Morgenandacht, 19.08.2017

von Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

Der Gott des Loslassens

In meinem privaten Lebensumfeld sind gerade viele Menschen mit Veränderungen beschäftigt. Die einen ziehen demnächst um und packen ihre ganze Wohnung in viele Kisten ein. Andere versuchen, in einer neuen Umgebung zurechtzukommen und die Kinder bei den anstehenden schulischen Veränderungen zu unterstützen. Ein Freund hat sich beim Sport verletzt und wird sein Leben deutlich umstellen müssen, um mit den Einschränkungen umgehen zu können, die das mit sich bringt.

In all diesen Fällen spürt man den Widerstand, den das Loslassen des Gewohnten mit sich bringt. Aber wir müssen ja loslassen, ob wir wollen oder nicht. Unser Leben gleicht einem andauernden Umzug. Wir verändern Lebensorte, Einstellungen und unsere Werte ändern sich auch. Aber wir tun das oft mit Widerstand.

„Loslassen“ ist schwer. Ärzte und Psychologen können eine Menge davon erzählen, wie viele Krankheiten daher kommen, weil Menschen einfach nicht loslassen können und alles krampfhafte Festhalten sich auf Organe und Muskeln übertragen kann. Wie also kann man „angemessen“ loslassen, ohne dass man sich verkrampft? Das ist ein Thema in vielen psychologischen und spirituellen Veröffentlichungen.

Ich habe für mich in der biblischen Geschichte vom verlorenen Sohn eine Idee gefunden, um mit neuen Situationen und veränderten Vorzeichen immer wieder klar zu kommen. In dieser berühmten Erzählung will ja der jüngere von zwei Söhnen seinen Erbteil vom Vater und geht damit in die  Fremde, wo er alles ziemlich schnell auf den Kopf haut. Das bringt ihn in eine schlimme Situation, er landet in der Gosse. Reumütig geht er zurück und wird von seinem Vater ohne Vorwürfe herzlich wieder aufgenommen. Der ältere Sohn, der daheim geblieben war, ist davon nicht begeistert, fühlt sich zurückgesetzt. Er symbolisiert den Widerstand.

Das Revolutionäre an der Erzählung ist die Erkenntnis, dass der barmherzige Vater letztlich für Gott steht. Jesus sagt mit diesem Gleichnis: Es ist Gott, der loslassen muss. Nämlich uns Menschen. Er lässt uns einfach gehen und machen. Und riskiert damit viel. Gott zwingt uns Menschen nicht - weder zum Glauben an ihn, noch zum Einhalten irgendwelcher Gebote oder Lebensformen. Er wagt viel, wenn er uns die Freiheit lässt.

Die Erzählung spricht von Gott als einem „barmherzigen Vater“, der auch dann da ist, wenn es ganz anders gekommen ist, als man es sich einmal ausgemalt hat.
Dass Gott bei allem freiwilligen oder unfreiwilligen Loslassen da ist und alle neuen Wege mitgeht, das ist die Verheißung dieses Gleichnisses, das uns Mut machen möchte, immer wieder loszulassen, weil sich nicht nur das Leben immer wieder ändert, sondern wir auch mit ihm.

Wir können uns doch nicht aus Angst vor jeder Form von Veränderung verschreckt zurückziehen. Oder ständig darauf bedacht sein, nur keinen Fehler zu machen.
Gott selbst ist jedenfalls einen anderen Weg gegangen. Er hat mutig das Loslassen zugelassen. Der Gott, der weiß, wie schwer alles Loslassen ist, macht mir Mut, mich immer wieder auf Neues einzulassen. Und Fehler machen, schuldig werden, falsche Entscheidungen treffen, das gehört alles dazu.

Bis heute bringen wir Menschen diesem neuen Bild von Gott, das Jesus in die Welt trägt, Widerstand entgegen. Wir denken oft wie der ältere Sohn in der Erzählung vom barmherzigen Vater. Der mag nicht loslassen und hält sich an seiner Sicht der Dinge fest.  Diese Erzählung ist und bleibt eine unerhörte Provokation, denn sie fordert mich auf, einem Gott zu vertrauen, der selbst ein Loslassender ist.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 19.08.2017 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche