Morgenandacht, 18.08.2017

von Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

Das Echo hören

Als Kind bin ich mit meinem Vater immer wieder gerne zu einem kleinen Bach gegangen, der in der Nähe unserer Wohnung vor sich hin plätscherte. An einer Stelle werden die Wände des kleinen Tales sehr steil und eng. Und mein Vater fing immer an, irgendetwas zu rufen, damit wir das kleine Echo von den Wänden hören konnten. Als Kind fand ich es wahnsinnig faszinierend, dass die Stimme meines Vaters dort aus der steilen Wand auf uns zukam. Mir war aber auch etwas unheimlich zumute und ich weiß noch, dass ich allen Mut zusammen nehmen musste, um das Echo selbst auszuprobieren. Ich konnte nicht glauben, dass die unbeweglichen Steine meine Stimme kannten und sie nachmachen konnten, so dachte ich eben als Kind.

Als wir später dann unseren Familienurlaub in den Schweizer Bergen verbrachten, konnten wir jeden Tag ausgiebig das „Echohören“ ausprobieren, manchmal in den Bergen, manchmal in den vielen kleinen Kapellen am Weg. Heute können wir Nachhall künstlich erzeugen, aber das hat nicht denselben Reiz wie in der Natur. Dort spürt man viel deutlicher das Echo als eine Art Antwort. Da kommt etwas zurück, weil ich einen Impuls gesetzt habe. Und beides kommt mir aus der Vergangenheit entgegen.

Dieses Bild habe ich immer vor Augen, wenn ich darüber nachdenke, was mir mein Glaube bedeutet. Da blicke ich immer zuerst in die Vergangenheit und frage mich, ob dort etwas zu finden ist, was mich in der Gegenwart trägt und hält. Und dann finde ich immer wieder etwas Neues. So, als würde jeder Suchimpuls ein neues Echo auslösen. Und es sind selten alltägliche und einfache Echos, sondern Erinnerungen an besondere Ereignisse und Erfahrungen, die als Nachhall in mir wahrnehmbar sind.

Im Sommer denke ich zum Beispiel an Fahrten durch Frankreich. Mein Heimatpfarrer hatte uns Jugendliche immer wieder mit auf Reisen genommen, um unseren Horizont zu erweitern. Und ich erinnere mich an unseren ersten Besuch in Taizé. Wir betreten die Kirche und ich sehe junge Menschen, die auf dem Boden liegen, andere, die in einer tiefen Verbeugung verharren, und dabei höre ich den leisen Gesang eines typischen Taizé-Liedes. Die vielen Wiederholungen hüllen mich ein wie ein Mantel aus Klängen. Heute noch kann das Summen einer dieser Melodien den Nachhall in mir verstärken in dem Gefühl: alles ist gut, du bist aufgehoben, lass dich fallen und tragen. So wie die Musik dich trägt, so trägt dich auch Gott. Solche Erinnerungen mit einem starken Echo nennt man ja manchmal auch „Gipfelerlebnisse“. Diese Bezeichnung geht auf den amerikanischen Psychologen Abraham Maslow zurück, der von „peak experiences“ spricht. Diese Erlebnisse haben einen so starken Nachhall, weil sie uns aus unserer Ich-Bezogenheit herausholen und uns mit etwas Größerem verbinden, so dass wir einfühlsamer und kreativer werden.

So wie im Evangelium die Jünger Jesu, die aus ihrer Glaubenstradition kommen und plötzlich mit Jesus aus dem Gewohnten herausgerissen werden. Ängstlich fragen sie nach der Zukunft. Und da nimmt Jesus sie mit auf einen Berg. Dort wird er vor ihren Augen in ein Licht gehüllt, sie sehen ihn verwandelt und hören eine Stimme, die sagt: „Dies ist mein geliebter Sohn, hört auf ihn!“

Wenn man dieses Ereignis aus der nachösterlichen Perspektive betrachtet, kann man sagen: die Erinnerung an Jesus hat in seinen Freunden und Begleiterinnen immer wieder einen starken Nachhall ausgelöst. Sie haben gespürt, welche verwandelnde Kraft von ihm ausgeht. Ohne diesen Nachhall gäbe es heute kein Christentum. Und mit diesem Echo gibt es auch heute noch so intensive Erfahrungen, dass Menschen aus ihrem Glauben heraus tätig werden, weil sie diesem Jesus vertrauen und seiner einfachen Botschaft, dass nur die Liebe die Welt und die Menschen rettet. Ich bin froh, dass mich dieser Nachhall immer wieder trifft, auch wenn ich wie als Kind meist nicht sagen kann, woher das Echo kommt.


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Dieser Beitrag wurde am 18.08.2017 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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