Wort zum Tage, 18.10.2017

von Markus Potthoff aus Essen

Gelassenheit

„Mehr Gelassenheit.“ Ein Schriftzug mitten im Hauptbahnhof. Mit kunstvoller Schrift auf blassgrünem Grund. Auf einem Werbebanner des „Instituts für Lebenskunst“. Der erläuternde Text lädt ein, die „Kunst des guten Lebens“ zu erlernen, dann folgen Adresse und Telefonnummer. Das erste Beratungsgespräch ist kostenlos.

Mehr Gelassenheit also, das soll die Lösung sein. Klingt gut. Na ja, denke ich, auch mir täte mehr Gelassenheit oft gut. Wenn die Emotionen hochkochen, der Blutdruck steigt, weil Kollegen mich mal wieder richtig ärgern. „Nun regen Sie sich doch nicht so auf“ - ein gut gemeinter Ratschlag. Leider bin ich davon oft weit entfernt.

Der Wunsch nach mehr Gelassenheit meldet sich dann, wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir es für richtig halten. Gerade dann glauben wir, uns erst recht anstrengen zu müssen. Dabei geht es oft doch eher darum, die Dinge hinzunehmen, weil wir sie gar nicht ändern können. Gelassenheit hilft uns, einen Gang zurückzuschalten, wenn alles über uns zusammenstürzt. Vielleicht ist es dann besser, „etwas lassen können“. Nach dem Motto: das, was ich tue, einfach auch einmal „sein zu lassen“. Solche Gelassenheit rückt die Dinge zurecht, die so viel Kraft und Energie kosten.   

Den Begriff Gelassenheit soll Meister Eckhart in die deutsche Sprache eingeführt haben. Eckhart war Dominikanermönch. Professor, Leiter eines Klosters, geistlicher Lehrer; er war viel unterwegs in ganz Europa. Eher ein Workaholic also als ein beschaulich lebender Mönch. Für Meister Eckhart bedeutet Gelassenheit, die eigenen Wünsche als nicht so wichtig erachten. Das Absehen von sich selbst, rückt auch die Dinge in einen neuen Horizont. Ohne viel Übung, kommt man da wohl kaum hin. Eine große Portion Gelassenheit musste er selbst aufbringen, als er in den letzten Jahren seines Lebens durch den Papst der Irrlehre angeklagt wurde.

Gelassenheit ist für Meister Eckhart aber nicht einfach nur Lebenskunst: Gelassenheit öffnet den Raum für Gott. Nicht ich muss gelten, nicht ich mich behaupten; erst wenn ich alles loslasse, wenn ich ganz frei werde von dem, was meine Aufmerksamkeit fesselt, dann bin ich bereit für Gott. In der Stille der Gelassenheit kann ich auf ihn warten. Vielleicht steht er vor meiner Tür. Indem ich alles lasse, kann Gott eintreten: zu jedem Menschen, zu jeder Zeit, in jedem Augenblick.


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Dieser Beitrag wurde am 18.10.2017 gesendet.


Über den Autor Markus Potthoff

Markus Potthoff wurde 1963 in Bochum geboren. Nach dem Studium der Theologie und Philosophie ist er seit 1994 im Dienst des Bistums Essen tätig. Zurzeit leitet er die Hauptabteilung “Pastoral und Bildung” im Bischöflichen Generalvikariat in Essen.

Kontakt
markus.potthoff@bistum-essen.de 

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