Morgenandacht, 14.10.2017

von Eva Maria Will aus Köln

Platz im Herzen

Vor einigen Jahren haben liebe Freunde von uns aus beruflichen Gründen ihre Zelte abgebrochen und sind aus unserer Stadt weggezogen. An ihrem neuen Wohnort haben sie sich ihr neues Heim gemütlich eingerichtet, doch jeden Sommer packen sie ihre Koffer, um wieder in unsere Stadt zu kommen. Dort besuchen sie ihre Familie und treffen alte Freunde. Die Sehenswürdigkeiten, die sie in ihrem Urlaub anschauen, sind die Orte, mit denen sie ihre persönliche Geschichte verbinden: die alte Arbeitsstätte, die Schule der Kinder und die Gemeindekirche, in der die Kinder getauft wurden. Bei diesen Besuchen werden alte Erinnerungen wach. Die Orte werden zum Sinnbild für die Zeit an der Arbeitsstätte, im Klassenzimmer und in der Gemeinde. Und immer sind damit Menschen verbunden.

Als ich vor rund fünf Jahren in Polen war und einen kleinen Friedhof im Ermland besuchte, fielen mir ungewöhnliche Holzgestelle am Fußende mehrerer Gräber auf. Zunächst hatte ich keine Ahnung, worum es sich dabei handelte, doch einige Tage später konnte ich es sehen: Eine rundliche Frau, deren graues Haar unter einem kleinen Hut hervorschaute, klappte nämlich das Holzgestell an dem Grab, das sie besuchte, auf und setzte sich darauf: Das Holzgestell entpuppte sich als Holzbänkchen! Ganz überrascht sah ich dieser Frau aus der Entfernung eine Weile zu: Sie saß da, in sich versunken und schaute auf das Grab. Was sah sie da? Den Grabstein, die grüne Bepflanzung, die Blumen in der Vase und das flackernde Grablicht? Sie schien mehr zu sehen. Später zog sie einen Rosenkranz aus ihrer Handtasche und ließ dessen Perlen durch ihre Finger gleiten. Sie versank nun im Gebet für ihre Verstorbenen. Wie lange sie so dasaß, weiß ich nicht mehr. Irgendwann steckte die Frau den Rosenkranz wieder in ihre Manteltasche, stand auf und ging auf den Eingang des Friedhofs  zu. Nicht ohne links und rechts an dem einen oder anderen Grab für einen Moment stehenzubleiben. Jedes Grab ein Symbol für Tränen der Freude und des Leids, für Streitgespräche, für das Leben, für einen Menschen.

Auf dem Friedhof sah ich auch einen Mann, der eine leere Gießkanne zum Wasserbecken trug und mit Wasser gefüllt wieder zum Grab zurückschleppte. Dort angekommen begoss er Blumen und Pflanzen, nachdem er deren vertrocknete Blätter abgezupft hatte. Diese Aufgaben führte er in aller Ruhe aus. Er schien ganz in Gedanken versunken zu sein. Vielleicht hielt er stumme Zwiesprache mit dem Verstorbenen. Schließlich zündete er ein rotes Grablicht an und stellte es in ein kleines Häuschen. Danach faltete er die Hände, als ob er ein kleines Gebet zum Himmel senden würde. Dann steckte er sein Handwerkszeug in einen Beutel und verschwand wieder. Das Grab: ein Sinnbild für die Geschichte, die ein Mensch mit dem Verstorbenen gehabt hat.

Das, was ich auf diesem Friedhof, aber auch anderswo beobachtet habe, zeigt mir, wie gut es uns Menschen offensichtlich tut, wenn wir in der Trauer einen Ort haben, wo wir hingehen können. Einen Ort, an dem wir einen Augenblick verweilen und unseren Gedanken und Gefühlen freien Lauf lassen können, an dem wir mit Gott ringen oder Gott um neue Kraft für unser eigenes Leben bitten können. Wir Menschen sind keine freischwebenden, ungebundenen Seelen, sondern wir leben mitten in Raum und Zeit. Unser Leben findet nicht nur in unserem Kopf statt, sondern wir leben mit allen Sinnen. Deshalb suchen auch heute Angehörige für ihre Verstorbenen einen schönen Platz, um ihn dort würdig zu bestatten: einen Ort, an den auch sie selbst immer wieder zurückkehren möchten.

Viele Menschen wohnen nicht an dem Ort, an dem sie einen Menschen bestatten müssen. Doch wer sich auf Jahre hin die Möglichkeit bewahren will, an das Grab eines lieben Menschen gehen zu können, findet heute dazu vielfältige Möglichkeiten. Wer das Grab besucht und dafür sorgt, bringt leibhaft zum Ausdruck, dass der Verstorbene auch weiterhin einen Platz in seinem Herzen hat.


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Dieser Beitrag wurde am 14.10.2017 gesendet.


Über die Autorin Eva-Maria Will

Eva-Maria Will arbeitet als Diözesanreferentin im Erzbistum Köln. Sie wurde 1963 in Hannover geboren, studierte katholische Theologie, Kunstgeschichte und Christliche Archäologie in Trier und Bonn und war lange überwiegend in der Frauenseelsorge tätig. 2015 hat sie den Fachbereich Trauerpastoral und Bestattungskultur im Erzbistum Köln aufgebaut und ist seitdem als Referentin dort tätig. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Qualifizierung von Haupt- und Ehrenamtlichen. Eva-Maria Will ist verheiratet und hat zwei Töchter. Kontakt
Internet: www.abschied-trost.de
Email:eva-maria.will@erzbistum-koeln.de
               
               

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