Wort zum Tage, 29.12.2014

von Andreas Brauns, Schellerten

Umtauschen?

Weihnachten, das ist für viele auch der Blick in die Krippe. In all dem Chaos unserer Zeit einmal in diese Idylle eintauchen, dem göttlichen Kind in die Augen sehen. Und sei es nur für ein oder zwei Sekunden. Das beruhigt irgendwie. Erinnert es doch daran: Gott ist da, er hat sich nicht abgewandt. Er ist da, in dem Kind im Stroh. Eine Szene, die mich an Kinder erinnert, die in Flüchtlingscamps geboren werden. Gott ist im Kind herabgestiegen, um anzukommen bei den Menschen.

Diesen Gott möchten manche festhalten, andere würden ihn lieber umtauschen. Denn was ist das für ein Gott, der ohne Macht daherkommt? Ein Gott, der sich klein macht,  ist überflüssig... und man hätte ihn damals vielleicht sogar übersehen, wären da bei seiner Geburt nicht die himmlischen Scharen gewesen. Sie versetzten die Hirten in Unruhe.

Das Kind in der Krippe, es entwickelt sich: Der Sohn Gottes verzichtet auf Macht - und er möchte andere von seinem Weg überzeugen. „Folge mir nach“, so ruft er den Menschen zu.

Und spätestens jetzt würden ihn viele vermutlich gern umtauschen. Bis heute. Denn er bietet keinerlei Sicherheit für ein Leben ohne Macht. Nein, Jesus ruft zum Abstieg auf, mit allen Konsequenzen. Er setzt fort, was mit seiner Geburt  in Betlehem begann. Und er sagt deutlich: Du gewinnst, wenn du verlierst! Das hat sich vor 2000 Jahren nicht besser angehört als heute. Die Skepsis war groß. Aber da waren Menschen, die haben sich eingelassen auf ihn, sie haben alles losgelassen, sind ihm gefolgt. Das fasziniert bis heute.

Der amerikanische Ordensmann Richard Rohr hat einmal geschrieben: „Wer nicht gelernt hat, loszulassen, demütig zu sein, ja, die Demütigungen sogar zu suchen, kann eigentlich die meisten Lehren des Evangeliums nur ignorieren, er kann sie gar nicht verstehen.“ Und so rät er Christen provozierend: Antwortet nach der Lesung aus der Bibel im Gottesdienst: „Dank sei Gott, aber wir glauben kein Wort davon, und nun lasst uns mit dem Rest der Messe fortfahren!“

Eine überzogene Kritik? Wer Gottes Wort hört und sich davon berühren lässt, spürt: Die Botschaft klingt fremd in einer Welt, in der allein der Erfolg zählt. In der es darauf ankommt, oben auf der Leiter zu stehen. Im Rampenlicht sind die Mächtigen zu sehen und die, die haben. Alle anderen sind überflüssig, sie sind Verlierer. Niemand braucht sie. Niemand? Das stimmt nicht, denn da ist ein Gott, der alle in seine Hand geschrieben hat. Ein Gott, der den Abstieg gewagt und Menschen gezeigt hat, was Menschsein ausmacht: Nicht Erfolg sondern Zuwendung. Mitgefühl und Respekt für all jene, die, warum auch immer,  an den Rand gedrängt werden und im Schatten leben. Das ist der Himmel auf Erden.

Und vielleicht ist das ja das Geheimnis der Weihnacht, das für einen Augenblick aufleuchtet, wenn ich einem kleinen Kind in die Augen schaue.


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Dieser Beitrag wurde am 29.12.2014 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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