Morgenandacht, 30.09.2017

von Pfarrer Ernst Pulsfort aus Berlin

Niemand kann zwei Herren dienen

„Eher geht ein Kamel durch das Nadelöhr, als das ein Reicher ins Reich Gottes gelangt.“ (Mk 10,25) Dieser Satz aus dem Markusevangelium gehört zweifellos zu den bekanntesten der Bibel und zu denen, die am meisten verunsichern, zumindest die Reichen. Und so hat man immer wieder versucht, dieses Wort weich zu spülen, bis auch das dickste Kamel durch das Nadelöhr passt.

Armut als „innere Haltung“ oder ästhetisches Prinzip zu interpretieren, ist für die meisten Menschen kein Problem. Aber wenn man Armut als Nachfolge Jesu buchstäblich ernst nimmt und tatsächliche Schritte zur Armut hintut, wie zum Beispiel der heilige Franziskus von Assisi, dann erheben sich die Widerstände und Proteste:

„Wohin soll das führen, wenn wir die Sätze des Evangeliums für bare Münze nehmen?“ Und ehe wir uns versehen, machen wir uns Jesus nach unseren eigenen Geschmack zurecht, anstatt ihn ernst zu nehmen und uns seiner Botschaft wirklich zu stellen.

Noch nie war in der Kirche so vieles klar wie heute. Wohl keine Generation von Theologen hat so viel über die Bibel gewusst wie unsere. Allerdings dreht sich unsere theologische Forschung und Lehre nur um das Wissen.

Wie sieht es aber aus, wenn es darum geht, aus diesem Wissen die Konsequenzen zu ziehen?

„Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu gelangen? Eher geht ein Kamel durch das Nadelöhr, als das ein Reicher ins Reich Gottes gelangt.“ (Mk 10, 23.25) Seine Jünger sind über diese Worte Jesu bestürzt. Sie spüren, dass der Glaube Konsequenzen hat; es geht ans Vermögen, ans Eingemachte.

Jesus erläutert diese Konsequenzen in folgender Erzählung, die mit einer Mahnung beginnt: „Gebt acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluss lebt. Und er erzählte ihnen folgendes Beispiel: Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte. Da überlegte er hin und her: Was soll ich tun? Ich weiß nicht, wo ich meine Ernte unterbringen soll. Schließlich sagte er: So will ich es machen. Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen; dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen. Dann kann ich zu mir selber sagen: Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink, und freu dich des Lebens! Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann all das gehören, was du angehäuft hast? So geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott nicht reich ist.“ (Lk 12,15-21)

Da sind Entscheidungen fällig, theologisch-ästhetisches Weichspülen führt nicht weiter.

„Niemand kann also zwei Herren dienen“, sagt Jesus. „Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.“ (Mt 6,24) und „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“( Mt 6,21) Wie mit einem Schatz, so ist es auch mit dem Reich Gottes, erklärt Jesus in einem Gleichnis. Der Schatz liegt in einem Acker vergraben. Jemand entdeckt ihn und in seiner Freude geht er hin und verkauft alles, was er hat und kauft diesen Acker mit dem verborgenen Schatz (vgl. Mt 12,44). Der reiche Mann, der zu Jesus kommt und fragt, was er tun müsse, um den Schatz des ewigen Lebens zu finden, ist nicht bereit, seine irdischen Schätze aufzugeben, um den einen ewigen Schatz zu besitzen. Man kann also nicht zugleich auf zwei Hochzeiten tanzen; entweder Gottes Herrschaft oder Geld regiert die Welt. Aber wir finden immer einen Grund, nicht radikal zu sein. In der Nachsicht mit uns selbst sind wir sehr großzügig. Doch auch das hat - wie alles - Konsequenzen. Übrig bleibt ein Glaube ohne Ärgernisse, eine gemütliche, zu nichts verpflichtende Religion.


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Dieser Beitrag wurde am 30.09.2017 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Ernst Pulsfort

Ernst Pulsfort wurde 1955 in Lingen (Ems) geboren und 1981 in Osnabrück zum katholischen Priester geweiht. Nach einigen Jahren als Kaplan in Osnabrück und Nordhorn absolvierte er 1986 ein Studienjahr in Indien. Nach seiner Rückkehr sowie Tätigkeiten an den Universitäten in Münster, Würzburg und Mannheim war Ernst Pulsfort von September 1993 bis Dezember 2006 Spiritual und Referent an der Katholischen Akademie in Berlin. Seit 2005 ist Ernst Pulsfort Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde St. Laurentius in Berlin-Mitte.

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