Wort zum Tage, 20.10.2017

von Markus Potthoff aus Essen

Nur in Erinnerung?

Zu meinem morgendlichen Ritual gehört die Zeitungslektüre. Sie endet meist mit dem Überfliegen der Todesanzeigen. Vielleicht ist jemand aus der Nachbarschaft verstorben. Aber auch wenn mir die Verstorbenen nicht bekannt sind, erfahre ich aus der Anzeige vieles über sie, wie sie lebten, was sie liebten, woran sie starben.

Mir fällt immer häufiger auf, dass in Todesanzeigen christliche Symbole nur noch selten auftauchen. Auch Zitate aus der Bibel sind kaum noch zu finden. Sentenzen berühmter Schriftsteller oder Philosophen treten an die Stelle. Oft findet sich in der Anzeige auch nur noch Name, Geburts- und Todesdatum des Verstorbenen.

In einer Todesanzeige lese ich: „Begrenzt ist das Leben, unendlich die Erinnerung.“ Manch ein Anzeigentext lässt den Glauben erkennen, der Verstorbene „lebe“ nur und ausschließlich in der Erinnerung der Hinterbliebenen fort. Auch der gern zitierte Philosoph Immanuel Kant sieht das so, wenn er schreibt: „Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern; tot ist nur, wer vergessen wird.“

Hier wird das Gedächtnis der Nachkommen beschworen. Dieser Nachruhm aber versiegt. Ist das nicht eine brüchige Hoffnung, fortzuleben nur in der Erinnerung der Nachwelt? Was aber, so frage ich mich, wenn sich keiner mehr an uns erinnert? Versinken wir dann im „ewigen Vergessen“?

Als Christ denke ich größer, ich glaube zuversichtlich daran, dass wir auch im Tod nicht vergessen sind. Ich finde den Gedanken wunderbar, dass jeder einzelne nicht nur eine Erinnerung im Kopf und Herzen anderer Menschen ist, sondern dass jeder Mensch geborgen ist im großen Gedenken eines noch größeren Gottes.

Oscar Romero der 1977 ermordete Erzbischof von San Salvador hat das so ausgedrückt: “Darin besteht die Freude des Christen: Ich weiss, dass ich ein Gedanke Gottes bin, selbst wenn ich der Unbedeutendste und Verlassenste von allen bin, an den niemand denkt.“ Als Christ glaube ich daran, dass unsere Toten nicht nur in unserer Erinnerung fortleben, ich setze meine Hoffnung darauf, dass sie ein Leben haben bei Gott.


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Dieser Beitrag wurde am 20.10.2017 gesendet.


Über den Autor Markus Potthoff

Markus Potthoff wurde 1963 in Bochum geboren. Nach dem Studium der Theologie und Philosophie ist er seit 1994 im Dienst des Bistums Essen tätig. Zurzeit leitet er die Hauptabteilung “Pastoral und Bildung” im Bischöflichen Generalvikariat in Essen.

Kontakt
markus.potthoff@bistum-essen.de 

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