Morgenandacht, 09.10.2017

von Eva Maria Will aus Köln

Wanderer im Leben

Als ich im Kindergartenalter war, saß ich mit meinen beiden Schwestern oft am Küchentisch, und wir bastelten. Im Herbst nahmen wir beispielsweise bunte Blätter, Eicheln und Kastanien der Waldbäume und steckten sie mit Hilfe von Streichhölzern oder Stöckchen zu kleinen Figuren zusammen: einem Hund, einem Hasen oder einer menschlichen Gestalt. Das hat uns damals viel Freude gemacht, und wir waren glücklich, wenn die Figürchen auf der Fensterbank neben den Blumentöpfen einen besonderen Platz  bekamen.

Als ich im letzten Jahr eine Ausstellung besuchte, sah ich eine Figur, die mich im Nachhinein an unsere kleinen Kunstwerke aus der Kindheit erinnerte. Diese Gestalt lehnte scheinbar achtlos an der Wand eines Museums und war aus unscheinbaren Materialien zusammengebaut worden: Sie besteht zunächst aus einer verrosteten und eingedrückten Blechtonne, deren obere Öffnung nach vorne hin weggeklappt ist. Dieser Körper ruht auf Beinen, die aus zwei Forsythienzweigen bestehen und mit Stofflappen umwickelt sind, so dass sie zusammenhalten. Die Zweige ragen oberhalb der Tonne heraus und formen eine Art Haarschopf. Was hat es damit auf sich?

Auch wenn das Kunstwerk aussieht, als wäre es gerade erste zusammengesteckt worden, so ist es doch bereits 45 Jahre alt: Denn im Jahr 1972 schuf der Künstler Michael Buthe (1944-1994) diese Plastik, die er „Wanderer“[1] nannte, und der ich im Kölner Kolumba-Museum begegnete. Dabei sehen die schlichten, verbrauchten Materialien so aus, als ob er sie auf einem Müllplatz oder auf dem Komposthaufen gefunden und dann zusammengeführt und gestaltet hätte. Aber gerade diese einfachen, nutzlosen Bestandteile haben ihre Wirkung bei mir nicht verfehlt, denn dadurch wirkt die Figur so unmittelbar und nah.

Bei dem Titel „Wanderer“ frage ich mich allerdings, was dieser Name bedeutet. Denn auf den ersten Blick hat die Figur wenig Dynamisches: Sie steht breitbeinig und unbeweglich, ja stocksteif da. Außerdem kann sie nur aufrecht stehen, weil sie an einer Wand lehnt. In mir steigt die Assoziation auf, dass der Wanderer irgendwie „an die Wand gestellt“ worden sei, so als ob er vorgeführt oder gar getötet werden solle. Nein, das halte ich doch eher für unwahrscheinlich. Vielleicht braucht diese Gestalt nur Halt, um nicht umzufallen. Vielleicht will sie mir einfach nur sagen, dass sie anlehnungsbedürftig ist, wie ich es selbst oft bin. Wenn ich müde, erschöpft oder traurig bin, sehne ich mich auch nach einer Stütze oder Schulter, an die ich mich anlehnen kann.

Die Figur des Wanderers ist aber auch ein Bild für das Leben des Menschen, und damit auch für mein eigenes. Denn unsere Lebenszeit ist ausgespannt zwischen Geburt und Tod, und wir durchschreiten sie jeden Tag wie ein Wanderer, jeden Tag einen Schritt weiter. Aber niemand lebt sein Leben allein. Wir Menschen sind auf Gemeinschaft hin angelegt. Das heißt: Wir brauchen einander. Deshalb suchen wir nach Gemeinschaft, nach Halt und Geborgenheit.

Die Gestalt des Wanderers kann mir zum Spiegel werden, in den ich schaue und mich dabei frage, was es eigentlich ist, das mir in meinem Leben Halt gibt. Was gibt mir Sicherheit? Was ist der Grund und die Basis, auf der ich stehe? Was und wer helfen mir in meinem Leben? Wer steht mir zur Seite? Für viele sind das die eigene Familie und gute Freunde: Menschen, auf die man sich verlassen kann und die da sind, wenn man sie dringend braucht. Darüber hinaus glauben Christen, dass sie ihr Leben dem Gott verdanken, der Himmel und Erde gemacht hat, der die Welt geschaffen hat und sie erhält. Sie vertrauen darauf, dass dieser Gott sie auf ihrem Lebensweg nicht allein lässt, sondern für sie da ist und immer ein offenes Ohr für ihre Anliegen hat. Und wenn dieser eigene Weg zu Ende geht, dann hoffen sie, dass ihr Leben in Gottes ewige Liebe hinein verwandelt wird.


[1] Michael Buthe, Der Wanderer, 1972, Blechtonne, Holz, Forsythienzweige und Textilien © VG Bild-Kunst, Bonn 2015, © Kolumba, Köln, Foto: Lothar Schnepf


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Dieser Beitrag wurde am 09.10.2017 gesendet.


Über die Autorin Eva-Maria Will

Eva-Maria Will arbeitet als Diözesanreferentin im Erzbistum Köln. Sie wurde 1963 in Hannover geboren, studierte katholische Theologie, Kunstgeschichte und Christliche Archäologie in Trier und Bonn und war lange überwiegend in der Frauenseelsorge tätig. 2015 hat sie den Fachbereich Trauerpastoral und Bestattungskultur im Erzbistum Köln aufgebaut und ist seitdem als Referentin dort tätig. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Qualifizierung von Haupt- und Ehrenamtlichen. Eva-Maria Will ist verheiratet und hat zwei Töchter. Kontakt
Internet: www.abschied-trost.de
Email:eva-maria.will@erzbistum-koeln.de
               
               

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