Morgenandacht, 13.10.2017

von Eva Maria Will aus Köln

Garten des Lebens

Jetzt im Oktober werden die Tage kürzer und die Nächte länger und kälter: Der Herbst ist da, und das ist der richte Zeitpunkt, um den Garten winterfest zu machen. Nun müssen einige wichtige Arbeiten wie das Beschneiden der Sträucher und das Einsammeln des Herbstlaubs im Garten erledigt werden, damit das grüne Paradies im Frühjahr wieder in all seiner Pracht zum Leben erwachen kann.

Ein besonders prächtiger Garten liegt nicht weit von Paris entfernt. Dieser Garten in Giverny ist das Ziel nicht nur zahlreicher Blumenfreunde, sondern auch von kunstsinnigen Reisenden aus aller Welt. Der Blumenliebhaber Claude Monet (1840-1926) hat diesen Garten im Umland von Paris vor knapp hundert Jahren angelegt, als er Anfang 40 war[1]. Zunächst ging es dem Maler darum, den ehemals verwilderten Garten, in dem sein Wohnhaus steht, zu kultivieren. Mit Hilfe von sechs Gärtnern machte er im Lauf der Zeit daraus ein kleines Paradies: mit Blumen, Bäumen und Pflanzen aller Art, mit Seerosenteichen und einer japanischen Brücke. Dann begann Monet auch damit, diesen Garten mit seinen Blumen und Pflanzen zum Thema seiner Bilder zu machen. Er suchte sich einen passenden Platz, stellte dort seinen Stuhl auf und begann, in der Natur zu malen. Dabei versuchte er, das Licht des jeweiligen Augenblickes auf die Leinwand zu bringen.

Der Impressionist Monet hat im Laufe seines Künstlerlebens nicht nur Landschaftsmotive gemalt, aber in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens konzentrierte er sich ganz auf den Dialog mit der Natur: So übertrug er die Seerosenteiche in seinem Garten, die er besonders liebte, auf großformatige Leinwände. Ab dem Jahr 1914 widmete sich Monet auffällig oft den Trauerweiden in seinem Garten. In seinen Bildern winden und drehen sich die Äste dieser Bäume ausdrucksstark wie unter einem fallenden Vorhang von Blättern. Die Oberfläche ist dunkel und aufgewühlt. Die Formen sind aufgelöst und die Farben kräftig.

Nicht zufällig malte der Künstler diese Bilder in der Zeit während des Ersten Weltkriegs. Sein eigener Sohn Michel war im Stellungskrieg in Verdun eingesetzt, wo Hunderttausende in einer der grausamsten Schlachten ihr Leben ließen. Das setzte Monet sehr zu. Hinzu kam, dass der Künstler bereits seit dem Jahr 1902 unter starken Sehstörungen litt, die immer mehr zunahmen. In den folgenden Jahren hatte er Schwierigkeiten, Farben zu erkennen und voneinander zu unterscheiden. Deshalb musste sich der erfahrene Künstler bei der Wahl der Farben an der Beschriftung der Farbtuben orientieren. Diese körperlichen Einschränkungen schwächten und deprimierten Claude Monet zwar immer wieder, doch er gab nicht auf, sondern spürte weiterhin den unaufhörlichen Drang, zu malen. Das hielt den selbstkritischen Monet allerdings nicht davon ab, einige seiner Gemälde zu vernichten, wenn sie nicht seinen Vorstellungen entsprachen. Monet starb 1926 fast erblindet in seinem Haus mitten im Garten von Giverny.

In den berühmten Bildern mit den Trauerweiden geht es nicht mehr allein um ein Landschaftsmotiv, sondern darum, was der Künstler angesichts der Gräuel während des Ersten Weltkrieges sieht und empfindet. Deshalb unterscheiden sich die Trauerweiden als Sinnbild für Verlust und Trauer[2] stark von den duftigen, farbenfrohen Bildern der früheren Jahre. Mich rührt jedoch gerade das Spätwerk von Claude Monet an, in dem er gegen sein eigenes Leiden angekämpft hat. Ich fühle mich dabei an den Apostel Paulus erinnert, der selbst unter einer Krankheit litt, die ihm sehr zusetzte. Er hat diesen „Stachel im Fleisch“ angenommen und sich dabei einem anderen anvertraut: Jesus Christus (vgl. 2 Kor 12).


[1] Vgl. dazu Karin Sagner-Düchting, Monet in Giverny (München: Prestel 1994).

[2] Vgl. z.B. die Trauerweide „Saule Pleureur“ im Musée de Marmotton, Paris (1918-1919), Öl auf Leinwand. 


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Dieser Beitrag wurde am 13.10.2017 gesendet.


Über die Autorin Eva-Maria Will

Eva-Maria Will arbeitet als Diözesanreferentin im Erzbistum Köln. Sie wurde 1963 in Hannover geboren, studierte katholische Theologie, Kunstgeschichte und Christliche Archäologie in Trier und Bonn und war lange überwiegend in der Frauenseelsorge tätig. 2015 hat sie den Fachbereich Trauerpastoral und Bestattungskultur im Erzbistum Köln aufgebaut und ist seitdem als Referentin dort tätig. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Qualifizierung von Haupt- und Ehrenamtlichen. Eva-Maria Will ist verheiratet und hat zwei Töchter. Kontakt
Internet: www.abschied-trost.de
Email:eva-maria.will@erzbistum-koeln.de
               
               

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