Morgenandacht, 11.10.2017

von Eva Maria Will aus Köln

Zeige deine Wunde!

An der Kunst scheiden sich häufig die Geister. Was dem einen lieb und teuer ist, sagt dem anderen gar nichts. Jeder von uns hat sicher schon einmal vor einem Kunstwerk gestanden und nur verständnislos die Achseln gezuckt. Die Hinweistafel kann in so einem Fall oft nur bedingt Aufschluss geben. Aber wer sich einmal die Mühe macht, sich auf ein Kunstwerk einzulassen, einmal genauer hinzuschauen und sich seine eigenen Gedanken dazu zu machen, wird gewiss dabei gewinnen.

Ich möchte Ihnen deshalb ein Kunstwerk vorstellen, das von einem Künstler stammt, der mit seinen Werken und Installationen die Menschen immer wieder herausgefordert hat. Stellen Sie sich vor Ihrem geistigen Auge einen kahlen Raum vor. In diesem stehen hinten an der Wand und in die Ecke gedrängt nebeneinander zwei Bahren, jeweils auf vier Rädern. Links davor lehnen an der Wand zwei langstielige Werkzeuge. Oberhalb der Bahren hängen zwei Kästen oder Tafeln. Ein flüchtiger Blick auf diese Installation lässt einen bestenfalls mit Ratlosigkeit zurück. Was – um Himmels willen – soll das?

Der Künstler arrangierte dieses Kunstwerk erstmals 1971 nicht in einem Museum, sondern an einem dunklen unangenehmen Ort unterhalb der prächtigen Einkaufsmeile in der Stadt München. Oben Edel-Boutiquen – unten diese aus Beton gegossene „Schreckenskammer“: Parallelwelten also. Das Kunstwerk, die Installation, erschließt sich erst, wenn man genau hinsieht. Wer die beiden ausrangierten, verrosteten und durchgelegenen Bahren genauer anschaut, sieht vor seinem inneren Auge unwillkürlich Frauen, Männer, Kinder, die sterbenskrank oder verwundet auf diesen Bahren gelegen haben. Was haben sie alles erleiden müssen? Vielleicht starben sie in einem Krankenhaus, vielleicht aber auch in einem Lazarett oder in einem Lager. Wo sind die Toten geblieben? Was ist mit ihnen geschehen? Jeder hat sicher seine eigenen Assoziationen.

Die leeren Bahren erinnern mich an ein „leeres Grab“. Ähnliche Gedanken kommen mir, wenn ich mir die anderen Gegenstände anschaue: alles nutzlos gewordene Geräte und Materialien, die an Leben, Leiden und Tod erinnern. Aber noch einmal: Was soll das?

In diesem Fall kann uns der Titel dieser Installation weiterhelfen: In krakeligen Buchstaben steht auf den Tafeln:  „Zeige deine Wunde“[1]. Spontan erinnert mich dieser Titel an eine biblische Geschichte (Joh 20,24-29), die der Evangelist Johannes aufgeschrieben hat: Der Apostel Thomas kann es einfach nicht begreifen, dass Jesus gestorben ist, aber noch viel weniger, dass er von Gott auferweckt sein soll. Das haben seine Freunde aber behauptet. Deshalb will er den Auferstandenen mit eigenen Augen sehen und mit seinen Händen anfassen. Thomas will die Wunden, die Jesus am Kreuz erlitten hat, sehen und berühren: „Zeige deine Wunde“! Und irgendwann in seinem Leben macht Thomas dann tatsächlich die Erfahrung, dass Jesus lebt und bei den Menschen ist.

Es ist davon auszugehen, dass Joseph Beuys, der das Kunstwerk eingerichtet hat, diesen Zusammenhang kennt, da er katholisch erzogen wurde und sich Zeit seines Lebens für Religion und die großen Fragen des Lebens interessiert hat. Mit den leeren Totenbahren – so vermute ich - hat er bewusst einen Raum für unsere eigenen Gedanken und Assoziationen eröffnet: Wir sehen zwar Totenbahren, aber die Toten selbst sind nicht mehr da. Die Gräber sind leer. Wo sie hingekommen sind, wissen wir nicht. Jeder von uns ist eingeladen, sich selbst Gedanken zu den existentiellen Fragen des Lebens zu machen: Woher komme ich, was geschieht im Tod mit mir? Wohin werde ich gehen? Wird da jemand sein, der auf mich wartet? Christen glauben, dass Jesus von Gott auferweckt worden ist und bei ihm lebt. Sie glauben, dass das nicht nur exklusiv für Jesus gilt, sondern dass jeder Mensch zu einem ewigen Leben berufen ist. Dass der Tod nur eine Durchgangsstation ist.


[1] Rüdiger Sünner, Zeige deine Wunde. Kunst und Spiritualität bei Joseph Beuys. Eine Spurensuche (Berlin: Europa 2015).


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Dieser Beitrag wurde am 11.10.2017 gesendet.


Über die Autorin Eva-Maria Will

Eva-Maria Will arbeitet als Diözesanreferentin im Erzbistum Köln. Sie wurde 1963 in Hannover geboren, studierte katholische Theologie, Kunstgeschichte und Christliche Archäologie in Trier und Bonn und war lange überwiegend in der Frauenseelsorge tätig. 2015 hat sie den Fachbereich Trauerpastoral und Bestattungskultur im Erzbistum Köln aufgebaut und ist seitdem als Referentin dort tätig. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Qualifizierung von Haupt- und Ehrenamtlichen. Eva-Maria Will ist verheiratet und hat zwei Töchter. Kontakt
Internet: www.abschied-trost.de
Email:eva-maria.will@erzbistum-koeln.de
               
               

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