Am Sonntagmorgen, 10.09.2017

von Elena Griepentrog aus Berlin

Gesegnet mit feinsten Sensoren – Hochsensible Menschen und ihr Glaube

Autorin
Reizüberflutung! Zu viele Menschen um einen herum, zu viel Krach, zu viele Gespräche, zu viele Themen, quer durcheinander, zu viele Eindrücke, zu viele Gedanken.

Wohl jeder hat schon solche Momente der Reizüberflutung erlebt. Alles zu viel, man kann einfach nichts mehr aufnehmen, der Kopf brummt. Manche Menschen sind jedoch deutlich schneller überreizt als andere. Nach einem Erlebnis – ob positiv oder negativ – brauchen sie Stille, um die vielen Eindrücke zu verarbeiten. In Menschenmassen sind sie schnell gereizt. Andere ertragen laute Musik nicht, sie stresst ein Durcheinander von Gerüchen, schnelle Bildschnitte in Filmen. Oder Diskussionen, die vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen. Die Nerven gehen ihnen durch, sie reagieren über, brechen manchmal in Tränen aus oder werden grundlos aggressiv. Andere sind plötzlich extrem erschöpft, wie paralysiert, unfähig zu jeder Bewegung. Wieder andere bekommen starke Kopfschmerzen, ihnen wird schwindlig oder übel bis hin zum Erbrechen.

Menschen, die deutlich schneller unter solcher Reizüberflutung leiden, sind in der Regel: hochsensibel. Rund 15 Prozent der Menschen weltweit sollen hochsensibel sein, Männer wie Frauen. Eva Verchy*, derzeit im Bundesfreiwilligendienst, ist eine davon. Sie war heilfroh, als sie endlich wusste, warum sie gelegentlich so seltsam reagierte – wie sie es selbst empfand.

Eva Verchy
Also, ich habe Bauklötze gestaunt, und habe viele Dinge, von denen ich dachte, die seien irgendwie nicht normal, so was müsste ich mir abgewöhnen oder mich eben abhärten oder einfach immer wieder darunter gelitten habe, die wurden dann auf einmal ein bisschen selbstverständlicher und als ich das dann entdeckte mit der Hochsensibilität, war das für mich dann auch in Ordnung. Ja dazu zu sagen, dass das eben so ist.

Autorin
Der Begriff „hochsensibel“ ist missverständlich. Zwar sind viele hochsensible Menschen auch emotional empfindsam. In erster Linie jedoch ist Hochsensibilität ein neurologisches Phänomen. Das Gehirn funktioniert einfach etwas anders, vergleichbar mit den Gehirnen von Linkshändern.

Auf alle Menschen prasseln jede Sekunde, Minute, Stunde eine Unmenge von Informationen ein: kognitive, informationelle, körperlich-sinnliche oder emotionale. Zum Glück filtert das Gehirn jedoch einen Großteil dieser Informationen wieder heraus, noch vor der bewussten Wahrnehmung - wie zum Beispiel das Dauergeräusch einer Straße. Diese Filter sind bei manchen Menschen jedoch deutlich durchlässiger. Das heißt, das Gehirn eines hochsensiblen Menschen nimmt weit mehr Impulse auf als das von anderen Menschen. Mehr noch: Die Eindrücke von Hochsensiblen sind tiefer, sie haben sozusagen eine höhere Auflösung, mehr Tiefenschärfe, also mehr Daten. So ist, bildlich gesprochen, die innere Festplatte bei einem hochsensiblen Menschen sehr viel schneller voll.

Doch diese Besonderheit hat auch große Vorteile: Hochsensible sind in der Regel besonders schöpferisch, auch im Finden von Lösungen. Sie denken sehr vernetzt und sind deshalb oft äußerst innovativ und einfallsreich. Viele haben dazu ein reiches und intensives Gefühlsleben. Und sie haben ein natürliches Gespür für Stimmungen und Gefühlslagen von anderen Menschen, sind meist ausgesprochen empathisch. So wie Christina Berger*. Die Künstlerin und Unternehmerin hatte kürzlich einen Vortrag vor großem Publikum zu halten.

Christina Berger
Ich hatte null Erfahrung und habe einen Vortrag geschrieben, so, wie ich den hören möchte, nämlich fühlen. Und tatsächlich ist es mir gelungen, mit diesem Fühlen-Schreiben die Leute zu erreichen. Ich glaube, das ist der große Vorteil von Hochsensiblen. Sie können Menschen gut erreichen - wenn sie bei sich sind - mit dem, was sie tun. Deswegen sind, glaube ich, sehr viele Musiker oder Leute, die Bücher schreiben, hochsensibel. Weil sie eben erreichen.

Autorin
Sehr viele Theater-Schauspieler, Dichter, klassische Musiker oder Tontechniker sind hochsensibel, aber auch zum Beispiel Therapeuten, Archivare, Mathematiker oder Landschaftsfotografen. Die meisten arbeiten sehr gründlich, präzise und strukturiert. Sie denken viel nach und haben häufig auch einen hohen moralischen Anspruch, insbesondere an sich selbst. Fast alle haben ein existenzielles Bedürfnis danach, Zeit allein zu verbringen. Und so ist auch manch ein Hobby-Bastler, der sich stundenlang im Keller vergräbt, gar nicht selten eigentlich ein hochsensibler Mensch. Insbesondere Männer tun sich oft schwer mit dem Gedanken, hochsensibel zu sein. Das gilt als nicht männlich, nicht robust genug, nicht belastbar.

Dabei haben hochsensible Menschen auch im beruflichen Bereich besondere Fähigkeiten vorzuweisen. Vorausgesetzt, sie haben prinzipiell Rückzugsmöglichkeiten. So sind sie in vorübergehenden Notfallsituationen oft ausgesprochen nervenstark und behalten den Überblick. Für sie ist es auch ganz natürlich, bei jeder Entscheidung, jeder Handlung auch die Folgen im Blick zu haben. In Entscheidungsprozessen sehen sie deshalb Probleme oder Chancen, die andere noch gar nicht auf dem Radar haben. Für Unternehmen kann das Gold sein. Manchmal hat man sogar fast den Eindruck, hochsensible Menschen könnten die Zukunft voraus sehen. Sie finden sich auch in der Rolle der klassischen Kassandra wieder, der weitsichtigen Mahnerin aus der griechischen Mythologie, die kein Gehör findet. Doch Hochsensible sind keine Zauberer. Die meisten haben schlicht eine ausgeprägte Intuition.

Autorin
Hochsensibilität zeigt sich nicht bei jedem Menschen gleich. Manche sind vor allem im kognitiven Bereich hochsensibel, andere eher im emotional-körperlichen Bereich. Und viele sind besonders empfänglich auch auf spiritueller Ebene. Hochsensible Menschen haben von Natur aus oft einen Sinn für Metaphysisches, für höhere Zusammenhänge und für Werte. Sie sehen den Menschen als Teil eines größeren Ganzen. Sind nicht selten ausgesprochene Wahrheitssucher. Und Gottsucher – wie Eva Verchy.

Eva Verchy
Die Hochsensibilität befähigt vielleicht zu einem mystischeren Ansatz. Zu einem Sich-tiefer-versenken. Zu einem mehr in den Augenblick gehen und ja, die ganz starke Sehnsucht nach der Präsenz Gottes, die zu leben. Also, den Kanal zu öffnen, zu schauen, was passiert und vielleicht auch öfter wahrzunehmen, wenn dann Signale kommen.

Autorin
Eva Verchy wuchs in einer traditionell-katholischen Familie in Süddeutschland auf. Als junge Frau wurde ihr diese Welt mit Heiligen, Herrgottswinkel und Rosenkranz zu eng, hatte zu wenig mit ihrem modernen Lebensstil zu tun. Ihren Glauben hat sie jedoch nie aufgegeben, lebte ihn aber eher für sich allein. Mit über 40 wandte sich Eva Verchy wieder einer Gemeinde zu, zu ihrem eigenen Erstaunen, wie sie sagt. Eine lebendige, unkonventionelle Gemeinde mitten in einem Berliner Problemviertel. Feste Säule ist für Verchy ihr regelmäßiger Gebetskreis in einer Privatwohnung. Hier wird Geistliches diskutiert, miteinander und auch füreinander gebetet. Und hier werden Sorgen und Freuden des Alltags geteilt. Für Eva Verchy ein Stück Zuhause in der Großstadt. Auch der sonntägliche Gottesdienst in der Kirche bedeutet ihr sehr viel.

Eva Verchy
Also, es ist, wenn ein Gottesdienst mich berührt, eine Mischung aus der geistigen Nahrung und der Versenkung. Also, die Bibelworte, die Predigt, der Moment des Niederkniens, also, ich habe oft starke Gefühle von Glück und Hingabe, wenn ich knie und wenn ich warte auf den Moment der Wandlung. Und das mit anderen zusammen. Also, dieses Gemeinschaftsgefühl ist für mich sehr stark oft in der Messe.

Autorin
Viele hochsensible Menschen sind auf ganz natürliche Weise religiös. Das Innehalten und Auskosten, das Spüren und Genießen des Sichtbaren und des Unsichtbaren – das alles sind für sie besondere Glücksmomente. Auch zwischenmenschlich sind sie besonders befähigt. Sie lassen sich berühren von Leid und Freud anderer, fühlen mit und handeln häufig sozial. Nehmen ihre Mitmenschen intensiv wahr, sind im Gespräch ganz bei ihrem Gegenüber.

Allerdings: Hochsensible fühlen sich nicht automatisch in einer institutionellen Religion gut aufgehoben. Viele pflegen eine Art Patchwork-Glauben, mischen Elemente aus verschiedenen Religionen, Kulturen, Weltanschauungen. Andere interessieren sich brennend für philosophische Fragen. Was ist der Mensch? Was ist der Sinn seiner Existenz? Und es gibt auch die, die schließlich ihren ganz persönlichen Weg zum Christentum finden. Wie Christina Berger, Anfang fünfzig. Sie ist in der DDR auf dem Land aufgewachsen, in großer Verbundenheit mit der Natur. Mit dem christlichen Glauben hatte sie nur wenig Berührung, sagt sie. Trotzdem fühlte sie sich schon als Kind immer zu Kirchen hingezogen. 

Christina Berger
So wie mich der Wald angezogen hat, das war für mich eine ähnliche Entdeckungsreise, in eine Kirche zu gehen wie durch einen Wald zu laufen. Nur ganz anders. Der Wald war mein Vertrauter. In eine Kirche zu gehen war wie in eine andere Welt zu gehen, aber etwas Interessantes, etwas, was seltsam war, was eine ähnliche Magie, eine ähnliche Energie hatte wie Natur. Das hatte eine Wirkung auf mich.

Autorin
So saß sie als kleines Mädchen oft allein in der Kirche, liebte die plötzliche Stille, wenn hinter ihr die Tür zufiel, das Halbdunkel, das knarzige Holz der Dielen, den eigenartigen, etwas feuchten Geruch. Als typisches Ostkind hatte Christina Berger jedoch kaum Bezug zur Institution Kirche. Und doch: Sie fühlte immer mehr etwas Höheres.

Christina Berger
Ich glaube tatsächlich an Magie von Orten. Und man weiß ja heute, dass Kirchen auch wirklich teilweise auf vorherigen Kultstätten gebaut wurden. Und wenn das Kultstätten waren, dann waren das also schon vorher für Menschen irgendwie magische Orte, irgendjemand hat diesen Ort ausgewählt. Und wenn die das zu Urzeiten gespürt haben, dann gibt es keinen Grund, warum man das heute nicht auch spürt.

Autorin
Viele Jahre später erst wagte Christina Berger sich das erste Mal in einen katholischen Gottesdienst. Und seitdem immer mal wieder. Das Bekreuzigen mit Weihwasser, die Glocken und der Weihrauch, die vielen zeichenhaften Gesten in der Liturgie, der Friedensgruß, ausgetauscht mit den Mitbetern, das geradezu körperliche Beten, im Sitzen, Stehen oder im Niederknien und dann der gespendete Segen - das alles ließ Christina Berger spüren, weit vor aller Theorie und Theologie: Da ist etwas, es gibt einen Gott, er ist da. Heute fühlt sich Christina Berger der Kirche sehr nahe. Vieles ist ihr noch fremd, doch sie glaubt. Bald möchte sie in die katholische Kirche eintreten, auch ganz offiziell.

Etwas liebt sie als Hochsensible ganz besonders: die Klöster. Mit ihrer Stille. Hier fühlt sie sich aufgehoben, ganz besonders in Stressphasen.

Christina Berger
Man geht in so ein Kloster rein, und hat schon so ein Gefühl von Ruhe. Der Puls, Herzschlag, alles beruhigt sich, und man hat das Gefühl, in eine andere Welt zu tauchen. Das heißt, ein Hochsensibler kann hier ganz, ganz schnell zur Ruhe kommen. Der muss da nicht irgendwie sechs Wochen Reha machen, sondern er geht eine Woche vielleicht ins Kloster und ist danach regeneriert und gesäubert von Lärm und von dem ganzen Überfluss und der Überreizung des Alltags, der die meisten von uns Hochsensiblen wirklich sehr überfordert. Weit mehr als jeden anderen.

Autorin
Christina Berger ist dabei, ihre ganz persönliche Glaubensform zu finden - wie viele hochsensible Menschen. Manchen ist der Sonntagsgottesdienst am Vormittag zu voll oder zu trubelig. Sie suchen sich lieber ihre Nischen, um zur Ruhe zu kommen, gehen vielleicht in den wenig besuchten Gottesdienst früh morgens oder auch während der Woche. Manche meditieren mit anderen Gläubigen, finden ihren Platz in der Künstler-Seelsorge oder in geistlichen Zentren. Einige suchen auch regelmäßig einen der christlichen Einsiedler in Deutschland oder eine geistliche Begleiterin auf. Und viele lieben es, einfach allein in der Stille einer leeren Kirche zu sitzen. Eva Verchy

Eva Verchy
Es ist sehr wichtig, einen eigenen Weg zum Glauben zu finden und den auch ganz mutig zu gehen. Ich höre mir zum Beispiel manchmal auf Youtube Predigten oder Vorträge an von geistlichen Menschen. Also, Leute, die etwas zu sagen haben, die mir etwas zu sagen haben, suche ich mir, und es ist wichtig, was für eine geistige Nahrung man zu sich nimmt. Zu dem eigenen Weg gehört vielleicht auch, eine eigene spirituelle Sprache zu finden. Also, vielleicht: Wie wende ich mich an Gott, wie heißt Gott, vielleicht gibt es bei mir einen ganz anderen Namen. Vielleicht nenne ich ihn mit einem persönlichen Namen, den muss ich niemandem erzählen, aber ich baue eine Beziehung auf.

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* Namen geändert

Musik: André Jolivet, Cinq Incantations pour flûte seule


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Dieser Beitrag wurde am 10.09.2017 gesendet.


Über die Autorin Elena Griepentrog

Elena Griepentrog ist Hörfunk-Journalistin/Feature-Autorin und arbeitet für die Kulturwellen diverser ARD-Sender. Ihr Fokus liegt auf den Bereichen Zeitgeschehen/Gesellschaft, Religionen und Psychologie. Außerdem arbeitet sie in Berlin als Buisiness- und Entwicklungscoach mit dem Schwerpunkt: "Die eigene Berufung. Und was uns davon abhalten kann, sie zu leben".

Kontakt

www.elena-griepentrog.de

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