Morgenandacht, 23.10.2017

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Vogelperspektive

Ganz wohl war mir – ehrlich gesagt – nicht dabei, und ich muss auch ein bisschen blass gewesen sein, als ich nach dem Flug wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Aber es war ein so schönes Erlebnis, dass ich es auch nicht mehr missen möchte. Ich habe vor ein paar Wochen zum Geburtstag einen Flug mit einem Hubschrauber geschenkt bekommen: eine halbe Stunde über Regensburg kreisen! Das war schon etwas Besonderes! Von Bildern kenne ich meine Heimatstadt natürlich auch von oben. Aber es selbst in dieser Weise zu erleben – sehr beeindruckend! Drei Dinge sind mir im Nachklang dabei aufgefallen:

Ein Erstes: Große und mächtige Gebäude wie der Dom zum Beispiel oder die Walhalla schauen von oben verhältnismäßig klein und übersichtlich aus. Deswegen verliere ich nicht den Respekt vor diesen Monumenten, aber durch die Distanz erhalten sie eher einen Platz im Gesamten und stechen nicht so exorbitant hervor. Ein Zweites: Verbindungen zwischen Orten, die mit dem Auto nur durch große Umwege zu erreichen sind, wirken „Luftlinie“ verhältnismäßig kurz. Orte, die durch eine Anhöhe getrennt sind, liegen aus der Luft besehen in unmittelbarer Nachbarschaft. Und schließlich: Das geschäftige Treiben in den Straßen und Gassen der Stadt oder auch das rasende Gedrängel auf der Autobahn gewinnen in der Vogelperspektive eine eigenartige Ruhe.

All das sind natürlich keine völlig neuen Erkenntnisse, aber es neu zu erleben und zu bedenken, verändert die momentane Sichtweise ganz erheblich. So wird mir beim Nachdenken über meinen Hubschrauber-Ausflug wieder neu bewusst, wie heilsam es ist, sich von Zeit zu Zeit über das alltägliche Geschäft zu erheben und eine andere Perspektive einzunehmen. Dafür gibt es ja sogar ein passendes lateinisches Wort: die Super-Vision – die Draufsicht oder das Von-oben-über-eine-Sache-Blicken. Meine drei Beobachtungen treffen für die Supervision sehr gut zu: Was sich an Aufgaben, Problemen oder Herausforderungen manchmal groß und mächtig vor mir aufbaut, wird durch die andere Perspektive wieder ins rechte Verhältnis gerückt und dadurch wesentlich überschaubarer. Wo ich in der Bodenperspektive lange Umwege überlege, um von A nach B zu kommen, beeindruckt in der Vogelperspektive die unmittelbare Nachbarschaft. Das heißt für mich: das Ziel oder die Lösung ist möglicherweise viel naheliegender, als ich nach langem Hin- und Hergrübeln sehen kann. Und schließlich: Sich aus dem Gedränge und Getriebe des Bodenbetriebs herauszunehmen, schenkt eine neue wohltuende Ruhe, in der erst klare Gedanken heranreifen können. Notwendig ist dazu, im übertragenen Sinn „in den Hubschrauber einzusteigen“ und an Höhe zu gewinnen, um eine andere Perspektive zu ermöglichen. Natürlich kann ich nicht immer von oben herabblicken, denn dann würde ich die Bodenhaftung verlieren. Aber der Perspektiven-Wechsel ist das eigentlich Wertvolle!

Der Wiener Arzt Viktor E. Frankl (1905-1997) misst diesem Perspektiven-Wechsel eine geradezu existenzielle Bedeutung zu. Bisweilen verstellt sich der Blick auf den Sinn des Ganzen im Leben. Dann brauche ich eine Einstellungsänderung. „Einstellung“ meint – wie in der Filmsprache – die Einnahme einer anderen Position. Wenn sich manchmal der Sinn einer Situation nicht mehr erschließt, ist es gut, einen Schritt zur Seite oder zurück zu gehen, um den Blick auf das Ganze zu gewinnen. Dann kann die Erkenntnis heranreifen: Das Leben als Ganzes hat Sinn, selbst wenn der Sinn dieser einen Momentaufnahme noch verborgen ist. Für Frankl muss ich dazu gar nicht in einen Hubschrauber steigen. Ich kann mich auch sozusagen mental in die Vogelperspektive begeben. Denn Frankl nennt den Boden, an den mich die Schwerkraft fesselt, auch „das Sprungbrett“[1] für die menschliche Freiheit, die sich über den Alltag erheben kann. Springen allerdings muss ich selber!


[1]  Viktor E. Frankl, Ärztliche Seelsorge, S. 92


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Dieser Beitrag wurde am 23.10.2017 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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