Morgenandacht, 25.09.2017

von Pfarrer Ernst Pulsfort aus Berlin

Vom goldgierigen König Midas

In einer griechischen Sage wird vom goldgierigen König Midas von Phrygien berichtet.

Eines Tages kommt der Gott Dionysos zum König und sagt zu ihm: „Midas, ich erfülle dir einen Wunsch.“ Spontan und ohne lange nachzudenken bricht es aus dem König hervor: „Lass alles, was ich berühre, zu Gold werden.“ Und so kommt es. Midas berührt einige Gegenstände und tatsächlich, bald glänzt alles um ihn herum von reinstem Gold. Midas wähnt sich in vollkommener Freude; sein sehnlichster Wunsch ist in Erfüllung gegangen.

In seinem Goldrausch kommt der König in Feierlaune, er setzt sich zu Tisch, er greift nach Brot, Wein und Fleisch, aber in dem Moment, als er es berührt, wird alles zu Gold. Midas erstarrt. Er begreift, wie weit ihn seine Gier nach Gold und Reichtum gebracht hat: Er droht zu verhungern und zu verdursten. Midas ist reich, aber es ist ein Reichtum, der ihn zu Grunde gehen lässt. Diese Erkenntnis des Königs kann auch unsere sein. Reich sein und trotzdem hungern. Das, was Midas als höchstes Glück betrachtete – nämlich reich zu sein –, entpuppt sich genau als das Gegenteil.

Das Geschenk Gottes an uns ereignet sich im Unterschied zur Midas-Sage gerade umgekehrt. Der Apostel Paulus sagt: „Ihr wisst, was Jesus Christus, unser Herr, in seiner Liebe getan hat: Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen.“ (2 Kor 8,9)

Ein armer Gott? Wie soll man sich so etwas vorstellen? Da kommen wir kaum noch mit. Wir meinen doch eher, die Reichen können die Armen nur so lange unterstützen, wie sie selber reich bleiben. Und nach unserer Vorstellung kann nur ein reicher, allmächtiger Gott den Menschen helfen, solange er selbst reich bleibt.

Aber Gott denkt und handelt anders. Gott gibt nicht etwas von seinem Reichtum, seinem Überfluss ab, vielmehr geht er an sein eigenes Kapital; er greift in seine eigene göttliche Substanz ein. Und er wird nicht nur scheinbar arm. Sein Weg beginnt in einem Stall in einer Krippe; er ist ein Flüchtlingskind; er wird verfolgt, verraten, verlassen, gekreuzigt wie ein Verbrecher.

Was heißt hier eigentlich reich? Gott bestimmt neu, was Reichtum bedeutet. Paulus sagt „Jesus ist nicht für sich selbst reich, sondern für andere.“ Im Brief an die Philipper schreibt Paulus: „Jesus Christus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“ (Phil 2,6-8)

Gott ist in dem Sinne reich, dass er sich in Jesus Christus selbst mit dem, was er ist und hat, verschenkt. Und dabei verschenkt er nicht nur etwas von seinem Besitz, er verschenkt sich selbst. Aber er verliert nicht dabei. Er bezeugt vielmehr die Logik der Liebe Gottes: Geben schenkt größere Freude als nehmen.

Nicht im Reichtum und im Besitz ist die vollkommene Freude zu finden. Unseres Geldes und Wohlstands können wir uns nicht rühmen, denn sie sind nicht unser ewiger Besitz; sie sind Gaben Gottes, und wir verfügen nur zeitlich befristet über sie.

Was bleibt dann noch? Was überdauert die Freude am materiellen, aber vergänglichen Reichtum?

Der Apostel Paulus bringt es auf den Punkt: Alles menschliche Können, Denken und Handeln, aller irdische Reichtum ist Stückwerk, unvollkommen und endlich. Die Liebe ist der Reichtum, von dem wir leben, ohne dass wir an ihm zugrunde gehen wie König Midas.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 25.09.2017 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Ernst Pulsfort

Ernst Pulsfort wurde 1955 in Lingen (Ems) geboren und 1981 in Osnabrück zum katholischen Priester geweiht. Nach einigen Jahren als Kaplan in Osnabrück und Nordhorn absolvierte er 1986 ein Studienjahr in Indien. Nach seiner Rückkehr sowie Tätigkeiten an den Universitäten in Münster, Würzburg und Mannheim war Ernst Pulsfort von September 1993 bis Dezember 2006 Spiritual und Referent an der Katholischen Akademie in Berlin. Seit 2005 ist Ernst Pulsfort Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde St. Laurentius in Berlin-Mitte.

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