Morgenandacht, 26.09.2017

von Pfarrer Ernst Pulsfort aus Berlin

Nichts ist schwer, sind wir nur leicht

Als Jesus sein öffentliches Leben beginnt, spricht er in der Synagoge zu Nazareth und zitiert den Propheten Jesaja: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe“ (Lk 4,18) Unter dieses Wort stellt Jesus sein Wirken und er löst es ein durch sein Leben.

Haben wir etwas mit diesem Wort zu tun? Sind wir die Adressaten der Verkündigung Jesu? Sind wir diese Armen? Wir und auch die Kirchen sind doch eher reich und haben alles. Aber was haben wir wirklich? Haben wir noch die Fähigkeit, Menschen für die frohe Botschaft des Glaubens zu begeistern, oder werden wir nicht zunehmend geistlos und antriebsschwach? Sind wir am Ende gar nicht so reich wie wir meinen? Der Apostel Johannes richtet einmal ein auch für uns bedenkenswertes Wort an die frühe Christengemeinde in Laodizea: „Du behauptest: Ich bin reich und wohlhabend, und nichts fehlt mir. Du weißt aber nicht, dass gerade du elend und erbärmlich bist, arm, blind und nackt.“ (Off 3,17)

Hier spricht Johannes eine Gemeinde an, die glaubt, sie hätte alles, doch in Wirklichkeit ist sie so blind, dass sie ihre Mängel, Fehler und Blößen gar nicht mehr zur Kenntnis nimmt. Es ist eine Gemeinde, die meint, stark, mächtig und einflussreich sein zu müssen, weil Gott es auch ist. Wenn wir stark sind, ist Gott stark; wenn wir einflussreich sind, dann ist Gott einflussreich; wenn wir mächtig sind, dann ist auch Gott mächtig. Wir wollen für Gott ja nur das Beste.

Ist das die Logik des Evangeliums? Ist der Gott, an den wir glauben, letztlich nicht doch der Gott der Erfolgreichen, der Sieger und der Besitzenden? Wie sieht das bei uns aus? Wissen wir vielleicht gar nicht, wie arm wir - trotz all unserer Habseligkeiten und Reichtümer - sind? Halten wir uns selbst für so wichtig, dass wir die Chance vertun, die Armut als Weg des Evangeliums neu zu entdecken?

In vielen Fragen sind wir gegenwärtig hilflos und ohnmächtig: Wie sollen wir den Glauben an die Kinder und Jugendlichen weitergeben? Wie können wir dem Auftrag Jesu gemäß den Armen das Evangelium verkünden? Nur dann, wenn wir unsere Schwächen nicht verdrängen oder verharmlosen, werden wir fähig, uns den Schwachen und Armen zuzuwenden. Was wir an Reichtümern anhäufen, ist nicht identisch mit unserer wahren Größe.

Der Mensch ist zu groß, als dass er in sich selbst und in dem, was er sich erwirtschaftet und besitzt, seine Erfüllung findet. In allem ist etwas zu wenig. Seine Sehnsucht geht über das, was die Welt ihm bietet, hinaus.

Besitz und Reichtum als ewige Güter zu erklären, wäre das Vorläufige als das Endgültige auszugeben. Was der Mensch am meisten braucht, kann er nicht selbst herbeiführen; er muss sich von Gott führen lassen. Sonst verfehlt er das Leben.

Es gibt ein Sprichwort, das lautet: „Nichts ist schwer, sind wir nur leicht.“ Könnte uns dieses Wort vielleicht weiterhelfen? Es geht nicht darum, die Missstände und Verwundungen in unserem persönlichen Leben, in der Kirche und der Gesellschaft klein zu reden. Im Gegenteil. Es geht vielmehr um die Frage:

Wie stellen wir uns unseren Schwächen und Verwundungen, wie gehen wir mit ihnen um? Sind wir noch leicht, noch arm genug dazu, diese Schwächen anzunehmen und sie Gott hinzuhalten? Oder nehmen wir uns selbst so wichtig, dass wir die Antwort darauf nur noch uns selbst zutrauen? Die Armut könnte uns Leichtigkeit schenken. Und sie könnte uns vor allem erkennen lassen, dass Gott allein unser Reichtum ist.


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Dieser Beitrag wurde am 26.09.2017 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Ernst Pulsfort

Ernst Pulsfort wurde 1955 in Lingen (Ems) geboren und 1981 in Osnabrück zum katholischen Priester geweiht. Nach einigen Jahren als Kaplan in Osnabrück und Nordhorn absolvierte er 1986 ein Studienjahr in Indien. Nach seiner Rückkehr sowie Tätigkeiten an den Universitäten in Münster, Würzburg und Mannheim war Ernst Pulsfort von September 1993 bis Dezember 2006 Spiritual und Referent an der Katholischen Akademie in Berlin. Seit 2005 ist Ernst Pulsfort Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde St. Laurentius in Berlin-Mitte.

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