Wort zum Tage, 19.10.2017

von Markus Potthoff aus Essen

Anders sein

„Wir sind einzigartig, unerreicht, ein bisschen durchgeknallt vielleicht . . .“ Es dröhnt durch das ganze Gebäude. Unterm Dach probt eine Band. Es sind Kinder und Jugendliche, die sich auf einen Auftritt vorbereiten. Sie bilden die Schulband der Jordan-Mai-Schule aus Gladbeck. Aber es ist nicht irgendeine Schulband an irgendeiner Schule, sondern eine in jeder Hinsicht außergewöhnliche. Mit dem Namen des Franziskanerpaters Jordan Mai verbindet sich diese besondere Schule: die Jordan-Mai-Schule ist eine Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung. Hier lernen Kinder und Jugendliche, die Probleme im Bereich der geistigen Entwicklung haben. „Früher“, so der Schulleiter, „bezeichnete man diese Kinder und Jugendlichen als geistig behindert, wir sprechen heute viel lieber von Kindern, die ein besonderes Handicap haben. Ein Handicap, dem wir uns stellen müssen.“

Und genau das passiert an dieser Schule mit viel Herzblut und Kreativität. Jeder Mensch ist anders, und die Kinder und Jugendlichen an der Jordan-Mai-Schule sind es sowieso. Viele der Schülerinnen und Schüler können mit Worten nicht richtig vermitteln, was sie ausdrücken wollen. Sie sind auf Unterstützung angewiesen, um Kommunikation aktiv erleben zu können. Und die Musik ist dafür ganz besonders geeignet. Musik hilft, das zu transportieren, wo die Worte oft nicht hinreichen. 

Wer die Schulband erlebt, wird angesteckt von der Lebensfreude, die die Kinder und Jugendlichen ausstrahlen. Die ist nämlich nicht zu übersehen in den Gesichtern der Schülerinnen und Schüler, aber auch der Lehrer und der Eltern, die spontan einspringen, wenn mal ein Instrument nicht besetzt ist. Lebendigkeit und Leidenschaft strahlt die Band bei ihren Auftritten aus. Und das erklärt dann auch, was für die ganze Schule als Motto gilt: „Wir lieben das, was wir tun.“

Behindertenrechtskonvention, Teilhabegesetz, Inklusion – das klingt gut und programmatisch. Teilhabe - hier an der Jordan-Mai-Schule wird das praktisch. Wie übrigens an vielen Orten – in Schulen, Kitas, Büros, Altenheimen und Kirchengemeinden – ist das Zusammensein und – arbeiten, das Feiern, ja das geteilte Leben alltäglich. Ganz normal, eigentlich. Aber doch leider auch vielerorts noch viel zu wenig selbstverständlich!  Ein Liedtext der Schulband der Jordan-Mai-Schule ist eine wichtige Botschaft an uns alle: „Ein jeder ist ein Einzelstück und absolut kein Missgeschick. Nur weil wir anders sind, sind wir noch lange nicht verrückt.“


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Dieser Beitrag wurde am 19.10.2017 gesendet.


Über den Autor Markus Potthoff

Markus Potthoff wurde 1963 in Bochum geboren. Nach dem Studium der Theologie und Philosophie ist er seit 1994 im Dienst des Bistums Essen tätig. Zurzeit leitet er die Hauptabteilung “Pastoral und Bildung” im Bischöflichen Generalvikariat in Essen.

Kontakt
markus.potthoff@bistum-essen.de 

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