Morgenandacht, 25.10.2017

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Leben in Fragmenten

„Heute fühle mich wie ein Puzzlespiel aus 500 Teilen, dass irgendjemand zerlegt und wild auf dem Boden verstreut hat.“ So erzählt mir eine bekannte Ärztin bei einem Treffen, die einige anstrengende Nachtdienste hinter sich gebracht hat. „Heute bin ich nicht ganz bei mir – also seht es mir bitte nach, wenn ich ein bisschen neben der Spur bin!“ Wir lachen und geben verständnisvoll zu erkennen, dass das völlig in Ordnung ist! Hauptsache, die Kollegin ist bei unserem Freundeskreis dabei! „Nicht ganz bei mir!“ - „Ein bisschen neben der Spur!“ Wem wäre es noch nicht einmal so ergangen – nach einer schlaflosen Nacht vielleicht mit einem kranken Kind, nach einem feuchtfröhlichen Fest, nach Abschluss eines langwierigen Projektes. Manchmal verwende ich sogar Redewendungen, die an das zerlegte Puzzlespiel erinnern: „Ich muss mich erst wieder sortieren!“ oder „Ich muss erst wieder den Überblick gewinnen!“ In aller Regel hat das Umfeld für solche Situationen Verständnis. Das kann schon mal vorkommen – da drückt man ein Auge zu. Die anderen haben genug Phantasie, wenn es mir mal so ergeht, nicht nur die Fragmente des Puzzlespiels zu sehen, sondern diese Teile im Geiste zusammenzusetzen zu einem ganzen Bild. Da gibt es ja auch die anderen Bilder von besseren Tagen, da gibt es vielfältige Eindrücke von unterschiedlichen Begegnungen, die in den Gehirnen der anderen abgespeichert sind und in diesem Falle ergänzen, was zu meiner „Vollkommenheit“ aktuell fehlt. Man könnte auch mit alten Worten sagen: Ich bin auf die „Gnade und Barmherzigkeit“ der anderen angewiesen, dass sie in mir mehr sehen, als ich selbst momentan bei einem Blick in den Spiegel erblicke.

Wenn ich länger darüber nachdenke, frage ich mich, ob das nicht sogar eher die Regel als die Ausnahme ist, dass ich auf die Phantasie der Außenwelt angewiesen bin. Ich fühle mich natürlich nicht jeden Tag wie ein zerlegtes Puzzlespiel, aber wann kann ich schon sagen: Ich bin heute zu 100 Prozent der, der ich sein kann und sein möchte – ich bin zu 100 Prozent präsent und die vollkommene Gestalt aller meiner Möglichkeiten und Wirklichkeiten? Irgendwas fehlt wohl immer – allein deshalb, weil ich heute nicht mehr ganz derjenige von gestern bin, aber auch noch nicht die Lebenserfahrung des morgigen Tages besitze. Trotz meines Rucksacks mit Erlebnissen der Vergangenheit bin ich eine Momentaufnahme, manchmal mehr, manchmal weniger sortiert.

Diese Überlegungen scheinen mir wichtig im Hinblick auf Menschen, die dauerhaft unsortiert wirken – ich denke an Menschen mit einer besonderen Einschränkung, zum Beispiel mit einer Demenzerkrankung. Mir fällt – als Pfarrer, der im Bereich der Krankenhausseelsorge arbeitet - immer wieder auf, dass über diese Krankheit vielfach so gesprochen wird, als wären die Betroffenen keine kompletten Menschen mehr, weil ja die kognitive Fähigkeit eingeschränkt ist. Genau besehen ist in der Begegnung mit ihnen dasselbe notwendig, wie wenn ich mich „unsortiert“ fühle: Die Umgebung braucht die Fähigkeit, in der eigenen Phantasie die Fragmente zusammenzusetzen, die derzeit unsortiert nebeneinander zu liegen scheinen.

Paulus schreibt darüber in seinem Brief an die Korinther – in einem Abschnitt, der gerne zu Hochzeiten vorgelesen wird, in seinem Hohenlied der Liebe:

Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden; wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk. (…) Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. (…) Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“ (1 Kor 13,11-13)


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Dieser Beitrag wurde am 25.10.2017 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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