Morgenandacht, 10.10.2017

von Eva Maria Will aus Köln

Vollendung des Unvollendeten

Das Gesicht habe ich doch schon einmal gesehen! Das Gesicht einer jungen Frau. Man kann sagen: eine klassische Schönheit. Das schöne und irgendwie traurige Gesicht kannte ich von einem Zettel, den meine Tante bis zum Ende ihres Lebens aufbewahrte: Es war der Totenzettel ihrer Mutter. Während das Porträtfoto der Mutter auf der Rückseite dieses Blattes abgedruckt war, befand sich auf dessen Vorderseite das Gesicht der schönen Madonna. Als die Mutter gestorben war, war dieser Zettel im Totengottesdienst an die Trauergäste verteilt worden. Mit dem Brauch, Andachtsbildchen auszugeben, verbinden sich der Wunsch, den Toten nicht zu vergessen sowie die Bitte, immer wieder ein kurzes Gebet für den Verstorbenen zu sprechen. Der Tote ist und bleibt doch ein Teil von uns. Und er gehört weiterhin zur Gemeinschaft der Kirche dazu.

Als ich vor einigen Tagen das Bild der berühmten Pietà von Michelangelo aus dem Petersdom in Rom sah, fiel mir eben dieser Totenzettel mit dem Gesicht der schönen Madonna wieder ein. Wieder bin ich beeindruckt von der makellosen Schönheit von Maria, aber auch von ihrem Sohn Jesus. Maria, die den Leichnam ihres Sohnes Jesus, der vom Kreuz abgenommen wurde, auf ihrem Schoß trägt und ihn beweint, gehört zum Grundtyp der Pietà. Die trauernde Mutter zeigt dem Betrachter ihren Sohn und lädt ihn ein, mit ihr zu fühlen. Diese Szene aus dem Leidensweg Jesu hat die Kirche mit in ihr Abendgebet aufgenommen. Deshalb wird dieser Figurentyp im Deutschen „Vesperbild“ genannt.

Doch mehr noch als das Jugendwerk Michelangelos rührt mich eine andere Pietà an, die dieser ebenfalls aus Marmor gehauen hat. Es ist die so genannte Pietà Rondanini,  die sich heute in Mailand befindet[1]. Aber wie unterschiedlich diese beiden Skulpturen doch sind! Die grob behauene Pietà Rondanini erinnert gar nicht mehr an das Kunstwerk des jungen Michelangelo im Petersdom. Viele sehen in diesem unvollendeten Alterswerk des Bildhauers sogar ein gescheitertes Kunstwerk.

Warum beeindruckt mich diese Skulptur? Vielleicht ist es gerade das Scheitern, das hier nicht verborgen, sondern ganz offensichtlich ist: Beim Versuch, die beiden Figuren Maria und Jesus aus dem harten Marmor heraus zu meißeln, brach der Stein. Michelangelo musste seinen Plan ändern, um aus dem verbliebenen Marmor noch die Figurengruppe herausarbeiten zu können. Den rechten Arm der geplanten Figur ließ er zunächst einfach stehen, um ihn vielleicht später ganz abzutragen. Dann schuf er aus dem verbliebenen Marmorblock die beiden etwa lebensgroßen, aufrecht stehenden Gestalten. Das ist für eine Pietà sehr ungewöhnlich. Denn jetzt fällt der Blick zunächst auf den toten Jesus, hinter dem seine Mutter Maria steht. Nicht Maria trägt ihren toten Sohn auf dem Schoß, sondern der tote Jesus scheint seine Mutter zu stützen, ihr Halt zu geben. Dabei scheint Maria auf ihren Sohn hinzuweisen: Seht diesen Menschen! Michelangelo hat hier also weniger die Trauer und den Schmerz der Mutter gezeigt, sondern Jesus in den Mittelpunkt gestellt. Auch wenn das Leben Jesu am Galgen geendete hatte, wird Jesus nicht als Gescheiterter oder Zerbrochener dargestellt, sondern als jemand, der seinen Weg aus Liebe zu den Menschen konsequent zu Ende gegangen ist. Jemand, der anderen eine Stütze war und immer noch sein will.

Michelangelo hatte dieses Kunstwerk für sein eigenes Grabmal geschaffen und mehr als zehn Jahre daran gearbeitet. Mich bewegt der Gedanke, dass Michelangelo Buonarotti bis wenige Tage vor seinem Tod im Jahr 1564 an dieser Pietà gearbeitet hat. Ihm gelang es nicht mehr, ein vollkommenes Werk zu schaffen. Es musste unvollendet bleiben. Möglicherweise war es seine Art und Weise, sich auf das Sterben und den Tod vorzubereiten, indem er versuchte, dem harten Stein ein besonderes Bild abzuringen. Ein Bild, das auf den verweist, der in seinem Leben im Mittelpunkt stand und der zugesagt hat, das, was im Leben unvollendet und gebrochen geblieben ist, zu heilen und zu vollenden.


[1] Im Mailänder Castello Szforzesco


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Dieser Beitrag wurde am 10.10.2017 gesendet.


Über die Autorin Eva-Maria Will

Eva-Maria Will arbeitet als Diözesanreferentin im Erzbistum Köln. Sie wurde 1963 in Hannover geboren, studierte katholische Theologie, Kunstgeschichte und Christliche Archäologie in Trier und Bonn und war lange überwiegend in der Frauenseelsorge tätig. 2015 hat sie den Fachbereich Trauerpastoral und Bestattungskultur im Erzbistum Köln aufgebaut und ist seitdem als Referentin dort tätig. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Qualifizierung von Haupt- und Ehrenamtlichen. Eva-Maria Will ist verheiratet und hat zwei Töchter. Kontakt
Internet: www.abschied-trost.de
Email:eva-maria.will@erzbistum-koeln.de
               
               

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