Morgenandacht, 24.10.2017

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Tag der Bibliotheken

Durch die Räume einer Bibliothek schlängelt sich eine grüne Schienenbahn, auf der Kisten mit Büchern durch die einzelnen Abteilungen transportiert werden. Diese Bahn heißt Telelift. In den Behältern befinden sich auch „magische Tücher“. Wenn man sie aufspannt, erscheinen auf ihnen Szenen der entsprechenden Bücher. Sobald eine aus dem Buch erschienene Figur die magische „Leinwand“ betritt, kann man als Zuschauer die Geschichte der Figur verfolgen …

Ich denke noch gerne an die Kinder- und Jugendserie, die in den Jahren 1973-1979 im WDR ausgestrahlt wurde: „Lemmi und die Schmöker“. Lemmi alias Herr Lehmann ist ein alter Bücherwurm und lebt in der Kinderabteilung einer Bücherei. Dort arbeitet auch der Hausmeister Herr Willibald, dessen Aufgabe es jeweils ist, die magischen Tücher aufzuspannen, damit die Zuschauer die Szene aus dem Buch verfolgen können. Vielleicht schmunzelt man heute über den damaligen Stand der Technik, wo man doch heute jede beliebige Szene auf seinem Smartphone ansehen kann, ohne auf einen Telelift warten zu müssen. Ich persönlich war als Kind jedoch ganz fasziniert von den magischen Tüchern, auf denen man eine Geschichte mit lebendigen Personen erleben konnte. Wenn ich heute ein Buch lese, geht es mir tatsächlich manchmal so, dass ich die beschriebene Szene ganz konkret vor meinem geistigen Auge wie einen Film ablaufen sehe. Mein Gehirn baut die spröden Buchstaben, Wörter und Sätze zu bunten Bildern um – „Kopfkino“ sagen wir dazu. Und wenn ich eine schöne Bibliothek besuche, dann stelle ich mir manchmal vor, wie viele Geschichten in diesen Büchern enthalten sind, wie viel zu Texten verdichtete Lebensweisheit aus unzähligen Generationen und Jahrhunderten. Freilich, auch mein PC hält das Wort „Bibliothek“ für mich bereit, ich kann dort Ordner und Dateien finden und ablegen, ich kann dort virtuell schmökern und auch schnell durch Eingabe von Stichworten fündig werden. Eine echte Bibliothek zu erleben, ist dennoch etwas ganz Anderes für mich.

Heute, am 24. Oktober, ist der Tag der Bibliotheken in Deutschland. Unter der Schirmherrschaft Richard von Weizsäckers wurde er 1995 begründet. Die Bibliothek gilt heute immer noch als ein beinahe „heiliger“ Ort, an dem sich wissenschaftliche Erkenntnisse und Lebenserfahrungen sammeln und archiviert werden für kommende Generationen. In der Universität Regensburg befindet sich die Zentralbibliothek in einem sakral anmutenden Gebäude, das der Architekt Alexander Freiherr von Branca Anfang der 70er Jahre entworfen hat. Die Bücher sind dort aufbewahrt wie in einer modernen Kathedrale. Und vor einigen Jahren entstand mitten in dieser Bibliothek noch ein weiterer besonderer Raum: eine Kapelle, in deren Mittelpunkt das „Buch der Bücher“ aufgeschlagen liegt: die Bibel. Auch ein Buch, in dem sich über Jahrhunderte hinweg Lebenserfahrungen von Menschen niedergeschlagen haben, im Glauben gedeutet und im Glauben weitergegeben. Wann immer ich daraus vorlese, versuche ich – wie Herr Willibald – gleichsam ein magisches Tuch aufzuspannen und die Geschichte, die vor langer Zeit Menschen erlebt haben und die ihnen so wichtig war, dass sie sie aufgeschrieben haben, vor dem geistigen Auge der Hörenden präsent werden zu lassen. Vom Himmel gefallen ist die Bibel freilich nicht und „magisch“ ist sie auch nicht, da sind sich die Theologen einig. Aber ich habe Ehrfurcht vor den Lebensgeschichten und vor dem Glauben der Vorfahren, der ja auch mein Glaube ist und der für mich im Vorlesen und im Gespräch wieder lebendig und aktuell wird.


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Dieser Beitrag wurde am 24.10.2017 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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