in großer Aufgeregtheit.

Von der Schriftstellerin Rose Ausländer stammt das Wort: „Mein Atem heißt JETZT.“[1] Wann immer ich das nächste Mal geneigt bin, in innere Unruhe zu geraten, versuche ich, mich mit meinem gleichmäßigen Ein- und Ausatmen in die Gegenwart der Aufgabe zu versetzen und die Kraft zu spüren, die mir in dieser Situation zuwächst. Vielleicht können andere in der Begegnung mit mir von dieser Ruhe profitieren.


[1]  Rose Ausländer, Mein Atem, in: Gedichte (S. Fischer Verlag, Frankfurt 2001), S. 343.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 26.10.2017 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche