Morgenandacht, 27.09.2017

von Pfarrer Ernst Pulsfort aus Berlin

Selig, die arm sind vor Gott

„Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.

Selig, die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.

Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben.

Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden Erbarmen finden.

Selig, die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.

Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.

Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.

Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.“ (Mt 5,3-10)

Die Seligpreisungen Jesu in der Bergpredigt sind eng verbunden mit der prophetischen Tradition des Alten Testaments. Diese Tradition betrachtet Gott allein als den Besitzer des Landes, in dem das Volk Israel lebt. Gott hat es den Israeliten geschenkt. Aber die Reichen im Volk haben die Armen um dieses Geschenk Gottes betrogen. Die Witwen und die Waisen hat man um ihre Rechte gebracht und sie ausgebeutet .Darum haben sie und die Armen einen besonderen Anspruch auf den Rechtschutz Gottes. Die Armen sollen ihre Hoffnung auf Gott setzen, dass er ihnen zu ihrem Recht verhilft.

Das ist der Kernsatz der prophetischen Botschaft des Alten Testamens. Jesus hat diese Botschaft und das Elend in seinem Land ständig vor Augen. Armut, Krankheit, hohe Steuerlasten und Zölle trafen gerade die einfachen Leute. Es gab eine massive wirtschaftliche Ausbeutung; besonders litten darunter die Menschen auf dem Land und darunter natürlich ganz besonders Bettler, Entwurzelte, Behinderte, Kranke. Sie galten nicht nur materiell, sondern auch bildungsmäßig und religiös als Minderbemittelte. Sie waren die Armen vom Lande, von Gott und der Welt verlassen.

Gerade bei diesen Menschen finden wir Jesus wieder; er selbst ist ja ein Kind vom Land, geboren in einem Stall fremder Leute und begraben in einem Grab eines anderen. So sieht der Weg Jesu aus. Er selbst hat einmal von sich gesagt: „Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; aber der Menschensohn hat kein Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.“ (Mt 8,20)

Jesus hat nicht einen auf arm gemimt; er ist tatsächlich ein Armer gewesen. Und dadurch hat er den Armen ihre Würde wiedergegeben.

Als er seine Jünger zur Predigt aussendet, sagt er: „Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in eure Gürtel. Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg, kein zweites Hemd, keine Schuhe, keinen Wanderstab.“ (Mt. 10,7-10)   

Diese Worte Jesu waren es auch, die der heilige Franziskus von Assisi am 24. Februar 1209 im Kirchlein Portiunkula hörte. Franziskus war hingerissen. „Das will ich tun!“ rief er aus. Und sofort warf er Schuhe und Stock fort und ersetzte seinen Gürtel durch einen Strick. Arm und glühend vor Eifer begann er, dem Beispiel der Apostel zu folgen und von Jesus Zeugnis abzulegen. Befragt, warum er den Weg solch radikaler Armut gehe, antwortete Franziskus: „Besäßen wir Habe, so bräuchten wir Waffen, um sie zu schützen. Denn aus dem Eigentum erwachsen die Streitigkeiten und die Rechtsverdrehungen, und hierdurch wird die Liebe zu Gott und zum Nächsten am häufigsten verletzt.“

Franziskus lehnt Besitz so entschieden ab, weil er nicht von ihm besessen sein will; es geht ihm darum, frei zu sein für Gott und den Nächsten.

In einer Gesellschaft wie der unseren, in der Haben und Besitzen das vorrangige Ziel ist und scharenweise Besessene produziert werden, ist es wichtig, dass es Menschen wie den heiligen Franziskus gibt, die sagen: „Geld und Gut, das kann doch nicht alles sein.“

Wer Jesus nachfolgt, der nimmt nur das Notwendigste mit. Nur so, indem wir einfach leben und Armut erfahren, werden wir für Gott und die Armen und ihre Nöte empfindsam sein.


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Dieser Beitrag wurde am 27.09.2017 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Ernst Pulsfort

Ernst Pulsfort wurde 1955 in Lingen (Ems) geboren und 1981 in Osnabrück zum katholischen Priester geweiht. Nach einigen Jahren als Kaplan in Osnabrück und Nordhorn absolvierte er 1986 ein Studienjahr in Indien. Nach seiner Rückkehr sowie Tätigkeiten an den Universitäten in Münster, Würzburg und Mannheim war Ernst Pulsfort von September 1993 bis Dezember 2006 Spiritual und Referent an der Katholischen Akademie in Berlin. Seit 2005 ist Ernst Pulsfort Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde St. Laurentius in Berlin-Mitte.

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