Feiertag, 03.09.2017

von Andreas Brauns aus Schellerten

„Verletzlich bleiben! – Erst so wird der Mensch zum Menschen“

Menschen sind verwundbar und spüren: Es gibt keine letzte Sicherheit. Das macht Angst. Und diese Angst kann mächtig werden, wenn sie das Handeln beherrscht. Weil Menschen nicht riskieren wollen, verletzt zu werden, verletzten sie andere. Diesen Kreislauf möchte die Theologin Hildegund Keul durchbrechen. Sie fragt: Müssen Menschen ihre Verwundbarkeit um jeden Preis schützen? Oder lohnt es sich nicht vielmehr, sich auch verletzlich zu machen, um ganz Mensch zu werden?

Menschen erfahren immer wieder: sie sind verletzlich, verwundbar. Kein noch so ausgeklügeltes Sicherungssystem, kein Gott kann sie davor bewahren, verletzt zu werden. Und irgendwann wird ihnen klar: Unverwundbarkeit ist eine Utopie. Ausgerechnet für diesen verwundbaren Menschen hat der biblische Gott eine Schwäche. Immerhin hat er ihn ja als sein Bild geschaffen. Ihm ähnlich. Verwundbarkeit, Verletzlichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Schöpfung. Jedes Geschöpf ist verwundbar, jede Population, ebenso jedes Ökosystem, in dem Mensch und Tier leben. Hildegund Keul, die Leiterin der Arbeitsstelle für Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz, beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Thema der Verwundbarkeit. Sie hat vor allem den Menschen im Blick und geht der Frage nach, welche Macht seine Verwundbarkeit entwickelt? Und welche Ängste sie erzeugt? Die Theologin fragt aber auch: Was können Menschen dieser Angst entgegensetzen? Was setzt Gott dieser Angst entgegen? Einer Angst, die nicht erst durch die Flüchtlingskrise mächtig geworden ist.

Hildegund Keul:
Ich glaube, dass wir im Moment sehr stark aus einer Politik der Angst leben. Was ich kritisiere ist, dass Parteien die Angst von Menschen schüren und als eine Machtstrategie einsetzen. Und das sehr gezielt. Gerade die rechtspopulistischen Parteien tun das sehr dezidiert, dass sie die Angst noch mal antreiben. Und damit selbst Menschen Angst machen, die zunächst gar nicht bedroht sind, von dem, was passiert. Das ist ´ne unrealistische Form von Angst. Aber sie wird geschürt, weil man genau damit Politik machen kann: Man macht Menschen Angst und sagt: Boah, du kannst verwundet werden. Und dann sind Menschen auch bereit zu den Waffen zu greifen oder die Mauern höher zu ziehen, die Grenzen dichter zu machen. Das halte ich für fatal. Denn Leben heißt nicht, dass man hinter Panzern, hinter Mauern und mit Schild und Waffen lebt, sondern Leben ist Kommunikation.

Was kann der Mensch seiner Angst entgegensetzen?

Die Theologin, die auch als Professorin für Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaften an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg arbeitet, redet nicht um den heißen Brei herum. Das Thema ist ihr viel zu wichtig. Sie ist überzeugt davon: jeder Mensch, jede kleine Gemeinschaft bis hin zum Staat stehen angesichts der Angst vor der eigenen Verwundbarkeit vor zwei Fragen:

Hildegund Keul:
Wo ist es notwendig, mich selbst zu schützen, das Eigene zu schützen. Und wo ist es notwendig, die eigene Verwundbarkeit zu riskieren? Und nur, wenn man da quasi die richtige Balance hinbekommt, die richtigen Entscheidungen trifft, dann ist eine Gemeinschaft, ist ein Staat tatsächlich auch lebenswert. Denn wer will denn schon in einer Gemeinschaft leben, wo man sich quasi mit Waffen und mit Mauern und mit Grenzen begegnet? Wir leben doch von Kommunikation, von Austausch. Also, ich glaube, dass das auch ´ne gesellschaftspolitische Bedeutung hat. Und das sehen wir im Kontext von Migration: Klar, wir brauchen Grenzen. Ein Land kann nicht ohne Grenzen leben, aber Grenzen sind immer auch geöffnet. Für wen öffnen wir Grenzen? Aus welchen Gründen öffnen wir oder schließen wir Grenzen? Und da ist das christliche Wort „Nächstenliebe“. Also nicht nur darauf zu gucken: Also ich selber bin verwundbar. Sondern auch darauf zu schauen, dass andere Menschen auch verwundbar sind. Und dass Menschen als Verwundete bei uns ankommen und an den Grenzen stehen.

Also auf beides zu achten. Und nicht einfach zu sagen: Ich will nicht verwundbar sein und deswegen werden die Grenzen dichtgemacht. Das geht aus christlicher Sicht gar nicht.           

"Verwundbarkeit" ist in der wissenschaftlichen Forschung schon seit dreißig Jahren ein Schlüsselbegriff. Zunächst in der Armutsforschung und in der Entwicklungspolitik. Dann griff die Medizin „Verwundbarkeit“ auf, geht es dort doch um Wunden und Heilung. Und um die Kräfte des Menschen, mit Verwundungen umzugehen. Ich bin verwundbar. Daran können Menschen verzweifeln oder wachsen. Konstantin Wecker plädiert in einem Lied dafür, auf jeden Fall verwundbar zu bleiben, obwohl er tiefe Wunden davongetragen hat, weil er sich im Leben selbst verwundet hat - durch Drogen: 

Konstantin Wecker - Zeitlos

Wenn ich jetzt wieder ohne Schnee
die letzten Jahre vor mir seh,
muss ich zu meiner Schmach gestehn,
es könnte vieles besser gehn.

Doch weil der Himmel gütig ist,
kann einem selbst der größte Mist,
darf einem oft die größte Pein
im Nachhinein ganz nützlich sein.

Ich hab´ mich schon zu weit gefühlt,
um noch mit mir zu streiten,
dabei schafft jeder neue Schritt
nur Platz für neue Weiten.

Es gibt kein Leben ohne Tod,
ich bring mich wieder ein.
Ich möchte wieder widerstehn
und weiterhin verwundbar sein.

Verwundbar sein. In vielen Bereichen des alltäglichen Lebens wird das für Hildegund Keul akzeptiert. Da gehört das Risiko verletzt zu werden, einfach dazu. Nicht nur in der Liebe. Auch Jugendliche akzeptieren es, weil sie leben wollen: Eben Skateboard fahren oder Fußball spielen.

Hildegund Keul:
Man kann nicht gut leben, ohne diese Verwundbarkeit, diese Verletzlichkeit zu riskieren. Immer, wenn man etwas ganz leidenschaftlich tut, das ist ja sogar im Sport so: Wenn man leidenschaftlich einen Sport ausübt, dann hat man auch ´ne bestimmte Verletzungsgefahr. Also selbst auf der Ebene ist das ja so. Und wenn ich den Sport betreiben will und das leidenschaftlich tue, natürlich riskiere ich damit was. Aber es lohnt sich. Und das ist der Punkt! Ich muss genau wissen, wo lohnt es sich, diese Verletzlichkeit zu riskieren? Und das Christentum sagt: In der Liebe lohnt es sich, das zu riskieren, weil einfach nur dadurch neues Leben entstehen kann, sich entwickeln kann, sich entfalten kann.

Verletzlichkeit riskieren lohnt sich - in der Liebe

Aber nicht nur das Christentum ist davon überzeugt: In der Liebe lohnt es sich. Kein Kind hätte eine Chance, wenn potentielle Eltern nur an ihre Sicherheit denken würden.

Hildegund Keul:
Wenn man sich verwundbar macht, dann hat man u.U. sehr viel zu gewinnen. Nämlich genau das, was die Liebe ausmacht: Diese Lebensintensität, dass neues Leben entsteht. Dafür steht ja die Metapher von Geburt, also von geboren werden. Kein Mensch wird geboren, ohne dass andere Menschen sich selber verwundbar machen. Das Leben geht nur da weiter, wo andere bereit sind, ihre eigene Verwundbarkeit zu riskieren, um mir Leben zu eröffnen, mein Leben zu schützen.

Aber ist der Preis nicht zu hoch? Ist es nicht klüger sich zu schützen?

Hildegund Keul:
Mutter, die ein Kind zur Welt bringt, weiß, was es bedeutet, verletzlich zu sein. Ne Geburt ist schmerzlich, ´ne Geburt ist auch riskant. In vielen Ländern der Erde sterben Mütter noch, wenn sie Kinder gebären. Also von daher ist es auch ´ne riskante Sache. Und trotzdem machen das Menschen! Und wenn man sie fragt: Warum machst du das? Dieses Leuchten in den Augen von Eltern, die sagen: Klar, riskieren wir was, aber das ist es wirklich auch wert, dieses neue Leben, das da entsteht. Das ist genau der Punkt: Da, wo ich das riskiere um der Liebe willen, da fließt mir das Leben zu und zwar in der ganzen Fülle. Das ist ein Leben, das mein ganzes Sein umfasst, meinen Körper packt und meine Seele. Also, ich bin dann ganz und gar präsent, ganz und gar da. Und diese Intensität, diese Präsenz, auf die kommt es auch dabei an. 

Für die Theologin ist es unmöglich, auf der einen Seite vom christlichen Abendland zu sprechen und sich damit auf den Gott zu berufen, der selbst Mensch geworden ist, auf der anderen Seite aber nur gebetsmühlenartig sichere Grenzen zu fordern, um sich so vor möglichen Verwundungen zu schützen. Es geht aber um Kinder, Frauen und Männer, die in Not sind, weil sie fliehen vor Krieg, Terror oder Hunger.

Hildegund Keul:
Das Allerwichtigste ist, dass man sich das wenigstens anschaut, welche Verwundbarkeiten sind hier eigentlich im Spiel. Und dass man das ganz ehrlich und offen macht. Denn man hat immer ganz verschiedene Verwundbarkeiten: die eigene, die fremde. Und dass man sich das ganz genau anschaut, wie die Situation ist. Und dann muss man ´ne Entscheidung treffen. Da entscheidet man nach bestimmten Kriterien. Und das der Nächstenliebe finde ich schon ein äußerst wichtiges Kriterium: Also, die Menschlichkeit von Menschen, die Humanität anzuerkennen. Und die Menschenwürde, die Menschenrechte, sind damit immer ein gutes Kriterium. Und das halte ich gerade im Blick auf Europa auch für unverzichtbar.

In welcher Welt wollen wir also leben?

Es steht viel auf dem Spiel: Letztlich die Menschlichkeit des Menschen. Und damit die Frage: In was für einer Welt wollen wir morgen leben.

Hildegund Keul:
Wozu sind wir bereit? Wollen wir die Menschenrechte opfern auf dem Altar von Wirtschaftlichkeit, auch von Egoismus? Also, dass man nur nach der eigenen Verwundbarkeit schaut. Es geht tatsächlich auch um das christliche Abendland. Aber genau nicht in dem Sinn, in dem es bei Pegida propagiert wird.

Die eigene Verwundbarkeit, sie ist häufig im Blick. Das ist zunächst nicht verwerflich, doch schwierig wird es, wenn sie allein das Handeln bestimmt. Wenn ihr zu viel Macht zukommt. Für Hildegund Keul gibt es eine Fülle von Beispielen für diese Macht der eigenen Verwundbarkeit. Da sind Staatenlenker, die alles tun, um sich selbst zu schützen. Da sind Manager, die immer wieder versuchen, die Wahrheit zu verbergen. Aber auch die Kirche hat ihre Erfahrungen mit einem Handeln, das bestimmt ist von der Angst verletzt zu werden.

Hildegund Keul:
Wenn eine Führungskraft in der katholischen Kirche einen bestimmten Fall von sexuellem Missbrauch verschwiegen hat, vertuscht hat, dann ging es ja nicht darum, den Mädchen oder Jungs was Böses anzutun, sondern man wollte quasi die eigene Kirche vor Schaden schützen. Aber da sieht man genau diese unerhörte Macht der Verwundbarkeit: Weil man das Eigene schützen will, ist man bereit, andere zu verwunden. Und dann hat man das verschwiegen und hat die noch mal victimisiert, also noch mal zum Opfer gemacht. Von daher ist Verwundbarkeit riskieren, Verletzlichkeit riskieren für die kath. Kirche auch ´ne echte Herausforderung, weil sie dieses Risiko scheut. Aber ich glaube, das ist genau der Punkt, der einfach ansteht. Also man kann nicht über die Verletzlichkeit reden und das Wagnis predigen, aber dann nicht selber darauf gucken, wo man dieser unerhörten Macht der Verwundbarkeit nachgegangen ist, Herodes-Strategien angewendet hat.

Wer liebt, bleibt oft verletzt zurück

Einst hat König Herodes gespürt: Du bist nicht unverwundbar. Da ist ein Kind, das dir gefährlich werden könnte. Lass es töten. So ist es nachzulesen im Evangelium des Matthäus. Lächerlich? Nein, die Strategie des Herodes ist mächtig. Aus Angst verletzt zu werden, macht sie ein Herz hart wie einen Stein. So ein Herz kann nicht lieben. Lieben kann ein Mensch nur, wenn er sich verletzlich macht. Doch wer liebt oder sich engagiert für einen Menschen oder eine Sache und damit scheitert, warum auch immer, bleibt oft tief verletzt zurück.

Hildegund Keul:
Die Frage ist dann, wie man damit umgeht? Alles Leben ist verletzliches Leben und es kann uns passieren, dass wir Schmerzen erleiden, dass wir tatsächlich verwundet werden. Wir merken aber auch: Wir lassen uns nicht davon treiben und auf lauter Absicherungen und Mauern und Panzer zurückgreifen, nur weil wir hoffen, dass wir unverwundet bleiben. Auch unsere Wunden zeichnen uns und wir merken, dass wir auch Heilungskräfte haben.

Menschen sind in der Lage wieder aufzustehen, Krisen zu bewältigen. Manchmal schaffen sie es allein, oft genug brauchen sie Hilfe, um ihre selbst errichteten Mauern einzureißen, auf Menschen zuzugehen.   

Hildegund Keul:
Also, wenn man einen anderen Menschen liebt, dann heißt das immer, dass man sich öffnet, dass man sich austauscht, dass man sich nah kommt. Und das heißt immer zugleich, dass man sich verletzlich macht. Man wird auch angreifbar in der Liebe. Das gehört dazu. Und man geht dieses Risiko, dieses Wagnis ein, weil man weiß, dass man die Liebe selbst zu gewinnen hat und das ist einfach was Tolles.

Das den ganzen Menschen in seinen Bann zieht. Dabei ist es egal, ob es die Liebe zwischen zwei Menschen ist oder ob ein Mensch die Liebe Gottes erwidert.  

Hildegund Keul:
In der Mystik gibt es dafür das schöne Bild, dass man in der Liebe nackt ist. Also man steht nackt vor Gott. Und da ist ja auch was dran. Mal ganz bildlich gesprochen: Wenn man in der Liebe mit Panzern ankommt, mit Schutzmauern um sich rum, dann wird das mit der Liebe auch nicht so viel, denn in der Liebe will man ja kommunizieren. Also, man muss schon nackt voreinander stehen, um sich wirklich lieben zu können. Und das, was lockt, ist diese Intensität von Leben, die man da erfährt. Und das ist das, warum die Mystik sagt: In der Liebe macht man sich verletzlich.

Die große Macht der Verwundbarkeit ist überall dort zu spüren, wo Menschen sich schützen wollen und bereit sind, dafür zu Mitteln zu greifen, die andere das Leben kosten können. Christen glauben: Gott ist Mensch geworden. Für viele ist das die größte Geschichte aller Zeiten.

Hildegund Keul:
Gott selbst macht sich verwundbar. Gott schafft eine Welt, die verwundbar ist. Aber überlässt sie nicht sich selbst, nach dem Motto: Mal gucken, was passiert. Sondern Gott wird selbst Mensch, wird geboren als Baby und damit total verletzlich. Neugeborene sind höchst verletzlich. Sie können sich nicht selbst schützen, die können ja noch nicht einmal ein Glas Wasser trinken, wenn es neben ihnen steht. Sie verdursten, wenn es nicht einen anderen Menschen gibt, der ihnen dieses Wasser reicht. Das ist die Weihnachtsgeschichte, die sagt: Schau genau hin; wo die Liebe sagt, mach dich verletzlich, riskier es, denn daraus entsteht Leben. 

Gott hat in seinem Sohn alles auf eine Karte gesetzt, ist verwundbar geworden. Für Hildegund Keul ist diese Verwundbarkeit natürlich, göttlich und gefährlich. Bis heute ist das Kreuz das Zeichen dafür: Jesus war in allem uns gleich – außer der Sünde.

Weil Jesus sich verwundbar gemacht hat, sprechen Christen von Erlösung. Weil Menschen sich Gott öffnen und vertrauen, kann Neues beginnen.

Hildegund Keul:
Maria und Josef find ich ein ganz leuchtendes Beispiel dafür, wie es sich lohnt, sich verwundbar zu machen. Maria, eine junge Frau, die schwanger ist, und die sich nicht sicher sein kann, dass ihr Mann zu ihr steht, also der Verlobte, - das war ja noch gar nicht ihr Ehemann, auch in der Weihnachtsgeschichte noch nicht -, die ist ein sehr hohes Risiko eingegangen, dass sie von ihrer eigenen Gemeinschaft ausgegrenzt wird. Ob sie deswegen gesteinigt worden wäre, weiß ich nicht, aber sie geht dieses Risiko ein und bringt dieses Kind zur Welt.  Und Josef, den finde ich ja sowieso großartig. Ein Vorbild für alle Patchwork-Väter heute. Josef, der allen Grund hätte zu sagen: Ich mach da nicht mit. Zum einen sagt er: Das Kind ist nicht meines, biologisch gesehen. Am Anfang hat er ja auch Schwierigkeiten damit. Aber dann sagt er: Okay, er geht diesen Weg. Er packt das Kind und flieht mit der Maria nach Ägypten.

Letztlich gilt: Dem Leben vertrauen!

Was wie eine alte Geschichte klingt, wiederholt sich immer und immer wieder. Menschen bleiben nicht bei sich. Sie setzen sich ein für andere, wachsen über sich hinaus, weil ihnen etwas heilig ist. Sie vertrauen dem Leben, sind ganz und gar mitfühlend und menschlich, riskieren dabei allerdings, verwundet zu werden.

Hildegund Keul:
Und trotzdem sagen Menschen aus Liebe zu der Frau, zu dem Mann, auch aus Liebe zu dem Kind: Ich bleib dabei! Und die biblischen Geschichten sind eine sehr große Ermutigung für Menschen, die in solchen Konstellationen leben, da auch wirklich den Weg der Liebe zu gehen und sich den Kindern zuzuwenden.

Sich Menschen zuwenden, sich einmischen in die Welt und das Wagnis eingehen, verwundet zu werden, das ist für die Theologin der Auftrag der Christen. Papst Franziskus wünscht sich eine Kirche, die nicht nur liturgische Feiern inszeniert. Der Papst aus Argentinien möchte eine Kirche an der Seite der Menschen, eine solidarische und mitmenschliche Gemeinschaft.

Hildegund Keul:
Die verwundete Kirche, eine Kirche, die im Lazarett arbeitet. Von daher ist er mit Verwundbarkeit sehr stark verbunden. Und er macht sich auch verwundbar. Na klar, wenn man da so steht und ´ne Position vertritt, dann macht man sich verwundbar. Und natürlich hat er da auch ganz entscheidende Zeichen gesetzt: Gleich nach Lampedusa zu gehen, an den Ort, wo Verwundete ankommen und wo die Frage steht: Wie human wollen wir eigentlich leben? Und vor der Entscheidung stehen wir. Und der Papst weist uns auch immer wieder darauf hin: Wir stehen tatsächlich vor der Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Was heißt Humanität? Wollen wir in einer Gesellschaft leben, die einfach gnadenlos ist, denn das heißt es, wenn Menschen nicht mehr bereit sind, ihre eigene Verletzlichkeit zu riskieren. Dann leben wir demnächst in einer Gesellschaft, die einfach gnadenlos ist und da werden wir alle drunter leiden.


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Dieser Beitrag wurde am 03.09.2017 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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