Wort zum Tage, 16.10.2017

von Markus Potthoff aus Essen

Unser täglich Brot

Im Pappbecher vor ihm liegen einige Münzen. Ein Mann kauert in der Hocke mit dem Rücken an die Außenmauer einer Kirche gelehnt. „Haben Sie ein paar Cent für einen Kaffee?“ Es ist noch früh, ich bin auf dem Weg ins Büro. Die Frage reißt mich aus meiner Träumerei. Verschämt laufe ich an dem Mann vorbei, der zu meinen Füßen sitzt und um eine kleine Unterstützung bittet. „Ich habe keine Zeit“, denke ich. Kaum wende ich dem Mann den Rücken zu, packen mich Skrupel. Ich gehe zurück, am Hauptbahnhof habe ich gerade für die Mittagspause ein Brötchen gekauft. Das halte ich ihm hin. Lachend ruft der Mann mir zu: „Unser täglich Brot gib uns heute…Danke!“ „Was war denn das?“, denke ich; ich fühle mich ertappt und eile weiter.

„Unser tägliches Brot gib uns heute…“. Das ist eine der Bitten aus dem Gebet Jesu, dem „Vaterunser“. Tatsächlich geht es in dieser Bitte nicht um „mein“ Brot, sondern um „unser Brot“. Wie oft schon habe ich das Vaterunser gebetet, ohne näher darüber nachzudenken. Warum auch, mir geht es ja gut, nicht so wie denen, die auf der Straße leben, die angewiesen sind auf Suppenküchen und Tafeln. Aber meine Gedankenlosigkeit ist nach dieser Begegnung mächtig irritiert: „unser tägliches Brot gib uns heute“ - es geht tatsächlich um das Brot für uns alle.

An die gemeinschaftliche Dimension des Brotes erinnert auch der heutige 16. Oktober: Heute ist Welternährungstag. Dieser Gedenktag der Vereinten Nationen macht darauf aufmerksam, dass über 900 Millionen Menschen weltweit an Hunger leiden. Tag für Tag sterben 25.000 Menschen an Unterernährung. Eine unvorstellbare Zahl. In einer Welt des Überflusses ein Skandal! Das Hungerproblem bleibt auf der gesellschaftlichen und politischen Agenda, es ist kein unveränderbares Schicksal. Hunger ist die Folge von Missständen bei der Verteilung, Nahrung ist nämlich auf der Welt genug vorhanden. Die Hilfsorganisation Misereor stellt fest, dass das „Recht auf Nahrung … milliardenfach verletzt“ wird, während „zugleich … ein Drittel der globalen Ernte verloren“ geht, „indem sie verdirbt oder weggeworfen wird.“

Die Brotbitte des Vaterunsers ist auch eine eindringliche Erinnerung: dass wir uns dafür einsetzen, dass alle Menschen ihr tägliches Brot erhalten. Wir dürfen nicht aufhören, für die Überwindung von Armut und Hunger zu kämpfen. Hier, in unserem reichen Land, und weltweit.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 16.10.2017 gesendet.


Über den Autor Markus Potthoff

Markus Potthoff wurde 1963 in Bochum geboren. Nach dem Studium der Theologie und Philosophie ist er seit 1994 im Dienst des Bistums Essen tätig. Zurzeit leitet er die Hauptabteilung “Pastoral und Bildung” im Bischöflichen Generalvikariat in Essen.

Kontakt
markus.potthoff@bistum-essen.de 

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