Morgenandacht, 28.09.2017

von Pfarrer Ernst Pulsfort aus Berlin

Armut als Herausforderung an unser Bewusstsein

Wenn von Armut die Rede ist, denken wir zumeist, das sei eine Sache der leeren Brieftasche und eines geringen Bruttosozialprodukts. Das stimmt auch, aber es gibt auch eine Armut vor Gott und die hat nichts mit Geld zu tun.

Arm vor Gott ist der, der die Grenzen seiner Geschöpflichkeit annimmt und nicht an diesen Grenzen verzweifelt, mehr noch, der sich mit seinen Grenzen von Gott angenommen weiß. Vor Gott arm sein bedeutet: Ich darf der sein, der ich bin, mit all meinen Beschränkungen. Ich brauche mich nicht zu verstellen oder jemand etwas vorzuspielen. Meinen Wert und meine Würde muss ich mir nicht selbst erarbeiten oder  erkaufen. Sie sind ein Geschenk Gottes. Gerade weil ich Gott, trotz meiner Mängel und Erbärmlichkeit, liebenswert genug bin, darf ich ich selbst sein.

In der Bergpredigt heißt es: „Selig, die arm sind vor Gott.“

Gemeint damit sind jene, die in diesem Leben noch nicht alles haben, die noch empfänglich und bereit sind, sich etwas schenken zu lassen, so arm, dass Gott ihr Reichtum werden kann. Diese Armut ist keine Herausforderung materieller Art, sie ist eine Herausforderung an unser Bewusstsein, die mitunter nur schwer zu ertragen ist.

Im Neuen Testament wird berichtet, wie der Teufel Jesus in Versuchung führt. Er zeigt ihm die Reiche dieser Welt in ihrer Pracht und Herrlichkeit und sagt zu Jesus: „Alles das will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.“ (Mt 4,9)

Mit einem Schlag könnte Jesus so reich sein, dass er die Armut in der Welt überwinden könnte. Aber Jesu Antwort ist eindeutig: „In der Schrift heißt es: Du sollst allein den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein sollst du dienen.“ (Mt 4,10)

Jesus weiß, dass er durch den Besitz der Reiche und Reichtümer der Welt der Sache Gottes nicht zum Sieg verhelfen kann. Jesus weiß, wem er sich verdankt. Er überlässt sich ganz Gott und setzt sich nicht an seine Stelle.

Wir möchten die Armut in der Welt oft gern überwinden, indem wir uns selbst zu Gott machen. Und so werden wir auch häufig zu „Machern“, die scheinbar alles im Griff haben, aber in Wirklichkeit die Armut unserer Endlichkeit und Geschöpflichkeit nur verlängern. Aber wenn es uns tatsächlich gelänge, die Armut zu überwinden, so dass alle Menschen genug zum Leben hätten, wäre damit das Thema erledigt? Würden wir dann auf die christliche Verkündigung verzichten können? Wohl kaum. Es geht um die Bedeutung der geistigen Grundhaltung der Armut, um das, was den heiligen Franziskus von Assisi dazu drängte, seine privilegierte Stellung aufzugeben und ein anderes Leben zu suchen.

Aus dem Leben des heiligen Franziskus ist folgende Geschichte überliefert: „Einmal fuhr ein Ordensbruder gegen einen Armen, der um ein Almosen bat, mit den Scheltworten los: ‚Vielleicht bist du gar ein reicher Mann und stellst dich nur so, als ob du arm wärst.‘ Als der heilige Franziskus, der Vater der Armen, dies hörte, wurde er sehr betrübt, schalt den Bruder gar heftig wegen seiner Worte und hieß ihn vor dem Armen sein Kleid ausziehen, dessen Füße küssen und ihn um Verzeihung bitten. Er sagte nämlich: ‚Wer einen Armen schmäht, beleidigt Christus, dessen edles Abzeichen jener trägt; denn er hat sich um unseretwillen arm gemacht in dieser Welt!‘“

Wer unabhängig ist von dem, was zu haben ist, der kann eine große Freiheit gewinnen. Wer dagegen in das Etabliert sein hinübergeht, droht sich in seiner ganzen psychischen Verfassung schnell in eine Richtung zu verändern, in der er diese Freiheit und Unabhängigkeit verliert.

Jesus wie Franziskus vertrauten nicht der Macht des Reichtums, sondern der Macht Gottes. Und indem sie sich ganz Gott überließen, fanden sie in Freiheit zu sich selbst und konnten ihr Leben ganz den Armen widmen.


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Dieser Beitrag wurde am 28.09.2017 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Ernst Pulsfort

Ernst Pulsfort wurde 1955 in Lingen (Ems) geboren und 1981 in Osnabrück zum katholischen Priester geweiht. Nach einigen Jahren als Kaplan in Osnabrück und Nordhorn absolvierte er 1986 ein Studienjahr in Indien. Nach seiner Rückkehr sowie Tätigkeiten an den Universitäten in Münster, Würzburg und Mannheim war Ernst Pulsfort von September 1993 bis Dezember 2006 Spiritual und Referent an der Katholischen Akademie in Berlin. Seit 2005 ist Ernst Pulsfort Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde St. Laurentius in Berlin-Mitte.

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