Am Sonntagmorgen, 27.08.2017

von Schwester Ancilla Röttger OSC aus Münster und Martina Kreidler-Kos aus Osnabrück

„Ein und derselbe Geist hat Schwestern und Brüder bewegt“ Radikale Geschwisterlichkeit bei Franz und Klara von Assisi

Martina Kreidler-Kos
„Jetzt mal ehrlich: Waren die beiden nun ein Liebespaar oder waren sie es nicht?!“  Ein älterer Herr stellt mir während einer Tagung zu Franz und Klara von Assisi äußerst liebenswürdig diese Frage. Doch die Provokation ist nicht zu überhören. Und die Frau an seiner Seite fügt hinzu: „Wir wollen jetzt endlich mal Klartext hören! Über die Liebe zwischen Mann und Frau wird in der Kirche ja nie geredet und über die Liebe zwischen zwei Heiligen schon gar nicht!“ Diese Frage, ob Franz und Klara von Assisi ein Liebespaar waren, taucht tatsächlich oft auf, keineswegs erst in unserer freizügigen Moderne. Schon die alten Legenden beschäftigen sich damit. Eine ist besonders schön.

Franz und Klara, so beginnt die alte Geschichte, sind miteinander in der Umgebung von Assisi unterwegs. Nur in Klammern gesagt:  das waren sie in der Realität sicher niemals. Klara hat stabil in ihrem Kloster gelebt und Franziskus ist in brüderlicher Gesellschaft durch die Welt gewandert. Aber diese Legende sieht beide gemeinsam durch die Gegend streifen. Es ist Winter, und sie kommen der Stadt immer näher. „Wir sollten hier auseinandergehen“, meint Franziskus, „wenn man uns zusammen sieht, wird bald ganz Assisi über uns reden!“ Klara möchte sich nicht trennen. Aber Franziskus besteht darauf. Also kann sie nur fragen: „Wann werden wir uns wiedersehen?“ Franz sucht verlegen einen Zeitpunkt, der möglichst weit entfernt liegt. Um sie herum ist alles grau und trist, bis weit in die Ebene hinein liegt Schnee. „Wenn die Rosen blühen“, antwortet er ausweichend. Klara geht traurig davon. Noch ist sie nicht weit gekommen, da geschieht ein kleines Wunder: Die kahlen Rosenbüsche, die die Wege säumen, brechen auf. Rings um sie herum, mitten im Schnee, beginnt es zu blühen. Klara staunt, läuft zu Franz zurück und legt ihm Rosen in die Arme. Von da an, so schließt die Legende, waren die beiden nie wieder getrennt.

Menschen, die Geschichten wie diese über Jahrhunderte weitererzählt haben, nahmen also schon immer eine tiefe Verbundenheit zwischen Franziskus und Klara wahr. Das ist gut so und entspricht sicher der Wahrheit. Aber die Spur des Liebespaares führt – auch wenn sie sehr alt ist – in die falsche Richtung. Es gibt eine viel bessere Antwort auf die Frage nach ihrer Beziehung. Aber erst einmal ist spannend, von dir, Sr. Ancilla, zu hören, ob Dich die Leute, die zum Gespräch ins Kloster kommen, so etwas gelegentlich auch fragen.

Sr. Ancilla
Eher selten, was vielleicht damit zusammenhängt, dass viele Menschen uns Nonnen dieses Thema nicht so recht zutrauen. Aber das Leben in Beziehung thematisieren sie schon, denn in den Spuren des Evangeliums zu leben, hat ja auf jeden Fall damit zu tun, in Beziehung zu sein – in Beziehung zu Gott, zu den Menschen und zu mir selbst. Aber was hast du denn diesem Paar auf der Tagung geantwortet?


Kreidler-Kos
Franz und Klara waren kein Liebespaar, sondern Geschwister. - Nicht im biologischen Sinne, sondern im Sinne der Weggefährtenschaft. Zugegeben, meistens ernte ich dafür nur ein mildes Lächeln. Oder den Kommentar: „Aha! Da ist sie also wieder, die Erotikfeindlichkeit der katholischen Kirche. Oder mindestens ihre Verlegenheit angesichts solcher heißen Themen!“ Keine Frage, diese Verlegenheit gibt es tatsächlich – und das ist traurig genug. Aber an dieser Stelle greift dieser Argwohn zu kurz. Bei Franz und Klara eine unterdrückte Liebesbeziehung zu vermuten, würde dem, was sie wirklich ausgemacht hat, nicht gerecht. Sie haben etwas anderes, weit Radikaleres versucht: In einer Zeit, die eine klare Hierarchie der Geschlechter kannte, wollten sie einander Geschwister sein. Und sie haben alle Brüder, die sich um Franziskus sammelten, und alle Schwestern, die zu Klaras Gemeinschaft gehörten, mit in dieses Boot geholt. Um im Bild zu bleiben – sie haben versucht, dieses „Boot der Geschwisterlichkeit“ auf hoher See der mittelalterlichen Kirche zu navigieren und den Kurs in Richtung gemeinsame Nachfolge Christi zu halten. Diese Ebenbürtigkeit war damals eine Meisterleistung und sie wird heute allzu oft verkannt. Eben auch von denjenigen, die sich mit einer herzzerreißenden Liebesgeschichte begnügen würden.

Sr. Ancilla
„Begnügen würden“ – genau das ist es. Wer sagt denn, dass nur Liebesbeziehungen großartig sind? Wer selbst Geschwister hat und vielleicht noch dazu in guter Beziehung zu ihnen lebt, weiß die Kostbarkeit der Geschwisterlichkeit zu würdigen. Freunde kann ich gewinnen oder verlieren, aber Geschwister werden mir aufgegeben und sie bleiben Geschwister von der Geburt bis zum Tod. Indem Franziskus und Klara das Geschwistersein zum Grundtenor ihrer Gemeinschaft machen und allen Menschen Bruder und Schwester sein wollen, geben sie ihrer unbedingten Treue einen Ausdruck. Diese Treue ist vielleicht das allererste, wozu uns die beiden ermutigen könnten. Aber da gibt es sicher noch mehr. Geschwisterlichkeit bedeutet ja auch, einander auf Augenhöhe zu begegnen – ebenbürtig zu sein, wie Du gerade gesagt hast.


Kreidler-Kos
Augenhöhe ist ein schönes Stichwort. Geschwister sind Männer und Frauen dann, wenn sie fair und großzügig, aber auch anerkennend und neugierig miteinander umgehen. Wir haben hier viel erreicht - in unserer Gesellschaft und auch in unserer Kirche. Selbst wenn es da sicher noch offene Fragen gibt. Aber wir sind tatsächlich um einiges weiter, als es das beginnende 13. Jahrhundert war. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass in einer frühen Biografie des heiligen Franz von einer ganz schlichten und doch atemberaubenden Erkenntnis zu lesen ist. Da heißt es: „Als der Heilige erkannt hatte, dass Klara und ihre Schwestern durch viele Beweise höchster Vollkommenheit erprobt, bereit waren, für Christus jedes Opfer zu bringen und […] dass sie von den heiligen Geboten niemals abweichen wollten, da versprach er ihnen und allen anderen, die die Armut in ähnlicher Weise geloben, fest für immer seinen und seiner Brüder Schutz und Rat. Dies hielt er stets getreulich, solange er lebte, und als er dem Tod sehr nahe war, befahl er nachdrücklich, dass es immer so sein sollte.“ – Und jetzt kommt dieser aufregende Satz: „Denn ein und derselbe Geist, sagte er, hat Schwestern und Brüder bewegt.“ [2 C 204] (Thomas von Celano, Zweite Lebensbeschreibung, in: Franziskus-Quellen. Die Schriften des heiligen Franziskus, Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über ihn und seinen Orden, hg. V. Dieter Berg und Leonhard Lehmann, Kevelaer 2009, S. 410.)

Franz von Assisi hatte also bereits vor 800 Jahren die Größe, die Gleichwertigkeit von Männern und Frauen nicht nur zu sehen, sondern als deren Quelle Gott selbst zu erkennen. Der Heilige Geist macht keinen Unterschied. Franziskus ist außerdem hoch anzurechnen, dass er diese Erkenntnis nicht einfach salbungsvoll verkündet, sondern beherzt und pragmatisch umsetzt. Er hat verstanden, dass die Schwestern die Berufung zur radikalen Armut genauso leben wollen und können, wie es die Brüder tun. Er hat das anerkannt und nach Kräften unterstützt. Denn - da dürfen wir uns nichts vormachen - diese männliche Unterstützung war im 13. Jahrhundert bitter nötig. Ohne männliche Fürsprecher und auch Versorger wäre es schwierig geworden für die Frauen, innerhalb der Kirche so radikal arm zu leben.

Was mich besonders freut: Im letzten Schreiben von Papst Franziskus, das er zum Thema Familie verfasst hat, ist genau dieser aufregende Gedanke wieder zu finden: Hier ergreift der Papst nicht nur deutlich Partei für die Frauen, sondern er hält auch unmissverständlich die geistliche Dimension dafür fest: „Manche meinen“, schreibt er in Abschnitt 54 von Amoris laetitia, „viele aktuelle Probleme [der Familie] seien seit der Emanzipation der Frau aufgetreten. Aber das ist kein gültiges Argument. Es ist falsch, es ist nicht wahr! Das ist eine Form des Chauvinismus. Die identische Würde von Mann und Frau ist uns ein Grund zur Freude darüber, dass alte Formen von Diskriminierung überwunden werden und sich in der Familie eine Praxis der Wechselseitigkeit entwickelt.“ Und jetzt kommt auch hier ein letzter großartiger Satz: „Wir bewundern in der deutlicheren Anerkennung der Würde der Frau und ihrer Rechte ein Werk des Heiligen Geistes.“ (Nachsynodales Apostolisches Schreiben Amoris laetitia von Papst Franziskus, 19. März 2016, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles; 204, hg. v. der Deutschen Bischofskonferenz, Abschnitt 54, S. 45.)

Sr. Ancilla
Mir gefällt dieser Gedanke der geistlichen Dimension sehr gut. Sie verleiht allem eine Tiefe, die deutlich macht, dass Geschwisterlichkeit auch zwischen Heiligen eben keine Verlegenheitslösung ist, sondern eine unbedingte, treue und lebenslange Verbundenheit bezeichnet, die ihren Ursprung in dem einen Vater im Himmel hat. Deshalb können die beiden Geschwisterlichkeit auch auf anderen Ebenen leben: Franz und Klara kannten ja eine Welt, die durch Standesunterschiede klar getrennt war. Die wollten sie überwinden, und dafür sind sie selbst das beste Beispiel: Klara war eine Tochter aus adeligem Hause, Franz war dagegen „nur“ ein Bürgerssohn. Auch viele der Schwestern sind keinem Stand eindeutig zuzuordnen und von den ersten Brüdern weiß man ausdrücklich, dass sie Bürger oder Adelige waren, Priester, Handwerker und Bauern. Es war wahrhaftig revolutionär, diesen Standesunterschieden keine Bedeutung mehr beizumessen.

Und warum konnten sie das? Weil sie die Welt bewusst von ganz unten angeschaut haben. In ihrem selbstgewählten „Mindersein“, wie sie es ausdrücken, zeigt sich das radikale Geschwistersein – im Sich-nicht-an-die-Spitze stellen, nicht Vordrängeln, nicht den eigenen Vorteil suchen. Mindersein: das bedeutet, dass nichts in mir die „Epiphanie“, das Aufstrahlen, das Erscheinen, das Dasein des anderen verhindere - so sagen es die Brüder des Heiligen heute. Was nichts anderes meint als: wenn ich einfach nur bin, die ich bin, dann kann auch der andere sein, der er ist.

So fremd uns das mittelalterliche Standesdenken heute anmutet, so viele Herausforderungen stellt uns unsere eigene heterogene Gesellschaft. Wir müssen die Vermittlung zwischen den verschiedenen Lebenswelten, die Franz und Klara verwirklicht haben, ebenfalls leisten: Zwischen den verschiedenen Bildungsgraden und Einkommensverhältnissen, zwischen den Herkunftsländern und Lebenserfahrungen müssen wie einander Geschwister werden. Lernen, dass der oder die andere – so fremd mir seine Herkunft, Profession oder Leidenschaften auch sein mögen – als genau solches Ebenbild Gottes betrachtet werden muss, wie ich selbst: Auch ihm oder ihr gehört Gottes ganze Liebe.


Kreidler-Kos
Franziskus zieht in dieses Wahrnehmen auf Augenhöhe tatsächlich noch eine dritte, in seiner Zeit völlig unerwartete Ebene ein: die Geschwisterlichkeit zwischen den Religionen. Im Jahr 1219 reist er ins Heilige Land, um den christlichen Glauben nicht, wie Abertausend andere, mit dem Schwert gegen vermeintlich Ungläubige durchzusetzen, sondern um dem Auftrag Jesu gemäß, das Evangelium friedlich und werbend zu verkünden. Jenes erstaunliche Gespräch zwischen dem Sultan Al Kamil und „einem christlichen Mönch“ – wie es auf einer Grabinschrift heißt – ist ein Fanal für interreligiöse Geschwisterlichkeit, die wir auch und gerade im 21. Jahrhundert so bitter nötig haben. Vielleicht sollten wir uns an den Satz des jüdischen Theologen Franz Rosenzweig aus den zwanziger Jahren erinnern, der schreibt: „Gott hat eben nicht die Religion, sondern die Welt erschaffen.“ Und er hat uns gemeinsam als suchende und fragende Menschen in diese Welt gestellt.

Sr. Ancilla
Die heilige Klara wagt auf ihre Weise übrigens einen mindestens ebenso radikal geschwisterlichen Weg. Sie kann Geschwisterlichkeit nicht so großzügig anbieten, wie es Franziskus dem Sultan gegenüber tut, aber sie kann etwas anderes: Geschwisterlichkeit einfordern – und zwar von jemandem, der - in der Logik ihrer Zeit – sie ihr in mehrfacher Hinsicht gerade nicht schuldig war: nicht als Mann, nicht als Vorgesetzter, Beschützer, Mentor und Oberhaupt der katholischen Kirche. Sie fordert sie vom Heiligen Vater persönlich.

Um das gleich klarzustellen: Klara fordert keine „demokratische“ Kirche. Davon ist sie weit entfernt. Sie schuldet dem Papst, ihrem eigenen Selbstverständnis nach, Ehrerbietung und Gehorsam. Aber: Lange vor dem Augustinermönch Martin Luther steht sie im Sommer 1228 Papst Gregor IX. gegenüber „und kann nicht anders“. Als er ihr ziemlich unverhohlen von der einmal versprochenen Berufung zur Armut abrät, weil er es für vernünftig hält, Vorkehrungen zur eigenen Absicherung zu treffen, widersteht sie ihm ins Angesicht und sagt: „Heiliger Vater, auf gar keine Weise will ich – in Ewigkeit nicht – von der Nachfolge Christi befreit werden!“

Ich entdecke bei Franz und Klara tatsächlich zwei tiefe Dimensionen, aus denen sich die Geschwisterlichkeit speist. Das eine ist die Augenhöhe, die in der gemeinsamen Geschöpflichkeit wurzelt. Als Menschen dieser Erde sind wir alle Geschöpfe, die Gottes Ebenbild tragen und widerspiegeln – welchem Geschlecht, welchem Stand, welcher Religion auch immer wir uns zugehörig fühlen. Aber wir sind noch mehr: Wir sind alle auch mit einer eigenen Berufung ausgestattet, die es zu entdecken und genauso zu achten gilt. Je klarer uns selbst diese beiden Dimensionen sind, umso wertschätzender können wir mit anderen umgehen: Mich selbst als wertvolles Geschöpf Gottes zu sehen, ermöglicht es mir, diesen Wert und diese Einzigartigkeit auch in den anderen zu entdecken. Jeder und jede ist ein Spiegel der Güte, der Liebe und des Einfallsreichtums Gottes!


Kreidler-Kos
Ich möchte zum Schluss noch einmal zur Geschichte des Anfangs zurück. Die handelt neben Rosen und Trennungsschmerz nämlich vor allem davon: Es ist Gott selbst, der möchte, dass Menschen auf Erden liebevoll miteinander leben. Deshalb macht er Franziskus so augenzwinkernd wie unmissverständlich klar, dass nichts Falsches daran ist, große Stücke auf Klara zu halten und gerne in ihrer Nähe zu sein. Geschwisterliche Verbundenheit muss nicht versteckt, sie soll gelebt werden. Auch und gerade dann, wenn alles um uns herum trüb und grau ist. Dann blühen nicht nur Rosen, sondern auch Menschen auf.


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Dieser Beitrag wurde am 27.08.2017 gesendet.


Über die Autorin Martina Kreidler-Kos

Martina Kreidler-Kos, Dr. theol., wurde 1967 geboren. Sie ist Diözesanreferentin der Ehe- und Familienpastoral im Bistum Osnabrück sowie Lehrbeauftragte der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Münster im Bereich Theologie der Spiritualität. In ihrer Forschung befasst sie sich vor allem mit der franziskanisch-klarianischen Geschichte und Spiritualität. Martina Kreidler-Kos ist freie Autorin. Sie ist verheiratet, Mutter von vier Kindern und lebt mit ihrer Familie im Osnabrücker Land.
 
Kontakt
M.Kreidler-Kos@bistum-os.de

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